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Altenpflegerin erstreitet Abfindung

Arbeitsgericht Altenpflegerin erstreitet Abfindung

Abfindung statt Kündigung: Mit einem Vergleich endete gestern die Güteverhandlung zwischen der Marburger Altenhilfe und einer Altenpflegerin.

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Seit 1986 arbeitete die Klägerin im Altenzentrum der Stiftung St. Jakob am Richtsberg. Archivfoto: Tobias Hirsch

Marburg. Der Altenpflegerin war von Seiten der Marburger Altenhilfe GmbH am 16. Juli fristlos gekündigt worden. Seit Dezember 1986 arbeitete sie im Altenheim am Richtsberg.

Der Kündigung vorausgegangen waren laut Beklagtenseite drei Abmahnungen und zahlreiche Einzelgespräche, da die Frau angeblich die erforderliche Leistung nicht erbringe. Außerdem habe sie sich einer fehlerhaften Medikation schuldig gemacht: Im Nachtdienst habe sie einer Patientin statt der geforderten 40 Einheiten Insulin nur 36 verabreicht.

Die Marburger Altenhilfe hatte in ihrem Kündigungsschreiben vor allem auch das Dokumentationsverhalten der Klägerin gerügt. Auch die jüngste und schwerwiegendste Abmahnung vom Dezember vergangenen Jahres wurde zitiert: Demnach habe die 45-Jährige vom 28. Juni bis 1. Juli Nachtdienst gehabt. Eine Prüfung am 2. Juli habe ergeben, dass eine Patientenakte nicht bearbeitet wurde - entgegen einer Zielvereinbarung.

Die Klägerin entgegnete, dass sie die pflegerischen Arbeiten stets erfüllt habe. Probleme habe es lediglich bei der Dokumentation gegeben - sie verfüge während der Arbeitszeit nicht über die notwendige Zeit, die Fälle zu dokumentieren und müsse dies, wie andere Kolleginnen auch, außerhalb der Arbeitszeit nachholen.

In einem Fall zu wenig Insulin verabreicht

Im Falle des zu wenig verabreichten Insulins habe sie direkt den Blutzuckerspiegel der Patientin gemessen - dieser sei völlig in Ordnung gewesen.

In dem Fall, der zur Abmahnung führte, habe sie die Dokumentation bereits begonnen, aber noch nicht vollendet. Daher sei die Abmahnung unverhältnismäßig.

Rechtsanwalt Fridhelm Faecks, der die Altenhilfe St. Jakob vertrat, verdeutlichte, dass die Defizite der Altenpflegerin in mehreren Personalgesprächen deutlich gemacht wurden. „Es wurden immer wieder neue Zielvorgaben für die Dokumentation vereinbart, doch diese wurden immer wieder nicht eingehalten“, so Faecks. Nach drei „strengen Abmahnungen“ sei die Geschäftsführung schließlich zu dem Entschluss gekommen, „jetzt geht es nicht mehr.“ Man habe immer wieder mit der Klägerin gesprochen und den Eindruck gewonnen, dass sie „lethargisch war und nicht mehr könne oder wolle.“ Dies habe zu einer gefährlichen Situation geführt. Denn wenn die einzelnen Behandlungsschritte der Bewohner nicht ordentlich dokumentiert würden, bestünde im schlimmsten Fall die Gefahr einer Fehlmedikation. „Also musste die Reißleine gezogen werden“, so Faecks.

Geschäftsführer Jörg Kempf verdeutlichte, dass ihm dieser Schritt nicht leicht gefallen sei. „Wir haben die Mitarbeiter mehrfach geschult und dann die Zeit für die Dokumentation auch als Arbeitszeit gewertet“, erläuterte er. Somit sei sie zusätzlich vergütet worden. „Damit wollten wir den Druck aus der Angelegenheit nehmen.“

Richter Hans Gottlob Rühle stellte fest, dass der Dokumentation eine wichtige Rolle zukomme. Daher müsse die Klägerin ihr Verhalten dringend ändern: „Wenn Sie diesen Prozess gewinnen sollten, verlieren Sie den nächsten. Sie müssen das auf die Reihe kriegen“, machte er klar. Und verdeutlichte: „Eine zeitnahe Dokumentation ist wichtig. Denn unter Umständen weiß man zwei oder drei Stunden später nicht mehr genau, was man getan hat.“

Nach einer längeren Beratungspause stimmten die Parteien einem Vergleich zu: Der 45-Jährigen wird zum 31. August gekündigt, bis zu diesem Zeitpunkt ist sie bei weiterem Gehaltsbezug freigestellt. Zudem erhält sie eine Abfindung in Höhe von 6150 Euro, außerdem werden ihr ihre Überstunden vergütet.

von Andreas Schmidt

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