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Angeklagter bestreitet Wiege-Betrug

Aus dem Landgericht Angeklagter bestreitet Wiege-Betrug

Im Prozess um Betrugsvorwürfe gegen den ehemaligen Geschäftsführer der Marburger Rohstoffverwertung in Lahntal sind die Angeklagten zum größten Teil geständig – einige Fragen blieben am Donnerstag jedoch offen.

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Diesen Freitag wird der Prozess gegen den ehemaligen Geschäftsführer der Marburger Rohstoffverwertung fortgesetzt.

Quelle: Archiv

Marburg. Wegen einer ganzen Reihe an Vorwürfen müssen sich seit Donnerstag der ehemalige Geschäftsführer der Marburger Rohstoffverwertung (MRV) in Lahntal und seine beiden Söhne verantworten:

Es geht um gewerbsmäßige Untreue, Insolvenzverschleppung und Betrug. Und dabei ist ein weiterer Teil der Vorwürfe, die die Marburger Staatsanwaltschaft gegen den 56-Jährigen erhebt, noch nicht Gegenstand des Verfahrens. Denn die mutmaßliche Hinterziehung von Umsatzsteuer wurde bisher noch nicht verhandelt.

Sechs Stunden wurde am Donnerstag verhandelt, um Licht ins Dunkel zu bringen. Und die Beklagten legten in weiten Teilen Geständnisse ab – einige Punkte blieben jedoch bisher noch offen.

Oberstaatsanwalt Holger Willanzheimer warf dem ehemaligen Geschäftsführer und seinem älteren Sohn vor, Gussteile im Wert von gut 51.000 Euro, den die Gießerei Winter der MRV zur Weiterverarbeitung übergeben habe, weiterverkauft zu haben.

Der 31-jährige Sohn gab an, die Fahrten organisiert zu haben, ein Zeuge bestätigte, Guss erhalten zu haben – „als Ausgleich für vorher gelieferte Ware, die mit Anhaftungen verschmutzt war“, wie der Besitzer einer Rohstoffverwertung in der Nähe von Gütersloh erklärte. Das Verfahren wurde nach der Beweisaufnahme abgetrennt, der 31-Jährige auch wegen seines Geständnisses zur Zahlung einer Geldstrafe in Höhe von insgesamt 3000 Euro verurteilt.

27-Jähriger zeigt sich geständig

Der jüngere Sohn des Geschäftsführers hatte – gemeinsam mit der Lebensgefährtin seines Vaters – ein weiteres Unternehmen gegründet: Die MRH Metallverarbeitung in Dautphetal. Der 27-Jährige war mit der Frau als Geschäftsführer der GmbH eingetragen, das Stammkapital in Höhe von 25.000 Euro wurde eingezahlt.
Am selben Tag flossen jedoch 5000 Euro – deklariert als Darlehen – wieder aus dem Stammkapital ab, weitere 6000 Euro wurden an die Gesellschaft MRH zurückgezahlt. Auch kam es im Verlauf mehrerer Monate zu zahlreichen ungeklärten Barentnahmen. Die Gesellschaft geriet in der Folge in Zahlungsschwierigkeiten, es wurde jedoch keine 
Insolvenz angemeldet – das erledigte schlussendlich die Krankenkasse AOK, weil die Sozialabgaben nicht mehr flossen.

Der 27-Jährige war geständig und gab an, er habe unter dem Einfluss des Vaters gestanden – „was er sagte, wurde gemacht“, sagte er, zudem sei er mit der Buchhaltung überfordert gewesen. Auch sein Verfahren wurde schlussendlich vom Verfahren des Hauptangeklagten abgetrennt, der Sohn wurde zur Zahlung einer Geldstrafe in Höhe von 7200 Euro verurteilt.

Noch nicht aufgeklärt sind die Vorfälle, die sich nach der Abberufung des Mannes als Geschäftsführer der MRV zugetragen haben: Danach soll er in fünf Fällen zu unrecht Geld für sein neues Unternehmen generiert haben, indem er sogenannte „Doppelwiegungen“ veranlasst hatte.

Dabei wurde ein mit Schrott beladener Lastwagen auf der Waage der MRV zweimal gewogen – einmal wurde dabei das tatsächliche Nummernschild des LKW angegeben, beim jeweils zweiten Wiegevorgang ein fiktives. Dadurch entstand der Anschein, dass das Unternehmen des Angeklagten Schrott angeliefert habe – der Wert des Metalls, rund 13.000 Euro, wurde dem Firmenkonto gutgeschrieben.

Bauunternehmer stellte Rechnung nach Wunsch aus

Zudem soll der Angeklagte Reparaturarbeiten eines Bauunternehmens, das dieses sowohl auf dem Privatgrundstück als auch auf dem Firmengelände vorgenommen habe, als Firmenausgaben in Höhe von gut 8000 Euro verbucht haben.

Der Bauunternehmer sagte aus, er habe die Rechnung auf die Firma ausgestellt, weil es der Kunde so gewünscht habe – aus Angst, sonst keine weiteren Aufträge zu bekommen. Der Angeklagte ließ durch seinen Anwalt eine Erklärung verlesen. Darin räumte er die angeklagten Vorwürfe in weiten Teilen ein.

Vehement bestritt er 
jedoch, an den „Doppelwiegungen“ beteiligt gewesen zu sein. Als er vom neuen Firmeninhaber der MRV als Geschäftsführer abberufen worden sei, habe er das Firmengelände nicht mehr betreten dürfen, „ich habe quasi unter Bewachung gestanden“, sagte der 56-Jährige.

Dass es „Doppelwiegungen“ gegeben habe, bestätigte allerdings eine MRV-Angestellte, die damals an der Waage gearbeitet hatte: Rund ein Jahr lang sei es „sporadisch“ zu diesen Wiegungen gekommen. Als sie nach den Vorgängen an den beiden angeklagten Tagen befragt wurde, schwieg die 39-Jährige zunächst eine gute Minute lang und sagte dann: „Das war ich wohl.“ Sie wisse allerdings nicht, ob der Angeklagte damals noch Geschäftsführer der MRV gewesen sei oder nicht. Er habe ihr im Vorfeld versichert, dass die Wiegungen so in Ordnung seien, „das Material wäre da, hat er gesagt“.

Auch ein Beauftragter der Firma, die später die MRV übernahm, war auf das System der „Doppelwiegungen“ aufmerksam geworden. Er bestritt jedoch, dass der Angeklagte nach seiner Abberufung als Geschäftsführer unter Bewachung gestanden habe. Im Gegenteil: Der Angeklagte hätte „nach und nach so langsam“ sein Büro räumen sollen, er habe sich aber frei auf dem Gelände bewegen dürfen.

  • Der Prozess wird diesen Freitag ab 9 Uhr vor dem Landgericht in Saal 101 fortgesetzt.

von Andreas Schmidt

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