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Unterwegs auf „virtuellen Schienen“

OP-Gewinnspiel Unterwegs auf „virtuellen Schienen“

Der autonome Bus ist in Marburg angekommen: Derzeit vermessen Mitarbeiter des „R+V Innovation Lab“ die Strecke auf dem Gelände der Behringwerke, ab Montag geht der Bus auf Fahrt.

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Zehn Fahrgäste finden in dem Kleinbus Platz, der ab Montag im Pendelverkehr auf einer Teststrecke am Standort Behringwerke fährt. OP-Leser können Freifahrten gewinnen.

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. Langsam fährt das Garagentor eines Lagergebäudes von Pharmaserv am Standort Behringwerke in der Marbach nach oben. Und dann gleitet er leise aus dem Tor hinaus, der autonom fahrende Bus des französischen Herstellers Navya. Wobei er derzeit noch gar nicht alleine fährt. Vielmehr steht ein Mitarbeiter in dem Gefährt und steuert den Bus – mit dem Controller einer herkömmlichen Spielkonsole.

„Wir vermessen derzeit die Teststrecke“, erläutert Stefan Häfner vom „R+V Innovation Lab“. Dabei fährt der Bus die gut einen Kilometer lange Teststrecke langsam ab – mit rund einem Meter in der Sekunde. „Dabei erfassen Sensoren den gesamten Verlauf und zeichnen sämtliche Daten auf“, erläutert Häfner. Und die Sensoren sind vielfältig: GNSS-Antennen auf dem Dach des Fahrzeugs ermöglichen es, den Bus bis auf zwei Zentimeter genau zu lokalisieren – wesentlich genauer also, als mit GPS-Systemen, wie sie etwa in Navigationsgeräten zum Einsatz kommen.

Sogenannte Lidar-Sensoren und Stereo-Kameras erfassen beim Vermessen das Umfeld, registrieren Straßenränder, Gebäude und Kreuzungen ebenso, wie beispielsweise geparkte Autos. „Diese Daten schicken wir dann an den Hersteller und bekommen sie dann bereinigt zurück“, erklärt Häfner.

„Bereinigt“ bedeutet, dass Objekte, die mit der Strecke nicht unmittelbar zu tun haben – wie beispielsweise ein geparktes Auto – entfernt werden, sodass die reine Strecke mit all ihren Besonderheiten übrig bleibt. Dies ist dann die Referenzstrecke, auf der sich der Bus ab Montag selbstständig fortbewegt – „wir haben dann quasi ein virtuelles Schienensystem“, sagt Stefan Häfner. Die Strecke wird per USB-Stick aufgespielt, „aus Gründen der Datensicherheit ist das Fahrzeug nicht mit dem Internet verbunden – auch als Schutz vor Hackern“.

Auf Knopfdruck öffnen sich die Türen des Shuttles – auf den ersten Blick fällt auf, dass es weder Lenkrad noch Armaturenbrett gibt. Stattdessen hängen in Fahrtrichtung zwei Monitore, die ein Live-Bild von den Stereo-Kameras in Front und Heck des Fahrzeugs übertragen. Die Erklärung dafür liefert Häfner: „Für die Zulassung sind laut Straßenverkehrsordnung eigentlich zwingend Außenspiegel vorgeschrieben – aber wer soll denn in einem autonomen Fahrzeug dort hineinschauen? Also haben wir Kameras installiert, um die Zulassung zu bekommen.“ Insgesamt mussten rund 40 Umbauten an dem Bus vorgenommen werden, damit er überhaupt auf der Straße unterwegs sein darf.

Hintergrund

Mit einer Länge von 4,75 Metern und einer Breite von 2,11 Metern ist der Kleinbus nicht viel größer als ein Transporter, überragt aber mit einer Höhe von 2,75 Metern die meisten dieser Fahrzeuge. Leer wiegt der Bus 2400 Kilogramm, Karosserie und Fahrgestell bestehen aus mit Kohlenstofffaser verstärktem Kunststoff. Als Antrieb dient ein 15 Kilowatt-Elektromotor, voll geladen kann der Shuttlebus rund neun Stunden auf Achse sein.

An einer Seitenwand hängt ein weiteres Display, das permanent über Geschwindigkeit, Bremsverhalten oder Lenkeinschlagwinkel informiert. Für die Sicherheit während der Fahrt sorgen die zahlreichen Sensoren, die die erfasste Strecke permanent mit den gespeicherten Daten vergleicht. Taucht ein Hindernis auf, steht ein Auto im Weg oder kommen Fußgänger oder ein anderes Fahrzeug dem Bus zu nahe, bremst er ab und bleibt stehen.

Dann muss der „Operator“ eingreifen und entscheiden, wie die Fahrt weitergeht: Entweder, er wartet, bis ein Fußgänger den Bereich verlassen hat und gibt dem Bus das Signal, weiterzufahren – oder er greift zum Joystick und umfährt das Hindernis manuell.

Der Operator ist gesetzlich vorgeschrieben – denn laut Straßenverkehrsgesetz muss in autonom fahrenden Autos grundsätzlich immer eine Begleitperson an Bord sein, die den Verkehr und die Funktion des Autopiloten beobachtet und im Ernstfall manuell eingreift. „Das Fahrzeug trifft keine Entscheidungen – sobald irgendwas die festgelegte Route unterbricht, bleibt es stehen und übergibt an den Operator“, verdeutlicht Stefan Häfner.

Häfner hofft auf Akzeptanz bei Publikum

Die Route in Marburg hält keine großen Überraschungen parat – sie besteht jedoch aus einer permanenten Steigung beziehungsweise einer dauerhaften Bergab-Fahrt. „Da wird es spannend zu sehen, wie sich die Akku-Leistung bei dem kalten Wetter und der Steigung verhält“, sagt Häfner. Er ist auch auf die Reaktion der Fahrgäste gespannt – „das ist ganz wichtig für die Akzeptanz der neuen Technik.“

Der Bus wird von Montag bis Freitag von 9 bis gegen 17 Uhr im Pendelverkehr mit dem Startpunkt Pforte H2 auf dem Gelände der Behringwerke am Standort Marbach unterwegs sein.

Noch bis Freitagmittag können sich OP-Leser an unserem Gewinnspiel beteiligen: Wir verlosen vier Mal je zwei Plätze für eine Testfahrt, die am Montag um 16.30 Uhr stattfindet. Wer gewinnen möchte, schickt eine E-Mail mit dem Betreff „Testfahrt“ und seiner Telefonnummer an wirtschaft@op-marburg.de, die Gewinner werden telefonisch benachrichtigt.

von Andreas Schmidt

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