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Der "Tatort" bleibt ein fester Termin

Jan Schalauske (Linke) im Porträt Der "Tatort" bleibt ein fester Termin

Schon als Zehnjähriger ging Jan Schalauske gegen den Krieg auf die Straße. Sein politisches Engagement hat er seitdem noch deutlich verstärkt.

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Alle zwei Wochen trifft sich Jan Schalauske mit dem Lesekreis. Links von ihm der emeritierte Professor Frank Deppe. Foto: Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Der Lesekreis des Rosa-Luxemburg-Clubs, in den Jan Schalauske uns mitnimmt, beginnt an diesem Tag mit einem aktuellen Thema: der Situation in Syrien. „Heute ist kein guter Tag, weil ein Militärschlag droht“, hatte Schalauske im persönlichen Gespräch zuvor gesagt. Und das sehen auch die Mitglieder des Lesekreises so. Sie diskutieren die Motivationen von Frankreich, Großbritannien und den USA. Sie kritisieren die Berichterstattung in den Medien und fragen sich, ob der angebliche Giftgaseinsatz nur ein Vorwand ist, um einen erneuten Einsatz zu rechtfertigen.

Der Lesekreis ist eine der vielen Interessen, die der Linken-Politiker Schalauske hat. Gibt man im Textarchiv der Oberhessischen Presse seinen Namen ein, erhält man 228 Treffer. Kann Schalauske sich vorstellen, welche Themen am häufigsten unter den Treffern sind? „Ich denke, die Themen sozialer Wohnungsbau, das Universitätsklinikum und die ungerechte Verteilung zwischen Arm und Reich werden dabei sein“, vermutet Schalauske. Und damit hat er recht.

Kochen kommt zu kurz

„Wir müssen dringend den Reichtum besteuern und uns als Land Hessen über den Bundesrat für die Einführung einer Millionärssteuer einsetzen. Diese käme nämlich direkt den Ländern zugute“, antwortet Schalauske auf die Frage, welches Problem es in Hessen als erstes zu bewältigen gilt.

Für den Landkreis und die Stadt Marburg sieht er zwei Punkte an vorderster Stelle: die Schaffung von günstigem Wohnraum und den Rückkauf des Universitätsklinikums Gießen-Marburg (UKGM). „Wir brauchen eine Offensive für sozialen Wohnungsbau“, sagt er. Deswegen fordere die Linke jährlich 4500 neue Sozialwohnungen sowie zusätzlich 2000 Studentenwohnungen für Universitätsstädte. Mindestens genauso wichtig sei es aber auch, die gescheiterte Privatisierung des UKGM rückgängig zu machen. „Ich kann, werde und will nicht akzeptieren, dass Aktionäre und Profitinteressen über die Gesundheitsversorgung einer ganzen Region entscheiden“, sagt er.

Während Schalauske das sagt, fixiert er seinen Gesprächspartner mit den Augen. Er hebt die Stimme, wenn ihm etwas besonders wichtig ist. Fast hat es den Anschein, als stünde er an einem Rednerpult. Mehrmals zitiert er Bertolt Brecht - offenbar liest er den bekannten Dramatiker des 20. Jahrhunderts sehr gerne.

Seit vier Jahren ist Schalauske Kreisvorsitzender der Linken, seit 2011 zudem Stadtverordneter in Marburg. Er ist Mitglied im Landesvorstand der Linken sowie im Vorstand der Rosa-Luxemburg-Stiftung Hessen und in drei Aktionsbündnissen aktiv (für das Uniklinikum, gegen Rechts und im Bündnis „Nein zum Krieg“). Dazu kommt jetzt die Landtagskandidatur. Wie macht er das alles? Hat sein Tag mehr Stunden? Oder schläft er weniger als andere? Schalauske lacht: „Keine Sorge, ich schlafe genauso viel wie andere Menschen.“ Die Dinge, für die er sich einsetze, lägen ihm einfach am Herzen, erklärt er. „Ich kann mich mit Ungerechtigkeiten nicht abfinden.“

Das glauben wir ihm zwar, dennoch: Es erklärt noch nicht, wie er das alles gleichzeitig hinbekommt - zusätzlich zu seiner Doktorarbeit, die er gerade schreibt. Wie sieht es mit Freizeit aus? „Ich fahre gern Fahrrad, gehe sonntags im Aquamar schwimmen, verbringe viel Zeit mit meiner Freundin und koche mit meiner WG“, antwortet er. Dann hält er inne. „Naja, das Kochen kommt schon etwas zu kurz“, gibt er zu. Genauso wie die Wanderungen im Burgwald und im Hinterland, die er gerne unternimmt. Einen festen Termin hat er aber noch: „Sonntags Abends schaue ich fast immer den Tatort.“ Früher fand er den Münsteraner am besten - „doch die Witze wurden in letzter Zeit etwas flach“. Auch den Kieler Tatort sieht er gern.

