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Wo die "Grenzen des Machbaren" liegen

Diskussion beim St.-Elisabeth-Verein Wo die "Grenzen des Machbaren" liegen

Wie viel Jugendhilfe können wir uns noch leisten? Wie soll das bezahlt werden? Das waren zentrale Fragen bei der Podiumsdiskussion des St.-Elisabeth-Vereins zur Wahl. Dabei wurde klar: Kleiner wird die Aufgabe nicht.

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Wenn die Zahl der Kinder in einer Gesellschaft zurückgeht, müsste doch auch der Bedarf an Jugendhilfe weniger werden – das ist eine Rechnung, die nicht aufgeht, sagte Sandra Fendrich.

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. Wenn die Zahl der Kinder in einer Gesellschaft zurückgeht, müsste doch auch der Bedarf an Jugendhilfe weniger werden - das ist eine Rechnung, die nicht aufgeht, sagte Sandra Fendrich, Wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik an der Technischen Universität Dortmund, bei der Veranstaltung im Cineplex-Kino in Marburg. Die Diplom-Pädagogin untermauerte dies eindrucksvoll anhand von Zahlen (siehe Hintergrund). Demnach sind zwar in den vergangenen 20 Jahren die Ausgaben für Jugendhilfe stark gestiegen - von knapp 14 im Jahr 1992 auf mehr als 30 Milliarden Euro 2011 (Gesamtausgaben der öffentlichen Hand für Kinder- und Jugendhilfeaufgaben inklusive Kindertagesstätten und Jugendarbeit).

Auch die Zahl der in diesem Sektor Beschäftigten stieg in dieser Zeit erheblich an. Stark zugenommen hat jedoch auch die Zahl der Fälle, in denen Jugendhilfe benötigt wurde, sei es als Erziehungsberatung von außen oder der ungleich (arbeits-)intensiven Arbeit in und mit der Familie - von der Unterstützung in bestimmten Lebensbereichen über die ambulanten Hilfen bis hin zur dauerhaften Unterbringung außerhalb der Familie in Wohngruppen oder Heimen.

Vergleicht man die Zahl der Kinder mit der Entwicklung der Fallzahlen, bewegen sich diese beiden Kurven aufeinander zu anstatt parallel zu verlaufen. Die Zahl der Unter 21-Jährigen sank vom Jahr 2000 von 18,4 auf 15,8 Millionen im Jahr 2011. Junge Menschen dieser Altersgruppe, die Hilfen zur Erziehung in Anspruch nahmen steig im gleichen Zeitraum von 571278 auf 785677.

Bedarf an Hilfen haben überdurchschnittlich viele Kinder und Jugendliche aus Familien mit wenig Geld - und Kinder von Alleinerziehenden (siehe Hintergrund). Je intensiver der Hilfebedarf ist, desto höher ist der Anteil an Alleinerziehenden und armen Familien, so die von Sandra Fendrich skizzierte alarmierende Entwicklung.

„Schockiert“ konstatierte FDP-Bundestagskandidat Jörg Behlen, dass trotz des gewünschten gesellschaftlichen Wandels gerade eine dauerhaft bestehende Ehe offenbar immer noch „eine höchst effiziente Einrichtung sei, um Armut zu verhindern“ und letztlich den Bedarf nach Jugendhilfe gering zu halten.

Seine Frage, ob manchmal „die Falschen“ Kinder bekämen, weil sie mit der Erziehung überfordert seien oder ein Kind gar nicht gewollt sei, und seine Folgerung daraus konnte er nicht näher ausführen, weil ihn da schon ein Veto von anderen Podiumsteilnehmern unterbrach.

So widersprach Landtagskandidat Dr. Thomas Spies (SPD) vehement. Das Problem seien nicht Eltern, die für die Erziehung ungeeignet seien, sondern die wirtschaftliche Lage der Menschen. Darauf wiesen auch Linken-Bundestagskandidat Jan Schalauske und Landratskandidat Jens Fricke (Piratenpartei) hin.

Prekäre Beschäftigungsverhältnisse spielten eine wesentliche Rolle, ebenso die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, der von den Beschäftigten zunehmend die Verfügbarkeit auch dann verlange, wenn auch Kinder und Jugendliche Betreuungsbedarf hätten.

Auch Landratskandidat Marian Zachow (CDU) setzt darauf, die Situation von Alleinerziehenden und jungen Familien zu verbessern und frühzeitig Hilfen zu bieten.

