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Als der Strom nach Marburg kam

Ausstellung bei den Stadtwerken Als der Strom nach Marburg kam

In einer Ausstellung 
zeigen die Stadtwerke Marburg noch bis August, wie von Marburg aus der Landkreis „elektrifiziert“ wurde. Es waren im wahrsten Wortsinne „spannende“ Zeiten.

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Vor 111 Jahren ging mit der Herrenmühle am Rudolphsplatz Marburgs erstes Stromwerk ans Netz.

Quelle: privat

Marburg. Ein Leben ohne Strom wäre heute undenkbar. Nicht umsonst thematisieren Katastrophenromane, wie unsere Welt im Falle eines „Blackouts“ – also eines Stromausfalls – zusammenbrechen würde.

Ganz anders war dies zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Nur wenige Gebäude in Marburg waren damals bereits elektrifiziert. Doch das sollte 
sich ändern. Denn im März 1904 hatte die Marburger Stadtverordnetenversammlung beschlossen, dass die alte Herrenmühle am Rudolphsplatz, in der heute die Commerzbank beheimatet ist, zum Elektrizitätswerk umgebaut werden sollte.

Karin Brahms, Sprecherin der Stadtwerke, die die Ausstellung mit viel Liebe und Engagement zusammengestellt hat, weiß: „Man hatte zuerst das alte Gaswerk am Afföller als Standort überlegt. Doch der Netzausbau wäre zu teuer geworden.“ Daher habe man sich zur Lösung mit der Herrenmühle entschlossen.

Ein Mitarbeiter Hans Hilbergs bei der Wartung eines der Motoren. Fotos: Stadtwerke / privat

Der damalige Stadtbaumeister Louis Broeg legte am 1. Dezember 1904 erste Planungsentwürfe für den Umbau der Mühle vor, im Juni 1905 wurde mit den Arbeiten begonnen.

Zwei Wasserturbinen mit 120 Kilowatt Gesamtleistung, die im Mühlgraben hingen, sowie zwei Gasmotoren mit jeweils 266 Kilowatt sorgten für den ersten Strom in der Herrenmühle. Der Umbau hatte damals 600.000 Mark gekostet.

Zeitgleich begann der Netzausbau in Marburg: In einem ersten Schritt wurden 130 Abnehmer angeschlossen. Und das war ein gesellschaftliches Event, wie die historischen Aufnahmen in der Ausstellung zeigen:

Während auf dem Strommast die Arbeiter die Freileitung anschlossen, waren sie von zahlreichen Bürgern und Kindern umringt, die sich das Spektakel aus der Nähe anschauen wollten. Und auch beim weiblichen Geschlecht waren die Arbeiter, die die Leitungen legten, offenbar beliebt, wie Karin Brahms berichtet:

„Es gab den Ausspruch ,hütet euch vor den Männern, die auf den Masten sind – sie sind zwar unheimlich attraktiv, aber auch treulos‘ wurde den jungen Frauen gesagt – da muss es wohl einige Dramen gegeben haben.“

Ab dem 1. Januar 1906 wurden die Marburger erstmals mit Strom von den Stadtwerken versorgt. Doch nur zweieinhalb Jahre später kam es zu einer Beinahe-Katastrophe: Am 1. Juli 1908 brannte es in der Herrenmühle nach einem Kurzschluss. „Marburg ohne Licht, alle Metzgereien und Geschäfte erleiden großen Stillstand“, hieß es damals auf einer Postkarte.

Nach dem Brand in 1908 wurde die Herrenmühle zunächst mit einem Notdach gesichert

Das Gebäude wurde zunächst mit einem Notdach gesichert, nach acht Tagen lief die Stromversorgung wieder. Was damals eine reife Leistung war, wäre heute wohl eine Katastrophe. Ab dem Herbst 1910 wurde das Elektrizitätswerk wieder aufgebaut – in veränderter Form mit einem markanten Turm an der Biegenstraße. „Von dort aus wurde in den folgenden Jahren der gesamte Landkreis elektrifiziert“, sagt Karin Brahms.

1914 beauftragte der Landkreis das E-Werk damit, die Umlandgemeinden mit Strom zu versorgen. Und als 1929 die „Energie Aktiengesellschaft Mitteldeutschland“ (EAM) gegründet wurde, hatten die Marburger bereits 96 Ortschaften elektrifiziert.

Nach 1929 versorgte das Marburger E-Werk nur noch die Kernstadt und ­Ockershausen mit Strom. Und auch nach der Gebietsreform von 1974 blieb die historische Stromversorgungsstruktur erhalten. Erst mit Jahresbeginn 2016 wurden die letzten Außenstadtteile in das Stromnetz der Stadtwerke zurückgeführt. Darüber hinaus wurden die Stadtwerke Stromnetzbetreiber der „GrundNetz GmbH“.

