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Vor dem Sprung ins kalte Wasser

Porträt: Angela Dorn Vor dem Sprung ins kalte Wasser

Angela Dorn ist einfach einfach nicht genug. Sie ist Politikerin und Mutter. Im Doppel-Wahljahr tritt sie für die Landes-Grünen als Spitzenkandidatin und im Wahlkreis 13 für ein Direktmandat an. Und eigentlich heißt sie auch Angela Dorn-Ranke.

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Die Marburgerin Angela Dorn (31, Grüne) könnte nach der Wahl plötzlich Ministerin sein, ist sie vorbereitet?

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Mellnau. Angela Dorn wirft ihre Tasche auf die Ladefläche und steigt in den Transporter der Oberhessischen Presse. Wir fahren zu den moorigen Franzosenwiesen. Der Burgwald, ein klassischer Platz für das Interview mit einer Grünen. Allerdings: Rund eine Stunde Fahrt für eine halbe Stunde Spaziergang. Ich nehme mir vor: darauf spreche ich sie an.

Es ist Sonntagmorgen, gerade mal neun Uhr. Mittags muss sie auf einem Wahlkampfauftritt im Rhein-Main-Gebiet sein. Müde sieht sie nicht aus und gut gelaunt, trotz Sieben-Tage-Woche. Ob das derzeit eine neue Dimension der Politik ist? Immerhin ist sie Spitzenkandidatin der Landes-Grünen im Super-Wahlkampfjahr.

Sie überlegt kurz. Dann nickt sie. „Ich kann nicht mehr alles so machen, wie ich es gewohnt bin. Ich bin an meine Themen immer sehr wissenschaftlich dran gegangen“, sagt Dorn. Sie hätte ein Thema immer ganz durchdringen wollen, bevor sie sich dazu äußert. Die Sprecherin für Umwelt, Energie und Klimaschutz ihrer Landtagsfraktion sagt, sie sei es gewohnt, sich als Frau bei einem sehr technischen Thema wie der Energiewende auch inhaltlich beweisen zu müssen.

Jetzt muss sie sich auf viele Menschen verlassen. Und manchmal empfindet sie den Wahlkampf als „unglaublich platt“. Ein Dorn im Auge sind ihr gerade die Radar-Warnschilder von Verkehrsminister Florian Rentsch (FDP). „Da geht es nur darum, die FDP mit Macht über die Fünf Prozent zu hieven. Da muss ja nur einer von zehn darauf reinfallen“, meint Dorn.

Die junge Politikerin scheint ehrlich damit zu hadern, wie legitim eine solche Rattenfänger-Politik ist und stellt sich die Frage, wie viel Opium fürs Volk nötig ist, um erfolgreich zu sein. Sie sei aber geradezu eine exzessive Lernende, die in den vergangenen Jahren viel über Strategie in der Politik gelernt habe und durch ihr Psychologie-Studium einiges über Gruppenprozesse und -entscheidungen wisse.

Was sie gerade außerdem lernen muss, ist, dass man sich nicht aufteilen kann: Ihren heimischen Wahlkreis 13, in dem sie Stadtverordnete ist und sich als Direktkandidatin für den Landtag bewirbt, behandelt sie zur Zeit bewusst stiefmütterlich: „Es tut mir leid, dass ich nicht so oft hier sein kann, aber ich rechne mir für die Direktkandidatur wenig Chancen aus und es ist wichtiger, für die grüne Zweitstimme im ganzen Land zu werben“, sagt Dorn.

Auch die Familie mit ihren beiden Töchtern managt im Moment ihr Mann größtenteils alleine. Auch wenn Dorn in den vergangenen Jahren besonders stolz darauf war, dass sie die Arbeit in Wiesbaden und Marburg und den Mutterjob unter einen Hut bekommen hat. Ihr Mann war zuletzt in der Entwicklungszusammenarbeit tätig. Momentan nimmt er Elternzeit und fährt jetzt mit den beiden Mädchen zwei Wochen in den Urlaub. Flucht vor dem Wahlkampf und Rückendeckung für die Mama, die sich jetzt ganz der Politik widmen muss. „Ich habe heute Morgen aber noch für alle Frühstück gemacht“, so Dorn. Wie das funktioniert, wenn sie nach einem Wahlsieg einen Ministerposten angeboten bekäme, frage ich sie. „Daran denke ich jetzt noch nicht und die Entscheidung darüber fällen wir auch erst nach der Wahl“, sagt Dorn. Aber ihre Familie sei eben auch ein Spitzenteam, das schließlich schon neun Jahre Politik und Privates glücklich gemeistert habe.

