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Angeblicher BND-Agent nimmt Frau aus

Aus dem Amtsgericht Angeblicher BND-Agent nimmt Frau aus

Eine ehemalige 
Sparkassen-Mitarbeiterin 
veruntreute 430.000 Euro und war vor Gericht auch geständig. Doch die 
Geschichte, die hinter dem Betrug steht, könnte aus Hollywood stammen.

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Mit Überweisungen auf ihr eigenes Konto veruntreute die Bankangestellte innerhalb drei Jahren 430.000 Euro.

Quelle: Federico Gambarini

Marburg. Die Angeklagte gab vor der Kammer unter dem Vorsitz von Richter Dominik Best zu, das Geld zwischen 2012 und 2014 durch Einzelabhebungen in Höhe von 1000 bis 50.000 Euro veruntreut zu haben.

„Ich war Opfer eines unglaublichen Betrügers, der mich in einem Netz aus Lügen und Versprechungen gefangen hielt, sodass ich jetzt ohne berufliche Perspektive, ohne Geld und mit angeschlagener Gesundheit dastehe“, so die 53-jährige Bankkauffrau.

Kennengelernt hatte sie den Betrüger, Herrn F., bereits 2001 als freundlichen und vertrauenswürdigen Kunden. Als 2011 der Bauernhof ihres Ehemannes nicht mehr lief und im Zuge dessen ihr dort tätiger Schwager mit bösartigen Anschuldigungen reagierte, wendete sich die Angeklagte an Herrn F.

Dieser behauptete, für den Bundesnachrichtendienst (BND) zu arbeiten, was er mit einem gefälschten Ausweis untermauerte. „Er hat mich eben überzeugt. Er meinte, wir Menschen vom Dorf müssten doch einander vertrauen – das kam bei mir an“, sagte sie.

Herr F. nutzte gutgläubig Angeklagte aus

Was folgte war eine jahrelange Tortur aus falschen Versprechungen und sukzessiver Ausnutzung. Immer wieder machte sich der Betrüger die familiären Probleme und grundsätzliche Angst der Angeklagten vor ihrem Schwager zu Nutze.

Zu Beginn behauptete er etwa, dass der Hof aufgrund der finanziellen Probleme im Internet zur Auktion stünde und er einen Verkauf nur verhindern könne, wenn sie ihm Geld zukommen lasse – nur so könnten seine BND-Beziehungen rechtzeitig Schlimmes verhindern.

Die Angeklagte, die damals keinen Internetzugang besaß, glaubte ihm und bezahlte in den ersten Jahren rund 150.000 Euro aus eigenem und familiärem Vermögen.

Weiterhin behauptete der Mann, dass der Schwager einen Sexfilm der Beklagten mit ihrem eigenen Sohn illegal hochladen und für jeden zugänglich machen wolle. An diesem Punkt hakte Richter Best sichtlich irritiert nach: „Moment mal, wo sollte Ihr Schwager solches Videomaterial denn herhaben?“ – „Na ja, der Herr F. hat mir dann so einen Film mit unkenntlich gemachten Gesichtern gezeigt. Das kann man ja heute alles so bearbeiten, und ich hatte davon ja auch keine Ahnung“, so die Frau.

Richter: Wie konnten sie den Schwachsinn glauben?

Der Betrüger benötigte auch in diesem Fall immer wieder Geld, um durch „einen Zugang in Amsterdam“ zu verhindern, dass der Schwager das vermeintliche Video in Umlauf brachte. Wie viel der mittlerweile geschiedene Ehemann von all dem wusste, wurde nicht klar, die Beschuldigte verdeutlichte jedoch, dass ihr Mann nie bereit gewesen wäre, selbst gegen seinen Bruder vorzugehen. Richter Best fragte abermals energisch nach: „Also bei allem Respekt, Sie sind gelernte und gestandene Bankkauffrau, wie konnten Sie denn jahrelang so einen Schwachsinn glauben?“

Die Beklagte sagte, dass ihre körperliche wie geistige Gesundheit bereits früh geschädigt worden waren. Ihr ominöser Freund habe ihr gesagt, ihr Schwager wolle sie mit Botox vergiften. Die Angeklagte vertraut der Schulmedizin nicht, sondern allein ihrer Heilpraktikerin. „Ich habe mich bei ihr testen lassen, und sie hat zunächst nichts gefunden. Als ich ihr sagte, dass es Botox sein könnte, machte sie den entsprechenden Widerstandstest und wir waren beide überrascht, als dieser anschlug.“ In den folgenden Jahren habe die Heilpraktikerin immer weitere Vergiftungen und Allergien festgestellt.

Gutachten, die belegen, dass keinerlei Giftstoffe im Körper der Beschuldigten sind, schenkt diese keinen Glauben. „Die testen ja nur Grobstoffe“, so die Angeklagte, aber ihre Heilpraktikerin würde auch Feinstoffe testen. „Ohne sie und ihre Bioresonanzbehandlungen wäre ich heute nicht mehr hier.“ Das Gericht verzichtete auf eine Anhörung der Homöopathin, da für die Urteilsfindung vor allem die psychische Belastung wichtig sei. Diese hatte in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen.

Angeklagte von Beginn an geständig

„Ich wurde immer verzweifelter. Als unser privates Geld nicht mehr ausreichte, ging ich schließlich dazu über, unbewegte Konten auf der Arbeit zu belasten. Ich habe immer wieder von diversen Sparbüchern hin und her überwiesen, damit das nicht auffällt“, erklärte sie.

Der Betrüger habe auch davon gewusst – „doch er meinte, es ginge nicht anders, sonst sei am Ende alles weg und mein Schwager käme ungeschoren davon. Deswegen durfte ich auch nicht zur Polizei, sonst könnte er seine BND-Kontakte nicht mehr nutzen.“ Staatsanwalt wie Richter waren sichtlich erstaunt über das Maß an Naivität und Gutgläubigkeit, das die Frau über Jahre hinweg an den Tag gelegt hatte.

Rechtsanwalt Thomas Strecker betonte jedoch die enorme Zwangslage: „Sie müssen sehen wie verzweifelt und verängstigt meine Mandantin war, mittlerweile sieht sie natürlich auch vieles anders, sie will jetzt so gut wie möglich mithelfen, dass der Betrüger belangt wird.“

Nachdem die Geldverschiebungen aufgefallen waren, hatte die Frau umgehend ihre Taten gestanden. Nach einem Vergleich vor dem Arbeitsgericht muss sie für die nächsten fünf Jahre 350 Euro monatlich zahlen. Da sie in ihrem Beruf schon aus psychischen Gründen nicht mehr arbeiten kann, strebt die Beklagte eine Frührente an.

Durch den Umfang und die zwar absurden, jedoch in sich schlüssigen Ausführungen der mit den Tränen kämpfenden Frau ließ sich der Staatsanwalt schließlich davon überzeugen, dass sie nicht in böswilliger Absicht oder mit dem Ziel, sich selbst zu bereichern, gehandelt hatte. Entsprechend forderte er eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren, die zur Bewährung ausgesetzt werden sollte. Richter Best schloss sich mit seinem Urteil den Ausführungen und dem Strafmaß an.

von Marcus Hergenhan

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