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Sprechblasen lassen ihn "austicken"

Jörg Behlen (FDP) im Porträt Sprechblasen lassen ihn "austicken"

Einer, der sein konservatives Weltbild demonstrativ vor sich herträgt, ohne es jemandem aufdrücken zu wollen - so sieht sich Jörg Behlen selbst.

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Jörg Behlens Arbeitsplatz: Der Landwirt bewirtschaftet einen Hof im Ebsdorfer Grund. Das Lieblingsbild Jörg Behlens, das ihn mit seiner Frau Annette zeigt, entstand in Berlin auf der Hochzeit seines eigenen Trauzeugen.Fotos: Thorsten Richter/privat

Marburg. Gar nicht so einfach, das Bild eines Menschen zu zeichnen, über den sich jeder schon ein Bild gemacht zu haben scheint - fragte man in diesen Tagen auf der Straße oder im Bekanntenkreis Menschen nach Jörg Behlen, bekäme man in aller Regel zur Antwort: Das ist doch der, der die Grünen als Ökofaschisten beschimpft.

„Ja, stimmt, ich drücke mich wohl oft zu hart aus, bedenke die Folgen meines Handelns nicht und beleidige Menschen“, räumt der Liberale ein. Ein gesundes Maß Selbstkritik scheint zumindest in diesem ersten Tal der Rechtfertigung des streitbaren Bundestagskandidaten der FDP zu stecken. Doch eigentlich reagiere er nur auf die „Sprechblasen der Politik, die mich dazu verleiten, verbal auszuticken.“

Wer „austickt“ und riskiert, dabei mitunter massiv missverstanden zu werden, der will eigentlich so gar nicht hineinpassen ins konsensgeprägte Korsett der deutschen Parteiendemokratie. Selbst seiner eigenen Partei, der FDP, gibt Jörg Behlen keinerlei Garantie dafür, dass er für bedingungslose Linientreue steht: „Mir wurde ja bereits mit Parteiausschluss gedroht“, sagt Behlen und spricht in diesem Zusammenhang von Jörg-Uwe Hahns Machtwort ebenso wie von „subtileren Disziplinierungsversuchen“ innerhalb der Partei.

Warum in aller Welt sucht jemand, der ein ums andere Mal bei Freund wie Feind aneckt, dann überhaupt die politische Bühne? „Eine Mischung aus Profilneurose und Geltungssucht“, sagt Jörg Behlen und lächelt dabei mit dieser schwer lesbaren Mischung aus verschlagener Ironie und offener Lebensfreude.

Das könnte man einfach mal so stehen lassen mit der Profilneurose, doch der Nachhall des Gesagten will suggerieren: Nicht ich, sondern der Rest der politischen Klasse ist von Geltungssucht getrieben. Sich selbst dagegen dekliniert der Agraringenieur auf jemanden herunter, der allenfalls ein gewisses Maß an Sendungsbewusstsein hat: „Aber das hat ja wohl jeder, der sich irgendwo engagiert.“

Der junge Jörg Behlen engagierte sich beim Ring christlich-demokratischer Studenten, als er noch an der Gießener Justus-Liebig-Universität studierte. Doch was er damals für ein sinnvolles ideologisches Gegengewicht innerhalb der hochschulpolitischen Landschaft hielt, setzte sich in der späteren Vita nicht nahtlos fort. Seine wertkonservativen Weltanschauungen hätten durchaus nahegelegt, sich in den Dienst der CDU zu stellen. Doch Naheliegendes scheint Behlen prinzipiell fern zu liegen, und außerdem kam die deutsche Wiedervereinigung dazwischen: Die „Lügen der bürgerlichen Koalition“ hätten ihn seinerzeit davon abgehalten, bei der Union längsseits zu gehen: „Es war doch klar, dass man die Kosten der Wiedervereinigung nicht aus der Portokasse hätte zahlen können, aber genau das hat die Politik den Menschen weismachen wollen.“

Konsequent wäre es vor diesem Hintergrund wohl gewesen, eine eigene Partei zu gründen, anstatt in die FDP einzutreten, resümiert der Liberale.

Doch sie waren offenbar hinreichend da, die Berührungspunkte zwischen seinem eigenen Weltbild und dem der Freidemokraten. Und so stand und steht in Jörg Behlen ein Mensch in den Reihen der FDP, der als unkalkulierbarer Störfaktor dafür sorgt, dass der Ruhepuls seiner Partei immer wieder auf Hundertundachtzig gebracht wird. Längst wäre die FDP wohl eines solchen Provokateurs überdrüssig, wenn sie nach jeder verbalen Spitze nur Schadensbegrenzung betreiben und Scherben zusammenkehren müsste. Doch irgendwie scheinen die Liberalen zu ahnen, dass es neben der im Akutfall negativen Außenwirkung des politischen Handelns von Jörg Behlen auch so etwas gibt wie das Signal: In der FDP ist Platz für jede Meinung, so weit sie auch neben dem Mainstream liegen mag.

Mit einem wie Behlen zur Abwechslung mal über etwas anderes als Politik sprechen zu wollen, ist schwierig bis unmöglich - es sei denn, man erwischt ihn mitten im Privat- und Familienleben: „Da wird die Politik komplett ausgeblendet, das ist eine persönliche Verabredung zwischen mir und meiner Frau Annette.“ Eine weitere Verabredung zwischen den Eheleuten, die mittlerweile zwei Kinder haben: Nie in die Berufspolitik! „Als Kreisvorsitzender der FDP bringe ich gerade noch so alles unter einen Hut - Arbeit, Privatleben, Politik.“

Außerdem, meint der 1968 geborene Behlen, spiele sich die eigentliche politische Willensbildung ohnehin an der Basis in der ehrenamtlichen Politik ab. Ehrenamtlich - das heißt unter anderem auch, „das Geld für den Wahlkampf selbst mitzubringen, anstatt von der Partei finanziert zu werden.“

Steckbrief: Jörg Behlen

Alter: 45

Geburtsort: Marburg

Beruf: Bauer

Was für ein Auto fahren Sie?: Skoda Superb, ein fahrbarer Untersatz ohne jedes Prestige.

Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen?: Atlas shrugged (Atlas wirft die Welt ab) von Ayn Rand – die „Bibel“ für jeden Libertinären.

Politisches Vorbild: Niemand

 

Für welches Themengebiet würden Sie sich bei „Wer wird Millionär?“ eignen?: Politik

Wovon haben Sie keine Ahnung?: Freiwillige Unterordnung.

von Carsten Beckmann

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