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Keine Angst vor der großen Politik

Matthias Knoche Keine Angst vor der großen Politik

Fleisch aus dem Discounter ist tabu, das Auto fährt mit Flüssiggas und auf dem Dach steht eine Photo-Voltaik-Anlage: Das Klischee eines typischen Grünen-Politikers scheint Matthias Knoche zunächst voll zu erfüllen.

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Quelle: Thorsten Richter

Matthias Knoche steht am Aussichtspunkt des Spiegelslustturms und blickt hinunter auf die Stadt. „Bei einem Schulausflug – ich muss wohl so zehn Jahre alt gewesen sein – war ich das erste Mal hier“. Damals habe er seinen Lehrer mit ernstem Blick angeschaut und gesagt: „Da werde ich mal studieren“. Die Aussage des vorlauten Schülers sollte sich bewahrheiten – das Studium zum Diplom-Soziologen schloss er 1989 ab. In Marburg wurde Knoche aber auch zu einem waschechten Grünen. Politisch interessiert sei er schon immer gewesen, sagt er – Anfang der 80er habe er erste Kontakte zu politischen Zirkeln geknüpft. Mitgeprägt durch die 68er-Generation, „das waren ja zum Teil meine Lehrer“, wollte auch der junge Matthias Knoche etwas verändern. 1983 wurde er schließlich Mitglied bei den Grünen. „Klar war ich auch auf Demos“, sagt er, „zum Beispiel gegen den Nato-Doppelbeschluss“. Was Knoche zu Studentenzeiten bewegte, bewegt ihn auch heute noch.

"Am Ende muss die Entscheidung für die Windkraft fallen"

Mit dem Ausdruck „sozialer Klimaschutz“, der auf seiner Internetseite und den vielen Wahl-Flyern prangt, beschreibt Knoche seinen Themenschwerpunkt. Grüne Politik zu machen, bedeutet aber auch, grün zu leben: Natürlich ist sein Haus energetisch saniert – natürlich fährt sein Auto mit Flüssiggasantrieb. Alles andere würde man ihm höchstwahrscheinlich zur Last legen. Dass in Gesellschaft und Politik heutzutage sehr viel stärker ökologische Aspekte berücksichtigt werden, ist sicherlich auch ein Verdienst der Grünen. Verankert ist dieses umweltbewusste Denken jedoch noch längst nicht in allen Köpfen – und das ärgert den 51-Jährigen: „Es kann einfach nicht sein, dass Menschen diffamiert werden, nur weil sie eine Photo-Voltaik-Anlage auf dem Dach haben und das irgendjemandem mal wieder nicht passt“, nennt Knoche ein Beispiel. Vorrangig gehe es um das umweltbewusste Zeichen einer solchen Anlage – nicht um die Erträge oder das Ästhetische. Einen ebenso entschiedenen Standpunkt vertritt der Prokurist in der Diskussion um das Aufstellen von Windrädern, die auch im Landkreis immer wieder heftig geführt wird. „Es darf diskutiert werden, aber am Ende muss die Entscheidung für die Windkraft fallen“. Im Besonderen müsse die Standortwahl der Windkraftanlagen – als Kernfrage und häufiges Streitthema – offen und ehrlich ausgehandelt werden.

Forschung sollte im Fokus stehen

Um Konflikte zu vermeiden, sollten zudem Lösungen mit den Anwohnern angestrebt werden, sagt Knoche. „Dabei geht es natürlich auch um eine wirtschaftliche Beteiligung der Menschen“. Ein anderes Thema, das den 51-Jährigen schon lange beschäftigt und begleitet, ist die Wohnungspolitik. „Ein komplexes Feld“, wie er sagt. Als Angestellter bei der Wohnungsbaugesellschaft GeWoBau in Marburg habe er genügend Erfahrungen in diesem Bereich gesammelt. Sollte Knoche am 22. September der Sprung in den Bundestag gelingen – Listenplatz acht auf der Landesliste ist eine aussichtsreiche Position – möchte er sich in einem Gremium mit anderen Abgeordneten aus kleineren Uni-Städten zusammentun, um die drängenden Probleme auf dem Wohnungsmarkt zu beratschlagen. Denn Probleme, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, gebe es nicht nur in Marburg. Beim Dauerbrenner-Thema Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) müsse die Diskussion noch stärker auf die Forschung gerichtet werden, betont der Grünen-Politiker. „Wir dürfen den Standort nicht schlecht reden und müssen ihn als Volluniversität schützen.“ Sicher gäbe es ein Konkurrenzdenken zwischen den Universitätsstädten Marburg und Gießen, meint Knoche. Wichtig sei jedoch das Miteinander: „Beide Städte müssen gestärkt, die Zusammenarbeit weiter intensiviert werden. Das ist extrem wichtig – für die gesamte Region Mittelhessen“.  Eher zurückhaltend ist Knoche beim Thema Social-Media. Klar, ein Facebook-Profil gehört ja heutzutage dazu, sagt Knoche, aber ich sehe das nicht als Forum, um abstruse Debatten zu führen.“ So schaut der 51-Jährige eher argwöhnisch auf die Internetauftritte anderer Politiker, „die ja fast zu jedem Thema etwas zu sagen haben – auch wenn es nur um ihr eigenes Frühstück geht“. Vor ein paar Wochen war Knoche zu Gast in Berlin. Hauptstadtflair schnuppern. Natürlich hat er sich auch im Bundestag umgeschaut und Debatten gehört. Sein Eindruck? „In extrem komprimierter Zeit wird dort sehr viel abgearbeitet. Das war schon beeindruckend.“ Und? Hat ihn die parlamentarische Arbeit nun abgeschreckt? „Nein“, sagt Knoche gelassen, „ich denke, ich kann da mit meinem Fachwissen auch was reißen“.

von Dennis Siepmann

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