Schalauske wurde in Lüneburg geboren. Seine Eltern, erzählt er, waren zwar nicht politisch organisiert, aber kulturell von der 68er-Generation geprägt. „Bei uns zuhause wurde viel politisch diskutiert.“ Vielleicht war das der Grund, dass Schalauske schon Anfang der 90er Jahre mit einer Schulfreundin gegen den Golfkrieg auf die Straße ging. „Stoppt den Krieg, weil keiner siegt“, erinnert er sich schmunzelnd an den Schriftzug auf dem Transparent. „Ganz gelungen war der Reim ja nicht, aber er ist auch heute wieder aktuell“, sagt er und spielt auf die Situation in Syrien an.

Schalauskes Mutter starb früh, sein Vater - gelernter Grund- und Hauptschullehrer - zog ihn groß. „Später war mein Vater lange arbeitslos“, erzählt Schalauske. „Wahrscheinlich hat mich auch das sehr geprägt: zu sehen, wie die Arbeitslosigkeit einen Menschen belastet und kaputt macht.“

Nach Abitur und Zivildienst zog es Schalauske nach Marburg. „Ich wollte Politikwissenschaften studieren und habe mich umgesehen, wo man noch Marx und Engels lesen und diskutieren kann“, sagt er. Und da sei er auf das „rote Marburg“ gestoßen. In die Linkspartei trat er aber erst ein, als sich diese aus dem Zusammenschluss von PDS und WASG bildete. „Ich hatte in meiner Kindheit nur Helmut Kohl erlebt - und deshalb 1998 große Hoffnungen in Rot-Grün.“ Die seien allerdings bitter enttäuscht worden: „Ausgerechnet Rot-Grün waren es, die deutsche Soldaten in einen völkerrechtswidrigen Angriff geschickt haben“, sagt Schalauske. Gemeint ist der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr. Die PDS wiederum war ihm zu sehr auf die neuen Bundesländer ausgerichtet - erst als diese sich mit der WASG zusammentat, entschied sich Schalauske zum Eintritt in die Partei. Und in dieser ist er seitdem aktiv. Dabei war Politiker nie sein Berufswunsch. „Das hat sich einfach so ergeben“, erklärt er. „Nach und nach kam immer mehr dazu.“

So wie der Lesekreis, den er seit 2009 organisiert. Die Teilnehmer haben das Thema Syrien abgeschlossen und wenden sich dem aktuellen Text zu: „Kairo, Rio, Istanbul: Der Ruf der Unterdrückten und das Recht auf Stadt“ von David Harvey, ein Artikel aus einer politischen Fachzeitschrift. Doch Schalauske kommt nicht dazu, in die Diskussion einzusteigen. Er muss los, in den Haupt- und Finanzausschuss, der gleich tagt. Auch Schalauskes Tag hat eben nur 24 Stunden. Und offenbar kann er einige Dinge manchmal doch nur so halb machen.

von Maren Schultz

Steckbrief

Alter: 32 Jahre

Geburtsort: Lüneburg

Familienstand: ledig

Beruf: Politikwissenschaftler und Doktorand

Was für ein Auto fahren Sie? Keines. Ich habe mein Auto abgeschafft, weil es in Marburg zu wenig Parkplätze gab.

Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen? „Grenzgang“ von Stefan Thome.

Ihr politisches Vorbild? Ich habe niemanden zum Vorbild. Aber es gibt viele Menschen im Landkreis – Betriebsräte, Gewerkschafter, Aktive in der Friedensbewegung – die mich beeindrucken.

Für welches Themengebiet würden Sie sich bei „Wer wird Millionär“ eignen? Tatort, Geografie

Wovon haben sie keine Ahnung? Wie man guten Kaffee kocht.

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