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So nah am Ziel: AfD zittert bei 4,9 Prozent

Euro-Kritiker fast im Parlament So nah am Ziel: AfD zittert bei 4,9 Prozent

Viele haben die Eurokritiker der Alternative für Deutschland nicht ernst genommen. Das wird sich jetzt ändern. Das gute Ergebnis der AfD ist eine schlechte Nachricht für die Kanzlerin.

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Bernd Lucke, der Spitzenkandidat der Partei «Alternative für Deutschland» (AfD) jubelt am 22.09.2013 in Berlin nach Bekanntwerden der ersten Hochrechnung, während im Hintergrund der FDP-Politiker Christian Lindner auf einem Monitor zu sehen ist. Foto: Jochen Lübke/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Quelle: Jochen Lübke

Berlin. Die AfD-Mitglieder sind bereit für den großen Jubel. Kurz vor 18 Uhr können sie vor Selbstbewusstsein kaum laufen. An den Tischen eines Berliner Hotelsaals streiten sie darüber, wo sie zwischen acht und zehn Prozent landen werden. „Wenn wir zehn Prozent holen, bin ich drei Tage nicht ansprechbar“, sagt ein Mitglied. Er freut sich schon darauf, bisher trinkt er nur Wasser. Auf der Bühne peitscht ein Sänger die Mitglieder ein. „Wir geben nicht auf“, schmettert er den offiziellen Wahlkampfsong, die Faust in die Höhe gereckt. „Die Rettung ist alternativ!“ Die Parteifreunde schunkeln mit. Niemand will hier zweifeln, dass es nicht für den Sprung über die Fünfprozenthürde reichen könnte.

Als die Schätzungen der Meinungsforscher und die ersten Hochrechnungen die AfD knapp unterhalb von fünf Prozent sehen, brauchen die rund 200 Mitglieder ein paar Sekunden, um sich zu fangen. So sicher schien doch die Sensation. Es wird kurz geflucht an den Tischen. Doch noch ist nichts verloren, schwören sich die AfDler ein. Ungeduldig warten sie auf Bernd Lucke. Der Wirtschaftswissenschaftler ist formal nur einer von drei Sprechern, die die Parteispitze bilden. Dennoch ist er die unumstrittene Führungsfigur.

„Demokratie ertüchtigt“

„Wir haben die Demokratie in Deutschland gestärkt, wir haben sie ertüchtigt“, ruft er schließlich von der Bühne in die Menge. Aus der Mitte der „mündigen Bürgergesellschaft“ sei mit dem Wahlergebnis der Partei ein starkes Signal gesetzt worden, formuliert er umständlich. Er meint: Der Kanzlerin habe die AfD gezeigt, dass ein Teil der Deutschen eine andere Europa-Politik will. „Wir haben zuletzt eine Entartung der Demokratie und des Parlamentarismus erlebt“, sagt Lucke. „Staaten wurden in die Misere geführt.“ Das Publikum will ihn gar nicht von der Bühne lassen. „Lucke! Lucke! Lucke!“ schreit das Parteivolk. Am Ende steht der gesamte Vorstand samt Familie auf der kleinen Bühne. Es wird gewunken, es wird geklatscht. Eine Partei ergötzt sich an sich selbst.

Dieser Abend entschädigt viele Mitglieder für die vergangenen Monate. Sie haben das Gefühl, dass ihnen endlich Gerechtigkeit widerfährt. Fast in allen Stellungnahmen lassen einfache Parteimitglieder, aber auch Vorstandsmitglieder, durchblicken, dass dieses Ergebnis ihrer Meinung nach gegen die Medien und Umfrageinstitute errungen wurde. In Wählerbefragungen sei die AfD vernachlässigt worden, manchmal sei sie bewusst ausgeklammert worden, klagen sie. Als Jörg Schönenborn in der ARD bei einer aktuellen Hochrechnung die 4,9 Prozent der Euro-Kritiker mit den Worten kommentiert, hier sei definitiv nichts heruntergerechnet worden, ertönt höhnisches Gelächter. Im Laufe des Abends wird das Stöhnen lauter, als die AfD noch immer 0,1 Prozentpunkt unterhalb von fünf Prozent verharrt. „Bei der Union hat sich die Kommastelle schon dreimal verändert“, meckert ein Parteimitglied. „Nur bei uns tut sich nichts“.

Ein einziges Schaulaufen

Dennoch spricht Genugtuung und Zufriedenheit aus dem Gesicht von Bernd Lucke, als er von den etlichen Kameras und Mikrofonen durch den Saal verfolgt wird. Er hält hier, mal da ein Schwätzchen mit einem Parteifreund, klopft auf Schultern, lacht, schüttelt Hände. Immer folgt ihm ein Pulk von Pressevertretern. Manchmal sieht es beinahe so aus, als würde er auf die Journalisten warten, damit sie ihm folgen können, wenn der Tross sich selbst auf die Füße tritt. Es ist ein einziges Schaulaufen.

Um 21 Uhr kühlt die Stimmung doch noch merklich ab. Für den Einzug ins Parlament reicht es wohl nicht. Achselzucken, hochgezogene Augenbrauen. „Wir haben dennoch toll gekämpft“, trösten sich die Mitglieder. Aber so richtig helfen diese Worte auch nicht. Zu nah glaubten sie sich dem Ziel.

von Kai Kollenberg

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