Lösen könne man das Problem nicht nur an einer Stelle, da waren sich die Podiumsteilnehmer einig. Der Ausbau der Betreuungszeiten ermögliche Eltern, Geld zu verdienen oder in Arbeit zu kommen, gute Bildung sorge für gute Startchancen im Leben. Zugleich dürfe man das bestehende Jugendhilfesystem nicht kaputtsparen, auch da waren sich alle einig. Denn je früher Hilfen und Beratung ansetzten, desto besser sei es.

Differenzen ergaben sich vor allem in der Frage, wo das nötige Geld herkommen soll - passend zum Thema des Abends, „Grenzen des Machbaren“. Und da wehte dann auch ein Hauch von Lagerwahlkampf durch den Kinosaal. Die Schuldenbremsen-Gegner Schalauske, Behlen und Fricke sahen darin die Gefahr, dass auch im sozialen Bereich weiter gespart werden könnte. CDU-Mann Marian Zachow sah eher in der ungerechten Verteilung der Lasten im Länderfinanzausgleich, die Hessen benachteiligten, ein Risiko. Während Dr. Spies wie Schalauske mehr Steuern einnehmen möchte, etwa auf Vermögenserträge, will Behlen zumindest Vermögenssteuern genausohoch besteuern wie die aus Erträgen für geleistete Arbeit. Dr. Karsten McGovern (Grüne), Sozialdezernent des Kreises, sprach sich für eine Prioritätensetzung aus - wenn sich die finanzielle Ausstattung nicht wesentlich verbessert.

Die von Sandra Fendrich vorgetragenen Zahlen machten aber auch deutlich, dass es nicht damit getan ist, nur mehr Geld in die Jugendhilfe zu pumpen. Auch die Qualität der Hilfen müsse betrachtet werden, so Fendrich. Sie berichtete von einer Untersuchung, bei der verschiedene Teams der Allgemeinen Sozialen Dienste (ASD) in verschiedenen Orten den gleichen Fall vorgelegt bekamen. Die Empfehlungen reichten von „keine Hilfe nötig“ bis „Heimerziehung“.

Es dürfe nicht sein, das ein Kind je nach Wohnort mehr oder weniger zufällig eine gute Unterstützung oder vielleicht auch gar keine erfahre. Auch regionale Unterschiede und Bedarfe, selbst innerhalb von Bundesländern, zeigte die Wissenschaftlerin auf.

Der Vorsitzende des St-Elisabeth-Vereins, Hans-Werner Künkel, mahnte, dass Sparen in der Jugendhilfe letztlich nicht billiger sei. Es werde Folgeprobleme und -kosten nach sich ziehen, etwa für die Krankenkassen oder in der Kriminalitätsbekämpfung.

von Michael Agricola

Hintergrund: Jugendhilfestatistik

Anteile an den Gesamtausgaben (30,53 Milliarden Euro) für Kinder- und Jugendhilfe im Jahr 2011 in Deutschland (in Prozent):

Kindertagesbetreuung: 62,3

Hilfen zur Erziehung: 23,3

Kinder- und Jugendarbeit: 5,3

Jugendsozialarbeit: 1,4

Förderung der Erziehung in der Familie: 1,6

Sonstiges: 6,0

Anzahl der Fälle „Hilfen zur Erziehung“ (inkl. junge Volljährige, ohne Erziehungsberatungen):

2008: 462373

2011: 547653

Anzahl der Fälle (mit Erziehungsberatungen):

2008: 904221

2011: 998847

davon Fremdunterbringungen:

2008: 155936

2011: 177580

Anteil Alleinerziehende an Bevölkerung (2011, in %): 19,6

Anteil Kinder Alleinerziehender in Hilfen zur Erziehung (o. Beratung, in %): 48,4

in Vollzeitpflege: 56,7

in Heimerziehung: 46,8

Anteil „Mindestsicherungsquote“ in der Bevölkerung (in %): 8,9

Anteil junger Menschen aus Familien mit Leistungsbezug an (in %):

Hilfen zur Erziehung (ohne Erziehungsberatung): 60,2

Erziehungsberatung: 18,9

ambulante Hilfen: 57,8

Heimerziehung: 60,2

Vollzeitpflege: 76,9

Beschäftigte (in Klammern umgerechnet in Vollzeitstellen):

1990: 536969 (460835)

2011: 732916 (531505)

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