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Das dürfte es in unserer Gesellschaft nicht geben

Was sehen Sie auf diesem Bild? (Teil 5) Das dürfte es in unserer Gesellschaft nicht geben

Teil 5 der Reihe: Die Landratskandidaten beschreiben ein Foto und verraten ihre Gedanken zum Motiv.

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Ausdruck sozialer Probleme - was sagen die Landratskandidaten zu diesem Bild?

Quelle: Martin Schutt

Marburg. Karsten McGovern (49), Erster Kreisbeigeordneter:

„Das Bild der alten Frau, die in einem Abfalleimer nach Pfandflaschen sucht, verweist für mich auf das drängende Thema der Altersarmut. Wenn Frauen nach vielen Jahren Arbeit, Kindererziehung oder auch Pflege von Angehörigen, im Alter nur das Niveau der Grundsicherung bleibt, ist dies in einem reichen Land wie Deutschland äußerst beschämend. Schuld daran sind insbesondere niedrige Löhne und eine nicht hinreichende Altersvorsorge. Deshalb dürfen Kinder und die Pflege von Angehörigen bei Ausbildung und Arbeit und der beruflichen Karriere künftig kein Hindernis darstellen. Bei der Altervorsorge müssen Kindererziehung und Pflegezeiten besser anerkennt werden. Die Bundesregierung aber auch die Tarifparteien sollten dringend daran arbeiten, dass nicht noch mehr Menschen von Altersarmut betroffen sind. Im Landkreis besteht für Menschen in Notsituationen ein breites Netz an öffentlichen und kirchlichen Einrichtungen, die der Frau auf dem Bild auch gerne mit Rat und Tat zur Seite stehen würden.“

Kirsten Fründt (46), Agraringenieurin:

„Da durchsucht eine ältere Frau einen Mülleimer nach Pfandflaschen. Ein Mensch mit einer Lebensleistung. Eine Frau, die vielleicht Angehörige gepflegt und Kinder groß gezogen hat. Die gearbeitet hat. So etwas dürfte es in unserer Gesellschaft, in unseren Landkreis schlicht und ergreifend nicht geben.Dass es auch im Landkreis Marburg-Biedenkopf viele arme Menschen gibt, wissen alle, die die verdienstvolle Arbeit der Tafeln, der Kirchen und Wohlfahrtsverbände kennen. Diese soziale Arbeit wäre – wie vieles andere im Landkreis – ohne die zahlreichen Ehrenamtlichen nicht zu leisten. Deshalb auch an dieser Stelle: Vielen Dank!Armut betrifft auch hier bei uns alle Generationen. Zum Beispiel lebt jedes siebte Kind im Landkreis Marburg-Biedenkopf von staatlicher Unterstützung. Und dabei haben doch gerade die Kinder, am Beginn ihres Lebens stehend, alle gleiche, faire Startbedingungen verdient. Auch deshalb ist diese Zahl so erschreckend.“

Anna Hofmann (32), Studentin:

„Ich sehe etwas, dass es in einem Sozialstaat nicht geben dürfte, aber zu den alltäglichen Stadtbildern im Kreis dazugehört: die extremste Armutsform: Obdachlosigkeit. Der Hunger treibt zum Griff in die Mülltonne. Wenn man beim Einkaufen Obdachlose sieht, schaut man oft weg und ist beschämt. Kommt man doch ins Gespräch, stellt man fest: Es sind viele psychisch krank, die auf der Straße leben. Kein Wunder, denn auch im Kreis wird in dem Bereich gespart: Zum Beispiel sind 80 Kinder- und Jugendliche über 6 Monate auf einer Warteliste, bis sie einen Therapieplatz in der Psychiatrie bekommen. Es fehlen Sozialarbeiter u. Wohngruppen. Der Sozialabbau geschieht mit dem Argument, dass der Staat kein Geld hat. Tatsächlich ging das Nettovermögen des Staates zwischen 1992 und 2012 um 800 Milliarden Euro zurück. Während sich der private Reichtum auf rund 10 Billionen Euro mehr als verdoppelt hat.: Das zeigt: Ein Staat muss die Mittel selbst zur Verfügung haben und Vermögen und Erbschaften stärker besteuern.“

