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Angeklagter beharrt auf Berechnungsfehler Stadtallendorfer sitzen in der Schuldenfalle

Schuldneratlas 2015 Stadtallendorfer sitzen in der Schuldenfalle

Im Landkreis gibt es weniger überschuldete Menschen. Das Niveau liegt unter dem Landesdurchschnitt. In Stadtallendorf sieht das allerdings anders aus: Vergleichsweise viele Einwohner sitzen dort in der Schuldenfalle.

„Schuldneratlas 2015“ zeigt: Zahl der überschuldeten Menschen im Landkreis sinkt – mit Ausnahme der Industriestadt im Ostkreis.

Quelle: Tobias Hirsch, Archiv

Marburg. Die Creditreform Gießen hat die Schuldnersituation in den von ihr betreuten Kreisen Marburg-Biedenkopf, Lahn-Dill und Gießen untersucht. Im Ergebnis liegen alle unterhalb des gesamtdeutschen Durchschnitts – der heimische Landkreis schneidet am Besten ab.

Laut dem „Schuldneratlas Deutschland 2015“ liegt die Schuldnerquote in Deutschland bei 9,92 Prozent. Das bedeutet, dass rund 6,7 Millionen Bürger über 18 Jahre überschuldet sind, berichtet Jan-Frieder Hain, Geschäftsführer der Creditreform Gießen.

Die Daten der Untersuchung belegen: In Hessen liegt die Schuldnerquote bei 10,0 Prozent. Mit einem Ergebnis von 8,13 Prozent liegt Marburg-Biedenkopf somit deutlich unter Landes- als auch Bundesdurchschnitt. Gleiches gilt für den Landkreis Gießen (9,22 Prozent) und den Lahn-Dill-Kreis (9,54 Prozent).

Jan-Frieder Hain erklärt: „Überschuldung heißt, dass der Schuldner seine fälligen Zahlungsverpflichtungen auch in absehbarer Zeit nicht begleichen kann und ihm zur Deckung seines Lebensunterhalts weder Vermögen noch Kreditmöglichkeiten zur Verfügung stehen.“

Die Ergebnisse für den Landkreis sind, wenn man ihn differenzierter betrachtet, nicht homogen – allerdings gehört das Hinterland mit Ausnahme von Gladenbach nicht zum Tätigkeitsgebiet der Creditreform Gießen und wurde deswegen nicht einzeln untersucht.

Gemeinde Weimar liegt 
im Altkreis an der Spitze

So sind die Schuldnerquoten im Stadtgebiet von Marburg allgemein sehr niedrig, besonders im Vergleich zu anderen hessischen Städten, und liegen auch unterhalb derer vieler ländlicher Gemeinden im Umkreis.

Die niedrigste Quote weisen mit 6,52 Prozent die Stadtteile Cappel, Bauerbach, Bortshausen, Cyriaxweimar, Ginseldorf, Gisselberg, Moischt, Ronhausen und Schröck auf. Die Marburger Kernstadt West verzeichnet 6,67 Prozent, gefolgt von den Stadtteilen des Postleitzahlengebiets 35041 mit 6,83 Prozent. Die höchste Quote innerhalb Marburgs mit 8,99 Prozent verzeichnet die Kernstadt Ost – also das Postleitzahlen-Gebiet 35039.

Die Ergebnisse seien zwar erfreulich, doch die Langzeitbetrachtung bereite der Creditreform „etwas Sorgen“, wie Hain erläutert. Denn seit 2009 seien die Quoten zwischen 0,7 und 1,55 Prozentpunkten gestiegen.

Die niedrigsten Schuldnerquoten im Untersuchungsgebiet des Altkreises Marburg, für den Creditreform Gießen zuständig ist, verzeichnen die Gemeinden Weimar (5,58 Prozent), Fronhausen (6,41 Prozent) und Ebsdorfergrund (6,52 Prozent). Die größte Verbesserung mit einem Rückgang von 0,59 Prozentpunkten weist Lohra (jetzt 7,33 Prozent) auf, den größten Anstieg mit 0,72 Prozentpunkten hingegen ­Amöneburg (jetzt 7,59 Prozent).

Hain: Prekäre Beschäftigungsverhältnisse oft schuld

„Mit einer Schuldnerquote von 10,23 Prozent ist Stadtallendorf der negative Ausreißer. Die Quote ist annähernd doppelt so hoch wie in Weimar und ist die einzige im alten Landkreis Marburg, die sowohl den Landes- als auch den Bundesdurchschnitt übersteigt“, so Hain.

Untersuche man die Verschuldungsgründe, zeige sich, dass der ehemalige Hauptauslöser Arbeitslosigkeit stark an Bedeutung verloren habe. Den Verlust des Zusammenhangs sieht Hain in der Zunahme so genannter prekärer Beschäftigungsverhältnisse: „Diese lassen zwar die Arbeitslosenquote sinken. Die hieraus resultierenden Einkünfte reichen jedoch in der Regel nicht aus, um sich aus einer Überschuldungssituation zu befreien.“ Den Mindestlohn beurteilt er dennoch skeptisch: „Ob er eine Verbesserung der Überschuldung mit sich bringt, oder ob damit auch Arbeitsplatzverluste verbunden sein werden, bleibt noch abzuwarten.“

Hain zeigt sich besorgt, dass gerade die Überschuldung im Alter stark zunehme. So habe der Zuwachs alleine in den 

vergangenen beiden Jahren bei den über 70-Jährigen 35,4 Prozent betragen, bei den 60- bis 69-Jährigen 12,4 Prozent.

Das Leistungsniveau der Rentenversicherung könne offensichtlich nicht verhindern, dass immer mehr ältere Menschen auf Grundsicherung angewiesen seien oder die Armutsrisikoschwelle unterschritten. Die Gefahr der Altersarmut werde durch die mangelhafte Rentenvorsorge noch verschärft.

Finanzkompetenz schon 
in der Schule verankern

Um effektiv gegenzusteuern, rät Jan-Frieder Hain zu höheren und gezielten Bildungsinvestitionen. Diese sollen die „Finanzkompetenz der gesamten Bevölkerung, aber insbesondere der jungen Verbraucher“ fördern und dieses Thema in der schulischen Bildung stärker einbinden.

Angesichts des vorhandenen Problemdrucks in Schuldnerfamilien, die oft seit langen Jahren verschiedenste soziale Problemlagen durchleben, empfiehlt Hain auch ungewöhnliche Projekte, um Entlastungen zu erreichen.

Er regt an, „Familienpaten“, die auch ehrenamtlich arbeiten könnten, zu installieren. „Diese können helfen, Kindern in dauerhaft überschuldeten Familien Orientierung und Hilfestellung für den Aufbau eines eigenen selbstverantwortlichen Lebens zu geben.“

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