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"Sisyphos war ein glücklicher Mensch"

Janis Ehling im Porträt "Sisyphos war ein glücklicher Mensch"

Der gebürtige Berliner Janis Ehling bewirbt sich auf ein Bundestag-Direktmandat. Will er wirklich mit 28 und ohne Abschluss schon in die Hauptstadt zurück? "Nein", aber die Möglichkeit, linke Themen in den Wahlkampf einzubringen.

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Janis Ehling will für die Linke in den Bundestag. Sein Lieblingsbild zeigt den gebürtigen Berliner am Marburger Schloss beim Blick über die Stadt. 

Quelle: Privatfoto

Marburg. Janis Ehling und ich treffen uns an der Mensa. Man merkt schnell, dass er hier viel Zeit verbringt. Jeder Zweite kennt ihn und grüßt: „Hallo Janis“. Bis kurz vor seiner Kandidatur war Ehling Referent des Marburger Asta, der Vertretung der Marburger Studierenden.

Man kennt ihn hier und überhaupt ist die Uni der Mittelpunkt seines (politischen) Lebens. Seit Jahren sitzt Janis Ehling im Vorstand des Sozialistisch Demokratischen Studierendenverbandes (SDS) der Linken. Auch diesen Sommer war er für den Bundesverband ständig unterwegs: „Ich war in Würzburg und Freiburg aber auch Jena, Greifswald, etc.“ Und immer wieder in Berlin, weil da seine Freundin wohnt und als Geschäftsführerin des SDS arbeitet. „Ich koche mir später was. Ich muss noch zwei Hausarbeiten schreiben“, antwortet er auf die Frage, ob wir in der Mensa zusammen etwas essen. Also nur eine Bionade: Warum Hausarbeiten schreiben, während die Kandidaten der großen Parteien Flyer verteilen oder auf dem Marktplatz stehen, also Wahlkampf machen? „Ich muss mein Studium beenden und wenn ich den Abschluss zügig schaffen will, dann muss ich jetzt eben beides machen“, sagt Ehling.

Bei einer Bewerbung für das Marburger Studierenden-Parlament hat der Linke mal „kochen, lesen und Prokrastination“ als Hobbys angegeben, also das „Vor-sich-herschieben“ von Dingen.

Der Typ „Workaholic“

Wie passt das mit dem Ehling zusammen, der ständig unterwegs ist? „Ne, ich bin eher der Typ Workaholic“, sagt er. Morgens liest er als Erstes seine Mails, scannt fünf Zeitungen nach den Themen des Tages und erstellt eine To-Do-Liste. „Dann arbeite ich alles ab, bis ich nicht mehr kann“, sagt Ehling. Fast jeden Abend stünden im Moment noch Polit-Treffen an und in Wahlkampfzeiten jede Menge Gesprächsrunden oder Präsenz-Termine. Im Gegensatz zu den großen Parteien ist der Bundestagswahlkampf für Ehling eine One-Man-Show. Hin und wieder fährt ihn ein Genosse auf die Wahlkampftermine im Landkreis. Er selbst hat keinen Führerschein.

Im letzten Semester hätte er vielleicht drei freie Tage gehabt, sagt der 28-Jährige. Dann würde er eben einfach gerne nichts tun. Prokrastinieren, im Bett liegen und lesen. In seinem acht Quadratmeter großen Zimmer in Marburg ständen dafür über 1500 Bücher zur Verfügung. Bücher, seine Eltern und Nazis sind der Grund, warum Janis Ehling überhaupt politisch aktiv geworden ist. Er kommt aus Ost-Berlin, wo es nach der Wende ein großes Nazi-Problem gab. „Da wurdest du einfach verprügelt, wenn du anders aussahst. Bunte Klamotten haben schon ausgereicht“, sagt Ehling. Humanismus und soziale Gerechtigkeit seien Werte gewesen, die er aus dem Elternhaus mitgenommen habe. Und er hätte sehr früh angefangen viel zu lesen, sich für linke Theorie und Philosophie zu interessieren. „Nur Parteien waren noch nicht so richtig mein Ding“, sagt Ehling. In Berlin habe die Linke damals in der Regierung auch viel Mist gemacht, unter anderem die Wohnungsbau-Gesellschaften privatisiert. „Für mich war klar, wenn ich Politik mache, dann nur in einer Partei, die konsequent für soziale Gerechtigkeit einsteht“.

Karrierestart: Demonstrant

In Berlin wäre er vorrangig bei Demos dabei gewesen. „Ich war eben G8-Gegner und auch bei ,No-Nato‘ in Frankreich dabei“. Ehling begann in Berlin auch sein erstes Studium: Philosophie, Theologie und Geschichte. „Ich hab aber irgendwann gemerkt, dass ich etwas Konkretes brauche“. Marburg lockte mit einer organisierten linken Studentenschaft, er fing hier vor fünf Jahren an Politikwissenschaften zu studieren und trat der Linken bei.

Das Leben in und mit einer Partei findet er inzwischen sinnstiftend, aber mitunter auch sehr anstrengend. „Professoren, Ärzte auf der anderen Seite Hartz-4-Empfänger, Auswanderer, die Gewerkschaften, das Studi-Milieu. Und die Leute so alle miteinander, das ist halt ´ne schwierige Mischung“, sagt Ehling. Aber das müsse einer Partei letztlich gelingen und eben auch einer Gesellschaft, die er als gerecht empfinden würde. Auf Bundesebene wäre das eine Gesellschaft, die einen gesetzlichen Mindestlohn einführt. Prekäre Beschäftigung würde seit 12 oder 13 Jahren in Deutschland zunehmen, jetzt feiere man zu Unrecht ein kurzes Zwischenhoch. Aber Gerade in Sachen Ökonomie - ein Gebiet, das für die Linke ziemlich wichtig sei - „sind die meisten Menschen überhaupt nicht alphabetisiert“, sagt Ehling.

Das Lieblingswerk des Bücherwurms Janis Ehling ist übrigens „Der Mythos des Sisyphos“ vom berühmten französischen Philosophen Albert Camus. Da heißt es am Ende: „Der Kampf gegen Gipfel verheißt ein Menschenherz auszufüllen. Man muss sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen“. Mit 17 habe er die Linke immer für naiv gehalten, sagt der Student. Er habe erst später gelernt, dass es in erster Linie darum gehe, sich zu engagieren und etwas Sinnvolles zu tun. „Veränderung funktioniert eben nur in kleinen Schritten“.

von Tim Gabel

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