Kai-Uwe Spanka (49), Bürgermeister von Wetter:

„Mit dem Begriff Armut haben sie die Antwort schon gegeben. Wohin geht unser gesellschaftlicher Weg – nicht nur in Deutschland. Immer mehr Menschen leben unterhalb des Existenzminimums. Menschen die in den letzten sechzig Jahren unseren Staat aufgebaut und geprägt haben bekommen heute zum Teil so wenig Rente, dass sie kaum davon leben können. Damit die Schere nicht noch weiter auseinander geht müssen Bund und Länder die Rahmenbedingungen ändern. Die Kommunen und Landkreise können derzeit ihre Möglichkeiten der Unterstützung auf der kommunalen Ebene nutzen. Unsere Tafeln und die vielen ehrenamtlichen Gruppierungen leisten heute schon eine hervorragende Arbeit, die aber immer wieder auf Hindernisse stößt. Ein weiterer wichtiger Schritt ist die Qualifizierung der jungen Menschen, beginnend in der Kindheit. Der Bildung und Sozialisierung kommen dabei Schlüsselrollen zu. Wir können durch eine gute Prävention- und Bildungsarbeit, beginnend in den Kitas, viele Probleme im Vorfeld lösen.“

Jens Fricke (48), CNC-Fräser:

„Armut ist leider auch bei uns im Landkreis allgegenwärtig. Auch wenn man sie nicht überall so deutlich sieht wie hier.Verwaltet wird die Armut nach den Vorgaben der Sozialgesetzbücher vom Kreisjobcenter und vom Fachbereich Familie, Jugend und Soziales. Hier gilt es, die begrenzten Spielräume zu nutzen, um die vielfach beklagten Mängel der Hartz-IV-Gesetze zu mildern. Ich werde dafür sorgen, dass Mitarbeiter des KJC möglichst keine Sanktionen gegen bereits in Armut lebende Menschen verhängen. Jeder ‚Kunde‘ des KJC muss auf Wunsch bei Terminen Anspruch auf unabhängiger Begleitung haben. Hierzu werden sowohl geschulte ehrenamtliche als auch im Bereich der Sozialberatung tätige unabhängige Personen zur Verfügung stehen. Eine unabhängige, nicht weisungsgebundene Beschwerde- und Beratungsstelle für Betroffene gehört selbstverständlich dazu.“

Marian Zachow (34), Pfarrer:

„Alter(n) ist vielfältig: Manche Ältere sind wohlhabend und erfüllen sich teure  Lebensträume. Andere, wie die Frau auf dem Bild, müssen Pfandflaschen sammeln, weil die Rente nicht reicht: Die zu geringen Erhöhungen werden von den steigenden Kosten für Energie und Lebensmittel aufgefressen. Das muss anders werden! Ein kleiner Schritt ist die Lebensleistungsrente und die Mütterrente, die die CDU einführen will. Dadurch wird eine Mindestrente von 850 Euro sichergestellt und Familienarbeit stärker berücksichtigt. Altersarmut muss aber auch an der Wurzel bekämpft werden: Jede/r muss das Recht auf würdige Arbeit haben. Wir brauchen einen Mindestlohn, damit das Einkommen für eine angemessene Rente sorgt. Als Landrat werde ich das Thema ‚Altersarmut‘ zur Chefsache machen und mit Kirchen und Sozialverbänden gezielt Projekte entwickeln. Nicht die Älteren sind an ihrer Notlage schuld, sondern die Gesellschaft muss sich schämen, wenn Menschen aus dieser Generation unter Armut leiden.“

Mirco Rosenberger (APPD) hat sich zu dem Bild nicht geäußert.

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