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"Wir spalten uns nicht in Gut und weniger Gut"

Katja Kipping (Linke) im OP-Interview "Wir spalten uns nicht in Gut und weniger Gut"

Die Vorsitzende der Linken wehrt sich gegen den Eindruck, die Linke wolle überhaupt nicht regieren. Der Partei gehe es dabei aber strikt um Inhalte und nicht um Personen.

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Katja Kipping, Spitzenpolitikerin der Linken.Foto: Jochen Lübke

Quelle: Jochen Lübke

Berlin. OP: Ist die Linkspartei ohne Gysi denkbar?

Katja Kipping: Gysi ist unser bester Mann. Und ganz ohne Frage punktet er unglaublich für die Linke. Es ist beeindruckend, in wie vielen Talkshows er gerade für uns die Abstimmungen des Publikums gewonnen hat. Wenn wir bei den Wahlen so gut abschneiden wie in den Talkshows, dann freue ich mich auf die Wahlparty am 22. September.

OP: SPD-Chef Gabriel will mit dem pragmatischen Ost-Flügel der Linkspartei koalieren. Werden nach der Wahl die beiden „Silberrücken“, Sigmar Gabriel und Gregor Gysi, unter sich bereden können, was läuft?

Kipping: Was ich bisher von Herrn Gabriel höre, klingt eher nach Vorbereitung der großen Koalition. Auch im Osten ist die SPD immer wieder in eine große Koalition geflüchtet. Wir als Partei machen das auch nicht mit, dass man uns spaltet in eine gute und in eine weniger gute Linke. Ich bin froh, dass es die Linke als gesamtdeutsche Partei gibt.

OP: Woran scheitert eine rot-rot-grüne Koalition gegen Merkel?

Kipping: Gegenwärtig kann ich nur sagen, an der Ausschließeritis von SPD und Grünen. Bernd Riexinger und ich haben seit unserem Amtsantritt immer wieder klar gesagt, wir sind bereit für einen Politikwechsel. Das geht bei uns aber strikt nach Inhalten. Uns geht es nicht um Posten. Bei einer Regierung, mit der es einen Mindestlohn gibt, eine Millionärssteuer, eine Mindestrente, die Abschaffung des Hartz-IV-Sanktionssystems und eine friedliche Außenpolitik sind wir sofort dabei.

OP: Wissen Sie auswendig, wie viel Milliarden Sie umverteilen wollen?

Kipping: Wir wollen Leute mit einem monatlich zu versteuerndem Einkommen von 6000 Euro deutlich entlasten. Dazu muss man sagen, wo das Geld herkommen soll. Unser alternatives Steuerkonzept sieht Mehreinnahmen von 180 Milliarden Euro vor. Die wollen wir ausgeben, um Armut zu vermeiden, um die Mitte zu entlasten und um eine gute öffentliche Infrastruktur anzubieten, zum Beispiel Barrierefreiheit im Bus- und Bahnverkehr und Kitaplätze für alle.

OP: Ist die Westausdehnung nicht schon wieder Geschichte? Die Linkspartei schrumpft sich doch im Osten gesund.

Kipping: Nun ja, schauen Sie sich gegenwärtig die Umfragen an. Wir haben lange Zeit gar nicht gewagt, die Zweistelligkeit als Ziel rauszugeben. Gregor Gysi ist dann ein bisschen vorangeritten. Und inzwischen haben wir zwei Mal die Zehn geschafft. Ich habe das Gefühl, wir haben uns wieder gut berappelt und es geht jetzt nach oben.

OP: Es gibt in Ostdeutschland stärkere rechtsradikale Strukturen in bestimmten Regionen als vielfach in Westdeutschland. Wie viel Verantwortung für diesen Sondereffekt trägt die frühere SED-Herrschaft?

Kipping: Man tut den Ostdeutschen Unrecht, wenn man sagt, sie sind einfach stärker für Nazis anfällig. So mancher der NPD-Abgeordneten im sächsischen Landtag ist ein Import aus Hessen und anderen West-Bundesländern. Aber dafür, dass man faschistischer Propaganda folgt, gibt es keine Entschuldigung. Auch Armut ist keine Entschuldigung. Aber natürlich ist eine Gesellschaft, in der die Mitte permanent vom Abstieg bedroht ist, eher empfänglich für faschistische Propaganda. Umso schlimmer ist es in unserer Gesellschaft, dass in den letzten 15 Jahren die Mitte geschrumpft ist, weil die Schere zwischen Arm und Reich auseinandergeht. Die Reichen werden reicher und von der Mitte fallen immer mehr nach unten. Das alles ist aber trotzdem keine Entschuldigung.

OP: Um wie viel Jahre sind Sie gefühlt gealtert, seit Sie Vorsitzende sind?

Kipping: Jetzt werden Sie mal nicht uncharmant! Gut, die Nächte sind manchmal schlaflos. Aber ganz ehrlich, ich glaube, das liegt eher noch an dem Schlafverhalten meiner Tochter als wirklich an der Politik.

OP: Keine Albträume wegen der Linkspartei?

Kipping: Eher im Gegenteil. Ich glaube, so wie wir gegenwärtig dastehen, bietet die Linke viel Anlass auch für positive Tagträume.

von Dieter Wonka

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