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„Abenteuer Inklusion“ in Kasachstan

Grundlagen des Behindertensports „Abenteuer Inklusion“ in Kasachstan

Ein Abenteuersucher ist Ingo Herde nicht. Aber er will sein Wissen weitergeben, das er als Lehrer und später als Leiter der Beruflichen Schulen Kirchhain gesammelt hat.

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Ingo Herde (rechts) bot eine Unterrichtseinheit zum Sitzvolleyball an.

Quelle: privat

Marburg. Eigentlich ist Herde seit drei Jahren im Ruhestand. Doch von der Arbeit lassen kann der 68-Jährige nicht. „Soll ich den ganzen Tag auf dem Sofa sitzen oder im Garten arbeiten? Das kann ich nicht“, sagt er. Schon seit seiner Pensionierung engagiert sich Herde im „Senior Experten Service“ (SES), arbeitete bereits bei einem Projekt an einer rumänischen Schule mit ( die OP berichtete ).

Im September folgte ein weiterer Auftrag: Die Uni Pavlador in Kasachstan suchte Unterstützung bei der Implementierung des Themas „Behindertensport“ und „Inklusionssport“ in die Ausbildung der Sportlehrer.

„Da ich sehr lange Sport unterrichtet habe und in dieser Zeit auch die Übungsleiterlizenz ,Behindertensport‘ erworben hatte, wurde ich vom SES angefragt. Hinzu kommt, dass ich seit 2014 einen Lehrauftrag in Fachdidaktik und Qualitätsentwicklung an der Universität Gießen habe“, erläutert Herde.­ Er nahm den Auftrag an und reiste nach Pavlodar – „mit acht Kilogramm Übergewicht im ­Gepäck, weil ich jede Menge­ Fachliteratur mitgenommen ­habe“, sagt er lachend.

Herde berichtet von „hoch motivierten“ Lehrkräften

Denn Ingo Herde hat sich auf den Einsatz lange vorbereitet. „Inklusion ist ja auch an den heimischen Schulen ein Thema, doch ein Patentrezept gibt es bisher auch bei uns nicht“, weiß der 68-Jährige. Er habe aber die Erfahrung gemacht, dass vor ­allem die Behindertensportverbände das Thema vorantrieben. „Von diesen gibt es sogar Unterrichtsmaterialien mit sehr guten Beispielen zur Inklusion im Sport.“

Also hat der umtriebige Pensionär die Vereine angeschrieben, Informationsmaterial gesammelt und ausgewertet – „das hat rund ein Vierteljahr gedauert“, sagt Herde. Die Stadt Pavlodar, in die Ingo­ Herde reiste, ist eine Industriestadt im Nordosten von Kasachstan mit rund 300.000 Einwohnern. Dort befindet sich die „Innovative Universität of Eurasia in Pavlodar“ mit ihren 5000 Studenten in verschiedenen Fachrichtungen – darunter die Pädagogik mit dem Fachgebiet Sport- und Körperkultur.

Unterrichtet werden sie von 300 Lehrkräften, die Herde als „hoch motiviert“ bezeichnet. „Allerdings beklagen sie eine geringe­ Wertschätzung, die sich auch im Lohn von 300 bis 450 Euro ­widerspiegelt. Ein Handwerker im Sanitärbereich soll angeblich mehr als das Doppelte verdienen“, erläutert der ehemalige Schulleiter.

Sowohl mit den Studierenden als auch mit den Dozenten erarbeitete Herde innerhalb von drei Wochen ein Curriculum, „das im kommenden Semester in einem Wahlpflicht-Modul für die Studierenden mündet. In diesem ist Inklusion und Sport mit Behinderten integriert.“

Angeboten wird für Behinderte nur Kraftsport

Den Bedarf habe die Universität erkannt. So gebe es in der Region rund 2000 Menschen mit Behinderung. An sportlichen Aktivitäten beteiligten sich indes nur etwa 40 Behinderte, „wobei nicht klar wurde, wo oder welche Behinderungen sie haben“, erläutert Ingo Herde. Und das sportliche Angebot sei sowieso sehr eingeschränkt. „Kraftsport ist in Kasachstan sehr beliebt. Und so wird auch für Behinderte ,Powerlifting‘ angeboten – das ist aber auch schon alles.“ Angebote, wie allgemeine Bewegungsspiele, das hierzulande sehr beliebte Rollstuhl-Basketball oder auch Tischtennis fehlen ganz.

In den drei Wochen erörterte Herde das Thema „Sport mit behinderten Menschen“ ausführlich. Ob bei Vorträgen mit Lehrkräften und Studierenden, einem „Runden Tisch“ mit Lehrkräften und Übungsleitern oder bei praktischen Übungen. „Ich habe eine Unterrichtseinheit Sitzvolleyball mit den Studierenden abgehalten, denn das ist eine sehr gute Möglichkeit, dass Behinderte und Nichtbehinderte gemeinsam sportlich aktiv werden.“

Zudem besuchte der Schröcker eine Einrichtung für Kraftsport, in der auch Menschen mit Behinderung trainieren – dort überreichte er dem Übungsleiter eine CD: „Methodik Kraft- und Beweglichkeitsschulung bei Querschnittslähmung“.

Das Interesse sei bei allen ­Beteiligten sehr groß gewesen. Schwierigkeiten gab es lediglich bei der Verständigung. „Englisch ging nur sehr schwierig, zum Glück hatte ich einen Dolmetscher an meiner Seite.“

Gastfreundschaft hat Ingo Herde stark beeindruckt

Und was bleibt nun von dem Besuch? „Ich hoffe, dass nun ein Transfer des Gezeigten auf die Gegebenheiten vor Ort stattfindet. Denn Ziel des SES ist quasi die Hilfe zur Selbsthilfe. Aber die Zielrichtung, Sport mit Behinderten als Chance zur Integration zu sehen, ist angekommen“, sagt Herde. Er habe bereits eine Einladung für kommendes Jahr, quasi zur Evaluation. „Das würde mich schon reizen“, gibt der 68-Jährige zu.

Denn: „Die Menschen in ­Kasachstan sind absolut gastfreundlich, das war schon sehr beeindruckend.“ Lediglich das­ Essen sei stellen­weise eine­ ­Herausforderung gewesen, ­„Haferschleim mit zwei ­Frikadellen zum Frühstück war nicht so mein Fall“, sagt er ­lachend. Auch das Nationalgericht „Beschbarmak“ habe er probiert: Pferde- und Hammelfleisch, Zwiebeln und Nudel­fladen auf einer großen Platte – das kann mit den Händen gegessen werden“, lacht Herde.

Doch warum setzt er sich ehrenamtlich für solche Projekte­ ein? „Ich habe im Leben so viel Erfahrung gesammelt, die ich gerne weitergeben möchte – denn ich glaube, dass ich noch eine ganze Menge mitteilen und so helfen kann“, sagt Ingo Herde. „Außerdem bin ich nach wie vor neugierig und möchte weiterhin über den Tellerrand ­hinausblicken und unterstützend helfen.“

von Andreas Schmidt

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