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Szenen einer Ehe: Schäfer-Gümbel gegen Bouffier

TV-Duell in Hessen Szenen einer Ehe: Schäfer-Gümbel gegen Bouffier

Neun Tage vor der hessischen Landtagswahl haben sich Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) und sein SPD-Herausforderer Thorsten Schäfer-Gümbel im Hessischen Rundfunk ein aggressives Duell geliefert. Inhaltlich gab es wenig Neues.

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Kurz vor Beginn der Aufzeichnung eines TV-Duells unterhalten sich der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU, rechts) und sein SPD-Herausforderer Thorsten Schäfer-Gümbel im Studio des Hessischen Rundfunks (hr) in Frankfurt. Foto: Boris Roessler

Quelle: Boris Roessler

Frankfurt. Es erinnert ein wenig an Loriots „Szenen einer Ehe“. Da streiten sich zwei, die sich seit Jahren kennen, werfen sich fehlende Glaubwürdigkeit vor, hacken auf den Fehlern des anderen herum und kramen alte Geschichten hervor. Natürlich sind Volker Bouffier (CDU) und Thorsten Schäfer-Gümbel (SPD) kein altes Ehepaar. Die beiden Herren verbindet wenig bis auf die Tatsachen, dass sie aus Gießen kommen und dass jeder die nächste hessische Landesregierung führen will. Dennoch war man als Zuschauer nach dem TV-Duell ähnlich ratlos wie ein Unbeteiligter, der gerade einen Ehestreit miterlebt hat: Worum geht es hier eigentlich? Wer hat Recht? Wer lügt?

Die erste Attacke in diesem bissigen Streitgespräch reitet nicht der Herausforderer, sondern der Amtsinhaber. Gleich zu Beginn wirft Bouffier seinem Gegenkandidaten vor, er strebe insgeheim ein rot-rot-grünes Bündnis mit der Linken an. Angespornt von der jüngsten Umfrage von Infratest dimap, die auf eine knappe schwarz-gelbe Mehrheit hoffen lässt, setzt Bouffier während der gesamten Sendung auf Angriff.

Der SPD-Kontrahent gerät sofort in die Defensive und muss sich verteidigen, bleibt aber bewusst höflich. Schäfer-Gümbel müsse endlich die Frage beantworten, die die Wähler am meisten interessiere, fordert Bouffier: „Sie haben jetzt die Chance zu sagen: Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, ich regiere nicht mit der Linken“.

Vage Aussage zu Linken

Doch der SPD-Politiker bleibt bei der vagen Aussage, dass er für Rot-Grün kämpft, aber „formal“ nichts ausschließen will. Das ist für ihn die logische Konsequenz aus dem Absturz, den die hessische SPD erlebt hat, nachdem Andrea Ypsilanti ihr Wort gebrochen hatte und doch mit der Linken anbandeln wollte. Bouffier würde ihm ja ohnehin nicht glauben, ärgert sich Schäfer-Gümbel: „Das Einzige, was Sie mir glauben würden, wäre: Ich will Rot-Grün-Rot. Aber ich will es nicht.“ Schon jetzt wird klar, dass man eigentlich keinen Moderator braucht, um Bouffier und Schäfer-Gümbel aufeinander loszulassen. Die Kombattanten stellen sich nicht nur gegenseitig die Fragen, sie leiten auch selbstständig auf neue Themen über.

HR-Fernsehchef Alois Theisen bleibt die traurige Nebenrolle, Bouffier gelegentlich an die Zeit zu erinnern („Herr Bouffier, Sie sprengen unser Abendprogramm“).

Mit mäßigem Erfolg: Wichtige landespolitische Themen wie Innere Sicherheit, Wirtschaft und Arbeit sind nach 75 Fernsehminuten nicht einmal angerissen. Schäfer-Gümbel wirkt während des Gesprächs ernst und angespannt - ganz im Gegensatz zu Bouffier, der trotz der Attacken gegen die Opposition mittels seiner tiefen Kontrabassstimme und seines direkten Kamerablicks den Landesvater mimt.

