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"Ich lasse Stress nicht an mich heran"

Thomas Schäfer im Porträt "Ich lasse Stress nicht an mich heran"

Ein Tag im Wohlfühl-Wahlkampf des hessischen Finanzministers: Eine Bilanz seiner ersten Amts-Jahre vor CDU-nahen Frankfurter Financiers, eine rasante, informative Fahrt und Häuserwahlkampf im Heimatkreis.

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Dr. Thomas Schäfer im OP-Interview Foto: Nadine Weigel

Quelle: Nadine Weigel

Frankfurt/Dautphe. Thomas Schäfer entschuldigt sich zuerst für seine brüchige Stimme. Eine kleine Erkältung lässt ihn an diesem Morgen etwas heiser klingen. Nichts, was den jungen Vater und alten Wahlkampf-Hasen aus der Bahn wirft. Schon früh morgens ist er von seiner Tochter im Wiesbadener Zweitwohnsitz der Biedenkopfer Familie geweckt worden. Viel Zeit zum Spielen bleibt nicht. Um 8 Uhr muss er vor dem CDU-nahen Zukunftsforum „Finanzplatz Frankfurt“ eine Bilanz seiner ersten drei Jahre als hessischer Finanzminister ziehen.

Thomas Schäfer hat als Privatmensch und politisch in den letzten knapp zehn Jahren eine bemerkenswerte Karriere hingelegt. 2004 heiratet er mit 44. Ob vorher keine Zeit dafür war? „Ich hatte eine zehnjährige Beziehung, die dann auseinanderging. Die darauffolgende Partnerschaft wurde schnell mit einer Ehe versehen“, sagt der oberste Finanzbeamte und Mann einer 3Sat-Journalistin.

2008 wird die Tochter geboren. Der studierte Anwalt ist damals Staatssekretär im hessischen Justizministerium. Nach der Landtagswahl 2008 und den Wirrungen um Andrea Ypsilantis gescheiterte Regierungsbildung sieht es zweimal so aus, als scheide die CDU aus der Regierung aus. Zweimal räumt Schäfer sein Büro aus, am Ende stellt Roland Koch doch wieder die Regierung. Schäfer wechselt ins Finanzministerium.

Mit dem Finanzmarkt kennt sich der Biedenkopfer aus. Er ist immer zweigleisig gefahren. Vor dem Studium absolvierte er eine Ausbildung bei der Sparkasse Marburg-Biedenkopf und arbeitete dort neben dem Studium.

Ob Opel-Retter oder Vater: In der Ruhe liegt die Kraft

2009 koordiniert er auf Länderebene die Opelrettung. 2010 wird er unter Bouffier Finanzminister. 2011 wird sein Sohn geboren. Er habe Angst gehabt, sagt Schäfer, dass er das nicht ertrage, wenn nach einem langen Arbeitstag die Kinder auch noch laut seien oder die Nacht durchmachten. Aber es sei genau anders gekommen. „Ich bin noch ruhiger geworden“.

Sein erster Termin an diesem Morgen steht ganz im Zeichen des Wahlkampfes. Thomas Schäfer erinnert an die Verwerfungen in der Euro-Schuldenkrise, die nach 2008 tobte. Er lobt den Kurs der Bundesregierung. Er verteidigt die Regulierung der Banken, die seitdem ein höheres Kapital vorhalten müssen, um den Steuerzahler im Notfall nicht wieder zu belasten. Dann aber begründet er seine Ablehnung weiterer Regulierungen. Ein klares „Nein!“ zur Finanztransaktionssteuer. Darauf haben hier alle gewartet: Eine Steuer auf Bankgeschäfte, die konservative Finanzarbeiter fürchten wie der Teufel das Weihwasser.

Auch Schäfer will das nicht, warnt vor Rot-Grünen Plänen: „Das führt dazu, dass wir zum Nachteil für den Finanzplatz Frankfurt den Handel zwischen Banken erschweren und die Geldhäuser die Zusatzkosten am Ende doch wieder an den Steuerzahler weitergeben.“ Bei Canapés und Kaffee werden noch ein paar Hände geschüttelt, man kennt sich.

