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Abgebrühte Spielerin, kühle Rechnerin

Angelika Löber im Porträt Abgebrühte Spielerin, kühle Rechnerin

Doppik und Doppelkopf: Angelika Löber rechnet kühl – egal, ob im Beruf oder in ihrer Freizeit.

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Doppik und Doppelkopf: Angelika Löber rechnet kühl – egal, ob im Beruf oder in ihrer Freizeit.
von Carsten Beckmann
Marburg. Für Ralf gehört das Hefeweizen einfach dazu, und  Stephan muss zwischendurch immer mal wieder seinen Nikotinlevel ausgleichen. Angelika Löber bestellt ein großes Wasser und klärt die Modalitäten: „Die erste Herz Zehn sticht die zweite, jeder spielt ein Pflichtsolo, auch mit fünf Neunen bist du gesund.“ Doppelkopfrunde im Marburger Rotkehlchen, einmal in der Woche gönnt sich die Sozialdemokratin den Kartenabend mit einer festen Runde Gleichgesinnter.
Und während dort, wenn die Karten wieder einmal alle auf dem Tisch liegen, punktgenau Verluste und Gewinne zu Protokoll genommen werden, hat Angelika Löbers Kampf um ein Landtags-Direktmandat eher etwas mit Wahrscheinlichkeitsrechnung zu tun. Die SPD-Politikerin tritt im Wahlkreis 12 gegen niemand anderen als Hessens Finanzminister Dr. Thomas Schäfer an – die Wahrscheinlichkeit, den Christdemokraten überholen zu können, ist per se nicht überwältigend.

Schach ist nichts für die Wirtschaftsmathematikerin

Dabei kann die diplomierte Wirtschaftsmathematikerin Schäfer durchaus das Wasser reichen, was Finanzpolitik anbelangt: In Gießen leitet sie den „Fachbereich Doppik“ am kommunalen Gebietsrechenzentrum EKOM 21, was nicht weniger bedeutet als die Beratung von etwa 280 Städten, Gemeinden und kommunalen Eigenbetrieben. „Dienstleistung in allen Fragen der doppelten Haushaltsführung“, umreißt die 44-Jährige ihre Tätigkeit in knappen Worten – sehr knapp, denn Richard hat schon wieder gemischt und gegeben. Angelika Löber nimmt ihr Blatt auf – Contra, gegen die Alten, keine Neun, Fuchs gefangen, vier Minuten lohnende Konzentration, Minuspunkte für die Gegner mit den Kreuz-Damen. Da geht‘s mehr um den Spaß als um die Punkte, und auch die Geldbeträge, die Buchhalter Stephan am Ende des Abends einstreicht, sind so gering, dass es für die Doppelkopfrunde höchstens einmal im Jahr für einen gemeinsamen Restaurantbesuch reicht. „Ich spiele nicht nur Doppelkopf, sondern treffe mich auch regelmäßig mit Freunden zu Abenden, an denen wir anspruchsvolle Gesellschaftsspiele ausprobieren“, erzählt die Mutter zweier Töchter. Nur eine gute Schachspielerin, das sei sie nun wirklich nicht: „Strategie – ok, aber es muss auch Spaß machen.“

Das schwerste Spiel steht noch bevor

Fast zwangsläufig sei sie bei den Sozialdemokraten gelandet, erzählt die langjährige Kreisbeigeordnete: „Wir waren eine reine SPD-Familie.“ Damals, im Elternhaus in Homberg/Ohm, sei sie vorwiegend durch den Vater mit der Politik in Berührung gekommen – ein Mediziner, der im Ruhestand noch jahrelang Stadtverordnetenvorsteher war und bis zum heutigen Tag Ortsvorsteher ist. „Ich habe die Entscheidung des Parteieintritts immer so ein bisschen vor mir hergeschoben“, erinnert sie sich. Doch mittlerweile liegt die Ausstellung des roten Parteibuchs mit dem Namen Angelika Löber auch wieder mehr als zwei Jahrzehnte zurück. Jahrzehnte, die in erster Linie geprägt waren von politischer Arbeit in den Bereichen Arbeit und Soziales, Finanzen, Wirtschaft und Bildung. Rückendeckung für ihre jetzige Kandidatur hat sie sich sowohl von ihrer Partei als auch von ihrer Familie geholt: „Wir haben das intensiv besprochen, und da gab es auch viel offene Kritik“, sagt die Sozialdemokratin. Kritikfähig scheint sie zu sein, das zeigen auch die intensiven Nachbetrachtungen am Ende jeder Doppelkopfpartie im Rotkehlchen: Mittlerweile ist die Zockerrunde aus dem Biergarten in den Innenraum der Kneipe umgezogen – zu dunkel ist es geworden, zu kühl, um gemütlich spielen zu können.
Am Nebentisch haben sich die Artisten des Sommervarietés zur Premierenfeier niedergelassen, Angelika Löber bestellt das nächste große Wasser, mischt die Karten. Sie hat noch das Pflichtsolo vor sich, das sie in einem der nächsten Spiele still und unspektakulär gewinnen wird.
Das andere, wesentlich wichtigere Pflichtsolo steht Angelika Löber dann am 22. September bevor.

Steckbrief

Geburtsname: Burmeister
Alter: 44
Geburtsort: Neustadt i.H.
Familienstand: feste Partnerschaft
Beruf: Wirtschaftsmathematikerin, Fachbereichsleiterin „Doppik“ im kommunalen Rechenzentrum ekom21
Welches Auto fahren Sie?: Einen roten Golf
Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen?: Ha Jin - chinesische Gegenwartsliteratur ist unterhaltsam, interessant, derb, komisch und klug.
Wer ist Ihr politisches Vorbild?: Aktuell Hannelore Kraft, Ministerpräsidentin NRW; historisch Elisabeth Selbert, Mitautorin des Grundgesetzes.
Für welches Themengebiet würden Sie sich bei „Wer wird Millionär“ als Telefonjoker eignen?: Allgemeinwissen, Politik oder Kunst und Kultur
Wovon haben Sie gar keine Ahnung?: Fußball

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