Der Gegenkandidat versucht, mit dem Thema Steuergerechtigkeit zu punkten. „Wir wollen dafür sorgen, dass nach dem 22. September die Kavallerie endlich ausrückt“, fordert Schäfer-Gümbel ein schärferes Vorgehen gegen Steuerhinterzieher.

Die strafbefreiende Selbstanzeige für Steuersünder will er abschaffen, den Fahndungsdruck erhöhen und weiterhin Steuer-CDs ankaufen. Bouffier wirft ihm vor, die SPD habe das Steuerabkommen mit der Schweiz blockiert: „Wir hätten viel mehr Geld, wenn Sie es nicht verhindert hätten“, sagt der Amtsinhaber. „Und wir hätten einen Persilschein für Steuerhinterzieher“, kontert Schäfer-Gümbel.

Ähnlich unentschieden verläuft die Diskussion zum Thema Schule. Schäfer-Gümbel kritisiert die verkürzte Gymnasialzeit G8 und fordert, man müsse Schule „vom Kind her denken“. Bouffier behauptet zum erneuten Male, die SPD wolle eine „Einheitsschule“ und wolle die Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 abschaffen. Schäfer-Gümbel entgegnet, die schwarz-gelbe Regierung rede zwar von Wahlfreiheit, verwehre sie den Eltern und Schülern aber. „Sie sagen das eine und tun das andere“, geht er zu persönlichen Attacken über. Bouffier legt ebenfalls nach: Die SPD wolle das Sitzenbleiben und die Schulnoten abschaffen, und Schäfer-Gümbel selbst habe diese als „Selektions­mechanismus und Dressurakt“ bezeichnet. Der Angegriffene widerspricht: Das habe er nie gesagt. Bouffier kündigt an, seinem Herausforderer nach der Sendung schriftlich nachzuweisen, was er gesagt hat. „Dann kriegen Sie die Antwort auf Face­book“, sagt Schäfer-Gümbel.

Immerhin unterhaltsam

Inhaltlich gibt Bouffier immerhin preis, dass Betreuungsangebote für Schüler nicht ohne Gebühren finanzierbar seien. Studiengebühren werde es mit ihm hingegen nicht geben. Auch Verbesserungen für Landesbedienstete durch eine Rückkehr in die Tarifgemeinschaft der Länder - wie sie die SPD fordert - lehnt er klar ab.

Beim Thema Länderfinanzausgleich geht es schließlich so sehr ins Detail, dass Moderator Theisen irgendwann die Notbremse zieht: „Jetzt werde ich zum Länderfinanzausgleich nichts mehr zulassen, das verstehen ja selbst viele Ver­fassungsrichter nicht.“ Für den Zuschauer bleibt nur die Erkenntnis, dass Bouffier gegen den Finanzausgleich vor dem Bundesverfassungsgericht klagt, Schäfer-Gümbel hingegen die Klage für riskant hält. Neu ist das auch nicht.

Immerhin ist es unterhaltsam, wie sich die beiden gegenseitig attackieren. „Jetzt rede ich, ich habe Ihnen vorhin auch zugehört“, schimpft Schäfer-Gümbel, wenn ihn Bouffier zum x-ten Mal unterbrechen will. Noch häufiger fällt der Satz „Das ist der Unterschied zwischen uns“. Allerdings: Bessere Kinderbetreuung, sinkende Neuverschuldung und eine erfolgreiche Energiewende verspricht der Amtsinhaber genauso wie der Herausforderer.

Nach Punkten gewonnen hätte wahrscheinlich Bouffier. Moderator Theisen, der eigentlich nicht als spezieller Freund der SPD gilt, rettet Schäfer-Gümbel ein paar Mal vor allzu scharfen Hieben des Amtsinhabers. Immerhin, in ihren Schlussworten setzen die Rivalen klar unterschiedliche Schwerpunkte: „Ein Land, das so erfolgreich ist, braucht keinen Kurswechsel“, sagt Bouffier. „Ich möchte nicht noch einmal Rot-Rot-Grün, das ist der kontrollierte Abstieg.“ Schäfer-Gümbel hingegen verspricht „mehr Respekt“ für hart arbeitende Menschen und Familien. „Ich will, dass dieses Land sozialer und gerechter wird.“

von Stefan Dietrich

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