Hans Hilberg ( Foto: Schmidt) ist quasi Zeitzeuge der Elektrifizierung des Landkreises: 1949 begann der heute 82-Jährige seine Ausbildung zunächst bei Elektro-Peil, wechselte dann aber nach dem Tod des Senior-Chefs zu den Stadtwerken. „Technik, das war genau mein Ding – und ist es auch heute noch“, sagt Hilberg. „Während der Ausbildung hatten wir noch unglaublich viel mit Gleichstrom zu tun“, erinnert sich der Senior.

Die Anlagen seien nach und nach umgerüstet worden. „In einer Schaltanlage an der Schützenstraße wurden Gleichstrom-Batterien ausgebaut, die dann auf dem Bahngelände in Container geladen wurden“, erzählt er. Und damit die Batterien nicht gestohlen wurden, mussten sie tagsüber bewacht werden. Eine der Aufgaben, die der Azubi übernehmen musste.

Nach der Ausbildung wurde er in 1952 zunächst nur für ein halbes Jahr übernommen, arbeitete dann in der „freien Wirtschaft“, wie er erzählt – unter anderem bei Radio-Brand oder bei Bonn und Tatje. „Aber ich bewarb mich wieder bei den Stadtwerken – und im Dezember 1959 kam ich zurück“, erinnert sich Hans Hilberg. Er arbeitete im Maschinenhaus der Herrenmühle am Rudolphsplatz.

Die alten Diesel-Anlagen – anfangs U-Boot-Motore – faszinierten den jungen Hans Hilberg. Später konnte er, wenn er mit einem Holzstöckchen als Hörrohr an den Maschinen horchte, genau hören, ob die Maschinen ordentlich liefen oder nicht. Denn die Motoren waren nicht ohne – „so mussten immer wieder die Kipphebel geschmiert werden“.

Die Mitarbeiter des Elektrizitätswerks stehen stolz vor den U-Boot-Motoren

Im Mühlgraben versahen damals zudem zwei Francis-Turbinen ihren Dienst – diese mussten jährlich gewartet und gereinigt werden. „Die Arbeit habe ich gerne gemacht, denn das war Technik – da habe ich mitgewurschtelt“, sagt er lachend.

Die Steuerung und Überwachung der Turbinen wurde ebenfalls modernisiert, „das war mein Meisterstück“, sagt Hilberg nicht ohne Stolz. 1965 wurde das Umspannwerk in der Stephan-Niederehe-Straße eröffnet. Vier Millionen Mark waren in den Bau geflossen, 32 Kilometer Kabel waren im Vorfeld verlegt worden.

Kernstück der Netzwarte, die später hinzukam, war eine Überwachungswand, auf der das gesamte Stromnetz abgebildet war. „Die Wand bestand aus tausenden Mosaiksteinchen“, sagt Hilberg. Und diese mussten an den Stellen, wo sie leuchten sollten, mit der Steuerung verdrahtet werden.

1977 löste Neubau am Krekel die Herrenmühle ab

Wenn es einen Fehler gab, leuchtete der entsprechende Netzteil auf, „das war eine unglaubliche Erleichterung der Arbeit“, sagt Hilberg, zu dessen Arbeit als Meister es auch gehörte, mit seinem Team Fehler im Kabelnetz zu orten. Denn man habe direkt zumindest den Netzstrang erkennen können, in dem der Fehler lag. „Dann konnten von der Warte aus direkt einige Stränge abgeschaltet werden“ – die Suchzeit habe sich dadurch extrem verkürzt. Auch damals galt bereits, das Problem möglichst schnell zu beheben, „damit die Leute ihren Strom 
hatten“.

„Es war eine spannende Zeit“, sagt Hilberg. Denn viele technische Neuerungen hätten Einzug gehalten. Das Netz wurde modernisiert, Schaltanlagen auf den neuesten Stand gebracht. „Die Technik ist für mich das A und O gewesen“, sagt Hans Hilberg. 1977 war das Ende der Herrenmühle als E-Werk gekommen: Die Stadtwerke bauten ihren heutigen Stammsitz am Krekel. Auch dort waren zunächst noch Schiffsdiesel im Einsatz, die aber mittlerweile längst ersetzt sind.

1991 ging Hans Hilberg in den Ruhestand. „Ich habe viele Neuerungen erlebt“, sagt der Technik-Begeisterte in der Rückschau. Allerdings nie so viele, wie im vergangenen Jahrzehnt mit der Entwicklung von Internet & Co. Auch da bleibt der 82-Jährige am Ball – er hat sich erst kürzlich ein neues Notebook 
gekauft.

  • Die Ausstellung „Elektrifiziert – 111 Jahre Stromversorgung“ in Foyer und Kundenzentrum der Stadtwerke ist montags bis donnerstags von 8 bis 16.30 und freitags von 8 bis 14 Uhr zu sehen.

von Andreas Schmidt

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