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Ingeborg Cernajs heimliche Liebe

Im Portät Ingeborg Cernajs heimliche Liebe

Kriegseinsätze lehnt sie völlig ab, auch die Massentierhaltung würde sie am liebsten sofort verbieten: Dr. Ingeborg Cernaj ist eine Frau mit starken Überzeugungen.

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Das grüne Idyll ist nicht sehr groß und ein wenig verwildert – doch es ist gemütlich hier, gerade um diese Zeit, wenn an den alten Obstbäumen Äpfel und Zwetschen reifen. „Der Garten ist meine heimliche Liebe“, sagt Ingeborg Cernaj. Wenn sie zwischen Bäumen und Blumen im Liegestuhl sitzt und ihre beiden kleinen Hunde streichelt, dann erscheint es naheliegend, dass Cernaj die Themen Tierschutz, Umweltschutz und Gesundheit am Herzen liegen. Schon von Berufs wegen, weil die Landtagskandidatin der Linken für den Wahlkreis 12 (Hinterland, Nord- und Südkreis) als promovierte Naturwissenschaftlerin versteht, welche Gefahren etwa durch Monokulturen und multiresistente Keime drohen. Was man ihr hingegen nicht gleich ansieht: Dass sie auch eine Kämpfernatur ist. Eine unbeugsame Frau, die wegen ihrer starken Überzeugungen mehrfach die Arbeitsstelle verloren hat. Die zu Zeiten des Eisernen Vorhanges aus der Tschechoslowakei nach Deutschland geflüchtet ist.

Kulturschock in Bayern

Die sich nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl jahrelang bei den Grünen engagiert hat, dann aber als „absolut überzeugte Pazifistin“ dieser Partei aus Ärger über den Bundeswehr-Einsatz im Kosovo und über Hartz IV den Rücken gekehrt hat – und so schließlich zur Linken kam. Wenn man in Cernajs Garten sitzt, hört man die Vögel zwitschern und den Hahn in der Nachbarschaft krähen. Ausgerechnet im ruhigen Dorf Schönbach hat Ingeborg Cernaj, Stadtkind aus Bratislava, eine neue Heimat gefunden – vor rund 30 Jahren. In der Tschechoslowakei hatten sie und ihr slowakischer Mann zuvor ihre Stellen an der Universität verloren – weil Ingeborg Cernajs deutschstämmige Familie legal in die Bundesrepublik übergesiedelt war. „Ich wollte ein gleichwertiger Mensch sein“, erklärt sie, warum sie sich 1980 entschloss, mit ihrer Tochter nach einem Besuch bei der Schwester einfach in der Bundesrepublik zu bleiben. Ihr Ehemann reiste gleichzeitig mit dem Sohn über Jugoslawien aus. In München erlebte sie einen Kulturschock Hier, in Schönbach, fühlt die Linke-Politikerin sich heute akzeptiert, geht gerne mit den Hunden im Feld spazieren, singt im Chor. In Bayern, wo sie nach ihrer Flucht aus dem Ostblock zunächst lebte, war das anders. Wo sie ein Paradies erwartet hatte, erlebte sie einen Kulturschock. „In München und Umgebung bekamen wir damals einen unheimlichen Ausländerhass zu spüren“, erinnert sich Cernaj. Und dann erfuhr sie auch noch, dass in Westdeutschland Atomwaffen stationiert waren. Sie begann, sich politisch gegen die Aufrüstung zu engagieren. Die Humanbiologin fand rasch Arbeit in Deutschland. Doch immer wieder eckte sie an. In einem Biochemischen Institut wurde sie gefeuert, weil sie Urlaub genommen hatte, als ihre beiden Kinder krank waren. Dass eine Mutter zu Hause bleiben darf, wenn die Kinder krank sind, sei in der Tschechoslowakei selbstverständlich gewesen, sagt sie. Als Pharmaberaterin verlor Cernaj später die Stelle, weil die Umsätze im Keller waren. Sie habe Ärzte über tödliche Nebenwirkungen von Herzmedikamenten informiert. Ihr Gewissen sei ihr wichtiger als eine Arbeitsstelle, sagt sie heute.

"Je größere die Konzerne, desto größer die Skepsis"

Wegen ihrer kritischen Haltung gegenüber der Pharmaindustrie entließ sie später auch ein Verlag, bei dem sie als Medizinjournalistin angestellt war. „Je größer die Konzerne, desto größer die Skepsis“, beschreibt Ingeborg Cernaj, wie diese Erlebnisse ihre politische Einstellung geprägt haben. Entsprechend groß ist ihr Misstrauen auch gegenüber dem Eigentümer des privatisierten Universitätsklinikums. „Wenn man mit Gesundheit Geschäfte macht, widerspricht das dem hippokratischen Eid.“ „Ein bisschen verwildert mag ich es“ Dass eine Frau mit dieser Einstellung für die Linken kandidiert, erstaunt eigentlich wenig. Doch die Linkspartei ist auch aus der PDS hervorgegangen, die wiederum aus der DDR-Partei SED entstanden ist. Wie passt das Engagement für die Linke zu einer Frau, die in der Tschechoslowakei selbst die Schattenseiten des Sozialismus erlebt hat? Viele Linke würden auf so eine Frage genervt oder patzig reagieren, Ingeborg Cernaj hingegen antwortet genauso ruhig und reflektiert, wie sie zuvor über ihre Familie und über die Arbeit als Medizinjournalistin erzählt hat. „Ich würde den Sozialismus nicht zurückwollen“, versichert sie, „die Allmacht der Partei war fürchterlich, die Freiheit hat gefehlt“. Aber, findet Cernaj, die Bundesrepublik könne beispielsweise in der Familienpolitik von dem lernen, was sie in der Tschechoslowakei gesehen hat. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sei dort kein Problem gewesen – weil Kinderbetreuung für alle garantiert war und Mütter ein Recht darauf hatten, auf ihre Stellen zurückzukehren. Für ihre Überzeugungen in der Öffentlichkeit werben – das will Cernaj als Direktkandidatin. Auch wenn sie mit Listenplatz 19 kaum Chancen auf ein Landtagsmandat hat, gesteht sie: „Ich würde das schon sehr gerne machen.“ Denn auch mit 70 Jahren und einer Enkelin fühlt sie sich noch nicht richtig als Rentnerin. Ab und zu schreibt sie noch Medizin-Artikel, vor allem aber wendet sie viele Stunden für die politische Arbeit im Kreistag auf. Schon deshalb könnte in ihrem Garten nicht jedes Kraut ganz akkurat gestutzt sein. Wollen würde sie das aber sowieso nicht: „Ein bisschen verwildert mag ich es.“

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