Volltextsuche über das Angebot:

26 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Nachtwächter-Geschäftsführer ist FDP-Kandidat

Christoph Ditschler Nachtwächter-Geschäftsführer ist FDP-Kandidat

Immobilienverwalter, Schnapshersteller, Erfinder und Doktorand - Christoph Ditschler hat viele Jobs. Jetzt zieht er auch noch für die FDP in den Wahlkampf.

Voriger Artikel
"Wir wollen nicht immer nur Recht haben"
Nächster Artikel
Volker Bouffier in Gladenbach

FDP-Kandidat Christoph Ditschler in der alten „Nachtwächter“-Brennerei. Foto: Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. In der alten Brennerei an der Barfüßerstraße atmet man sozusagen Stadtgeschichte. Der 150-Liter-Kessel stammt aus dem Jahr 1901 - und auch der Apothekerschrank, die Glaszylinder und die Laterne sind historische Exemplare aus der Kaiserzeit. „Wir haben hier ein großes Sammelsurium an Antiquitäten“, sagt Christoph Ditschler ein wenig stolz. Einmal im Monat macht der Schlossbus der Erinnerungstour „Alt Marburg“ hier Station. Ditschler, ein eloquenter junger Mann mit seriösem Auftreten und gewinnendem Lächeln, zeigt dann den Besuchern die Räume, wo bis 1988 der „Marburger Nachtwächter“ gebrannt wurde. „Traditionspflege“ nennt der FDP-Kandidat im Wahlkreis 13 (Marburg/Ostkreis) das.

Der 30-Jährige und seine Frau Floriane Pfeiffer-Ditschler führen in siebter Generation das seit 1799 bestehende Familienunternehmen Heinrich W. Pfeiffer fort, das den inzwischen in Wenkbach hergestellten „Nachtwächter“ vermarktet. Und an drei oder vier Tagen im Jahr wird auch in Marburg noch Brand aus Apfelwein hergestellt. „Dann ist hier alles voll mit Holzscheiten“, erklärt Ditschler und deutet an der Wand entlang, „und alles ist voller Dampf - es riecht wie eine Äbbelwoi-Sauna“. Er zeigt einen alten Glaszylinder, in dem das giftige, nach Klebstoff riechende Produkt ist, das beim Brennen zuerst entsteht: „Der Vorlauf ist nur für den Scheibenwischer zu gebrauchen. Jetzt ist es eine Frage des Schmeckens und des Fühlens, den richtigen Moment zu erkennen: Jetzt ist es soweit, jetzt schalten wir um auf höchste Qualität.“

„Eine Herausforderung“

Die Brennerei ist für den 30-Jährigen nur eine Art Nebenjob, für den er „vielleicht einen Tag in der Woche“ aufwendet. Hauptsächlich arbeitet er im Haus gegenüber im Unternehmen seiner Schwiegereltern, der Marburger Haus- und Grundstücksverwaltung - eigentlich eine Vollzeit-Beschäftigung. Daneben schreibt der Sprachwissenschaftler aber noch eine Doktorarbeit über die Sprachpolitik der Europäischen Union, meist am Abend und am Wochenende. Und jetzt ist er auch noch Landtagskandidat. Wie kriegt er das alles unter einen Hut? „Das ist schon eine Herausforderung“, gibt Ditschler zu. „Ich stehe morgens um Viertel nach sieben auf und muss vieles noch abends und nachts um 23 Uhr machen.“ Das sei eben so bei der FDP, dass die Kandidaten nebenher ihren normalen Job machen müssten, weil sie in der freien Wirtschaft arbeiten. Dadurch, meint Ditschler, hätten sie einen besseren Blick für die Nöte der Selbständigen und auch der Angestellten. „Selbständige sind meist keine Multimillionäre, sondern zum Beispiel Handwerker oder Architekten, die oft 18 Stunden am Tag arbeiten und Verantwortung für Angestellte tragen. Hessens größter Arbeitgeber ist nicht der Flughafen, sondern die kleinen Unternehmen mit zwei, drei Mitarbeitern.“

Richtig in Rage reden kann sich der Liberale deshalb darüber, dass andere Parteien seines Erachtens Unternehmen finanziell gängeln wollen. Oder dass städtische Unternehmen sich nicht auf die Daseinsvorsorge beschränken, sondern den Privaten Konkurrenz machen.

Schon im Elternhaus habe er die „Chancen der Selbständigkeit“ erkannt und seine „liberale Weltsicht“ gewonnen, erzählt der Kandidat. Er sitzt jetzt auf einem der historischen Stühle aus dem Gasthaus „Wein-Pfeiffer“, vor einem alten Weinfass. Durch das Studium in Marburg lernte er seine heutige Frau kennen - und stieg ins Familienunternehmen ein. Als Immobilienverwalter kümmert er sich vor allem um technische Fragen, erzählt Ditschler. Oft kommen ihm dabei innovative Ideen. Er steht auf und holt ein gelochtes Stück Plane. Damit kann man bei leerstehenden Wohnungen Briefkästen verschließen, erklärt er, ohne dass unschöne Klebstoffreste bleiben. Das hat er sich als Gebrauchsmuster schützen lassen - es ist seine Erfindung.

„Nicht alles ist durchdacht“

Kein Wunder, dass der Erfindergeist, der alles optimieren will, sich manchmal ärgert, wenn er beruflich mit politischen Vorgaben zu tun hat. Beispielsweise müssten sich Hausbesitzer energetische Sanierungen oder Denkmalschutz-Vorschriften erst einmal leisten müssen, gibt Ditschler zu bedenken. „Wenn man durch den Job sieht, welche Konsequenzen politische Entscheidungen haben, wird man vorsichtig. Nicht alles ist bis zum Schluss durchdacht. “ Falls er in den Landtag einzieht, will er auf jeden Fall weiter im Unternehmen arbeiten, verspricht er: „Ich habe nicht vor, ein hundertprozentiger Berufspolitiker zu werden.“

von Stefan Dietrich

Steckbrief: Christoph Ditschler

Name: Christoph Ditschler

Alter: 30

Geburtsort: Frankfurt

Familienstand: verheiratet

Beruf: Immobilienverwalter, stellvertretender Geschäftsführer der Brennerei, Erfinder.

Welches Auto fahren Sie? VW Eos

Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen? Heide Neukirchen: „Hexal-Kapitalismus. Der Aufstieg der Brüder Strüngmann.“

Wer ist Ihr politisches Vorbild? Keines.

Für welches Themengebiet würden Sie sich bei „Wer wird Millionär?“ als Telefonjoker eignen? Flugzeuge und Fliegerei. Ich kenne fast jeden Flugzeugtyp.

Wovon haben Sie gar keine Ahnung? Wie man die Euro-Krise ohne Einschnitte zu 100 Prozent lösen kann.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Familienfest am Schnapskessel

Die Produzenten des "Marburger Nachtwächter" laden zum Brennfest in ihre historische Oberstadt-Brennerei.

mehr
Mehr zum Artikel
Thomas Spies im Poträt
Thomas Spies vor seinem Elternhaus in Marburg (Renthof 22). Foto: Thorsten Richter (thr)

In der Oberstadt kennt er jeden Backstein. Und beinahe jeder in der Stadt kennt ihn. Ein Spaziergang mit Thomas Spies, Arzt und Abgeordneter im hessischen Landtag.

mehr