Markenzeichen Emotion

Die Chancen für Angela Dorn, bei einem Wahlsieg die Spitze eines Landesministeriums zu besetzen, sind durchaus gegeben. Immerhin steht sie auf Listenplatz 1 der Grünen Landesliste. Nur bei ihren beiden Lieblingsressorts Umwelt und Bildung dürften zwei Parteifreunde das Vorgriffsrecht haben. Tarek Al-Wazir, ihr Spitzenteam-Partner und langjähriger Kopf der Hessen-Grünen wird sich das Thema Energiewende wohl nicht nehmen lassen. Und der Wiesbadener Mathias Wagner (Listenplatz 4) ist seit 2005 bildungspolitischer Sprecher. Angela Dorn war aber auch schon einmal Sprecherin für Verbraucherschutz. Sie lässt das alles offen, keine Gefühlsregung.

Und das, obwohl Emotionen ihr Markenzeichen sind: In ihrer Gießener Bewerbungsrede um die Spitzenkandidatur der Grünen im April zum Beispiel. An der Stelle, an der sie über Bildungsgerechtigkeit spricht, überschlägt sich ihre Stimme: Das ist echte Wut, fast ein Tobsuchtsanfall, manchmal wirkt es so, als ob ihr gleich vor Entrüstung die Tränen kommen. „Ich bin mir aber wenigstens bewusst darüber, dass man Emotion und Entscheidung nicht auseinanderhalten kann und verfalle nicht wie andere dem reinen Vernunftsglauben“, sagt Dorn.

Als ich sie nach dem Grund frage, warum sie sich den Burgwald als Platz für ein Interview ausgewählt hat, sagt sie, sie könne sich nur draußen in der Natur ganz fühlen und zur Ruhe kommen. „Im Speziellen hat mich hier die Vielfalt und der ganz besondere Lebensraum der Moorlandschaft überrascht und fasziniert. „Und alles direkt vor der Haustür.“ Viele Menschen wüssten nicht, dass ein Moor viel mehr Kohlendioxid speichern kann als eine vergleichbare Fläche Wald. Als Neu-Marburgerin hätte sie die Bürgerinitiative „Rettet den Burgwald“ kennengelernt und sei fasziniert vom Kampf gegen die Autobahn 4 gewesen, die der Verein hier vor allem Ende der 70er Jahre geführt hatte.

Dass sie sich schon früh für Umweltschutz interessiert und engagiert hat, ist kein Wunder: Ihr Vater war Leiter des kommunalen Umweltamtes in ihrer Heimatstadt Aschaffenburg. „Ich habe mit ihm schon als Kind Kröten über die Straße getragen“. Der Weg in die Politik war nicht ganz so geradlinig. „Ich hab mich sozial engagiert aber wollte keine ideologischen Scheuklappen aufsetzen“.

Erst als Franz Kahle - Marburgs grüner Bürgermeister wohnte in ihrer Studienzeit im gleichen Haus -, sie mit zu einem Parteitreffen nahm und dort sehr offen diskutiert wurde, beschloss sie, sich parteipolitisch zu engagieren. „Ich wollte auch das Gefühl haben, dass mir jemand zuhört und ich etwas ändern kann.“

Nach neun Jahren Politik regt es sie inzwischen ein bisschen auf, wenn man sie noch als unerfahren bezeichnet: „Ich habe keine 20 Jahre Landtagserfahrung, Aber es kommen auch viele ältere Kollegen zu mir, um sich einen Rat zu holen“.

Auf der Rückfahrt dann die Klärung der CO2-Bilanz: „Kann man es sich als Grünen-Politikerin erlauben, für ein Interview mit dem Auto in den Wald zu fahren?“ Angela Dorn: „Ich fand es sehr wichtig mit dem ausgewählten Ort deutlich zu machen, wie wichtig Naturschutz ist. Wenn ich jetzt für ein gutes Foto Moorlandschaft kaputt trampeln würde, würden sich die Leute zurecht aufregen. Wenn wir mehr Zeit gehabt hätten, wäre ich auch gerne mit Ihnen gewandert.“

In ihrem Privatleben sei sie sich ihrer Verantwortung bewusst: „Ich lebe zum Beispiel vegetarisch und fahre ein Erdgas-Auto“. Die besondere Beobachtung einer Grünen sei kein Problem: „Dass die Leute mit uns streng ins Gericht gehen, ist nur ein Zeichen dafür, dass die Bürger uns zutrauen, dass wir so leben können, wie wir es propagieren“.

von Tim Gabel

Steckbrief: Angela Dorn

Geburtsname: Dorn (im Personalausweis steht inzwischen Dorn-Ranke)

Alter: 31

Familienstand: Verheiratet, zwei Töchter im Alter von eineinhalb und drei Jahren.

Beruf: Politikerin

Zuletzt gelesenes Buch: Als der Elefant seine Freiheit fand.“ (Den Kindern vorgelesen)

Auto: VW Passat Kombi (mit Erdgas betrieben)

Vorbild: Politiker, die es schaffen, einen ganzheitlichen Blick zu bewahren und auch gegen Widerstände ihre Ziele verfolgen.

Der ideale Telefon-Joker wären Sie in Sachen: Energiewende.

Wovon haben Sie keine Ahnung: Olympia

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