Der Finanzminister in Aktion: Von den Frankfurter Financiers geht es weiter zu den Bürgern im Hinterland. Wahlkampf an der Haustür. Persönlich sei das kein großer Sprung für ihn, sagt Schäfer: „So unterschiedlich sind die Menschen nicht. Der Grad der Vornehmheit mag vielleicht ein anderer sein“, den Eindruck, auf einen Knopf drücken zu müssen, habe er aber nicht.

Und inhaltlich? Ich halte ihm einen Artikel über neue Möglichkeiten der Währungsgeschäfte aus dem Ressort Finanzen der FAZ vor: „Jetzt wird in Frankfurt sogar schon auf Währungen gewettet?“

Ob die Frankfurter Börse nicht einer Wettstube immer ähnlicher werde, frage ich. Thomas Schäfer reagiert gelassen auf solche Stammtisch-Parolen: Schwarze Schafe gebe es überall und auch die genaue Zusammensetzung von Hustensaft kenne der Normalbürger nicht.

Der Großteil der Geschäfte sei aber vernünftig und habe einen realwirtschaftlichen Hintergrund. „Mal angenommen, ein deutscher Maschinen-Produzent macht ein Geschäft in Großbritannien über eine Million Pfund. Er wird aber erst in einem halben Jahr bezahlt, wenn er liefert. Mit dem Währungsgeschäft kann er sich für die Kalkulation sicher sein, dass das Pfund am Tag X nicht viel weniger wert ist und seine Kosten höher sind, als sein Verdienst“, erklärt Schäfer.

Erklären sei eines seiner Talente: „Ich habe als Schüler Nachhilfe gegeben, als Student Umschulungen geleitet. Ich habe einfach gemerkt, dass ich da eine ganz brauchbare Vermittlungsquote habe“, sagt der 53-Jährige. Welche Qualitäten man sonst noch für seinen Job brauche, frage ich. „Die Fähigkeit in einem Auto bei 220 km/h zu sitzen und hinten rechts noch in den Laptop tippen zu können“, antwortet Schäfer. Wem dabei schlecht werde, der müsse nachts arbeiten. Auch ein Interview bei 220 km/h scheint kein Problem. Die knapp 100 Kilometer, die sein Fahrer heute zurücklegt, sind nur ein Bruchteil seines Jahres-Pensum. „50000 bis 60000 Kilometer im Jahr sind wir unterwegs“.

Mit etwas Verspätung treffen wir in Dautphe ein. Die Junge Union hat für Schäfer alles vorbereitet. Er weiß, wer ihn erwartet, wenn er an den Türen schellt. Schäfer ist kurz angebunden, er will die Menschen nicht nerven. Sein Spruch: „Ich wollte den Flyer mal eben selber abgeben“, dann ein möglichst schneller Abgang. Für die inhaltliche Überzeugungsarbeit der Basis fehlt es einem Finanzminister offenbar an Zeit und Muße, sie wird aber hier im Milieu seiner Stammwähler auch von den wenigsten erwartet. Manche kotzen sich über die hohen Energiekosten aus oder fragen ihn nach der richtigen Strategie für ihre Altersvorsorge.

Wie sorgt denn ein Finanzminister für das Alter vor? Er sei ja neben seinem Beruf als Politiker auch freiwilliges Mitglied im Anwalts-Versorgungswerk. Dann zahle er noch seine Beiträge im Riester-Vertrag. Die Pension des Finanzministers sei nur dann ordentlich, wenn eine lange Verweildauer auf dem Posten erreicht werde. „Das ist bei dieser Berufsform wünschenswert aber ungewöhnlich“, sagt Schäfer. Er würde seinen Job aber nicht nur deshalb gerne nochmal fünf Jahre machen, sagt er.

Es mache ihm als Chef der Landesfinanzminister im Bundesrat zwar Spaß, auf nationaler Ebene tätig zu sein. Berlin sei bei einer Wahlniederlage aber keine Option. „Mir fehlt die innere Beziehung zu dieser Käseglocke. Für mich war immer klar: Ich tummele mich in der hessischen Provinz“.

von Tim Gabel

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