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24-Jähriger droht mit Blutrache und verliert Job

Arbeitsgericht 24-Jähriger droht mit Blutrache und verliert Job

Er habe zwar "Blutrache" gesagt, aber niemals wirklich jemanden angreifen wollen, sagte ein Arbeiter vor dem Arbeitsgericht Gießen, der gegen seine Kündigung klagte.

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Das Arbeitsgericht gibt Kirchhainer Firma mit der Entlassung grundsätzlich Recht.

Quelle: S. Hofschlaeger / pixelio.de

Gießen. Das Wort „Blutrache“ fiel im Raucher-Pausenraum. Ein 24-jähriger Arbeiter räumt ein, im März nach Ende der Schicht in einer Kirchhainer Fabrik dieses Wort im Vorbeigehen gegenüber einem Kollegen geäußert zu haben. Wenige Stunden später erfuhr auch der Arbeitgeber von der verbalen Attacke des jungen Mannes und feuerte diesen am nächsten Tag - fristlos.

Der Gekündigte klagte dagegen und nachdem es zwischen Ex-Arbeitnehmer und der Firma keine gütliche Einigung gab, sah sich Richter Hans Gottlob Rühle gezwungen, mehrere Kollegen zum Kammertermin als Zeugen zu laden. Alle bestätigten, dass das Wort „Blut­rache“ gefallen ist. „Es wird noch Blutrache geben“, soll der Kläger mit ernstem Ausdruck gesagt haben. Ein 54-Jähriger erklärte, dass der 24-Jährige dabei auch die Gestik des „Kehle abschneidens“ gemacht habe.

Die anderen Kollegen hatten Erinnerungslücken und waren sich unsicher, ob sie im Nachhinein von einer wirklich bedrohlichen Situation sprechen können. „Angst hatte ich nicht, aber es war ein kurzer Schock“, sagte ein 25-jähriger Zeuge. Ein 24-jähriger Kollege sagte aus: „Wenn so etwas zu mir gesagt worden wäre, hätte ich ein beängstigendes Gefühl“. Mehrmals musste Rühle die Zeugen bitten, die Situation möglichst genau zu beschreiben. Die Aussagen der jungen Männer ergaben „ein diffuses Bild“, meinte die Anwältin des Klägers.

Wort „Blutrache“ sollte ein Scherz sein

Bevor es zu dieser Situation kam, war folgendes vorgefallen: Der Kläger war in die Spätschicht am Packtisch in der Versandabteilung eingeteilt worden - gemeinsam mit einer weiteren Person. Der Kollege, der am nächsten Tag an diesem Arbeitsplatz tätig war, fand den Tisch dreckig vor. Er beschwerte sich beim Abteilungsleiter, der Kläger wurde gerügt. Der 24-Jährige empfand dies als ungerechtfertigt, denn es habe ja noch ein weiterer Kollege an dem Packtisch gearbeitet.

Für die Verschmutzung sei er nicht verantwortlich gewesen, sagt der Kläger. Aus diesem Grund sei er über die Rüge verärgert gewesen. Das Wort „Blutrache“ soll er aber „scherzhaft“ gemeint haben, erklärte die Anwältin. Von Bedrohung könne keine Rede sein. Das Wort „Blutrache“ galt im besagten Pausenraum dem Kollegen, der sich über den 24-Jährigen beschwert hatte. „Ich habe das Wort auf mich bezogen“, so der Zeuge.

Der Prokurist des Unternehmens betonte, dass es in seiner traditionsreichen Geschichte bisher nur einmal einem Mitarbeiter fristlos gekündigt habe. Dass es diesmal zu dem harten Mittel griff, habe einen Grund: „In ihrer ersten Aussage empfanden dies alle Kollegen, die im Pausenraum waren, als Bedrohung und beängstigend“, so der Prokurist. Rühle entgegnete: „Entweder ist das Gedächtnis ihrer Mitarbeiter so, dass sie sich nicht erinnern oder sie wurden vom Kläger eingeschüchtert. Dann fragen Sie sie. Oder es war nicht bedrohlich und daher erinnern sie sich. Vielleicht auch, weil sie sehr männlich sein wollen und keine Angst zeigen.“

Richter: Hier gibt es keine Blutrache

Sollte der Arbeitgeber der Ansicht sein, dass der Kläger seine teils gleichaltrigen Ex-Kollegen eingeschüchtert habe, sollte er Strafanzeige stellen, sagte Rühle. Der Arbeitgeber hätte damals die ersten Aussagen der Kollegen schriftlich festhalten müssen.

Deutlich äußerte sich Rühle in der grundsätzlichen Bewertung: Die Drohung mit Blutrache dürfe nicht geduldet werden. „Wir sind hier nicht im Orient und nicht in Gebieten, wo Blutrache herrscht“, sagte er zum Kläger, der ausländische Wurzeln hat. Dem Prokuristen erklärte Rühle: Er rate immer von der „Keule“ - der fristlosen Kündigung - ab. Am Ende einigten sich die Parteien darauf, die Kündigung umzuwandeln - dem Mann wird aus „betriebsbedingten Gründen“ gekündigt. Das Wort „Blutrache“ soll weder in der Kündigung noch im Arbeitszeugnis auftauchen.

von Anna Ntemiris

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