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Mit Willy Brandt "mehr Demokratie wagen"

Bundestagswahl historisch Mit Willy Brandt "mehr Demokratie wagen"

Die Wahl 1969 brachte der Bundesrepublik ihren ersten Machtwechsel und eine Kehrtwende in der Ostpolitik. Doch trotz seiner Popularität und eines fulminanten Siegs bei der Neuwahl 1972 stand Kanzler Willy Brandt bald vor dem Aus.

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Willy Brandt (SPD) legt nach seiner Wiederwahl im Dezember 1972 den Amtseid ab. Rechts: Annemarie Renger, die erste Frau
im Amt des Bundestagspräsidenten. Foto: dpa

Quelle: dpa

Der Wechsel kam zu später Stunde und in kantigen Buchstaben. Gegen Mitternacht blendete das Fernsehen am Wahlabend des 28. September 1969 die neuesten Computer-Berechnungen ein, die SPD und FDP einen Vorsprung von zwölf Sitzen im Bundestag gaben. In der als „Baracke“ verschrienen SPD-Parteizentrale in Bonn bejubelten die Genossen ihren Spitzenkandidaten Willy Brandt.

Vor dem Hintergrund der Studentenrevolte und des Vietnamkriegs übernahm erstmals ein Sozialdemokrat die Regierungsgeschäfte der Bundesrepublik. Der frühere Regierende Bürgermeister von Berlin, einst vor den Nazis ins Exil geflohen, wollte „mehr Demokratie wagen“ und stieß zahlreiche Sozialreformen an. Außenpolitisch brachte seine sozialliberale Koalition mit der „Neuen Ostpolitik“ eine heftig umstrittene Annäherung an DDR und Sowjetunion.

Diese historische Wende war keineswegs ausgemacht. Die Union blieb bei der Wahl 1969 mit 46,1 Prozent stärkste Kraft im Parlament, die SPD kam auf 42,7 Prozent. Kanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) hatte sich nach den ersten Hochrechnungen als Sieger gesehen. Am Palais Schaumburg, dem damaligen Sitz des Kanzlers in Bonn, sangen Mitglieder der Jungen Union mit Fackeln ein Ständchen zur Melodie von „Heil dir im Siegerkranz“, wie der „Spiegel“ damals berichtete.

Kritik an Ostverträgen

Auch als diese Euphorie verflogen war, pochten die Konservativen - zuletzt Senior-Partner in einer Großen Koalition - auf das Kanzleramt. „Der Führungsanspruch bleibt bei der CDU“, sagte Fraktionschef Rainer Barzel trotzig. Und Franz-Josef Strauß (CSU) attackierte die mögliche Allianz von Sozialdemokraten und Liberalen: „Dieses Linksbündnis ist doch ein Krampf.“ Doch ein Koalitionsangebot der Union an die FDP scheiterte - die bei der Wahl mit 5,8 Prozent abgestraften Liberalen ermöglichten den Wechsel.

Der war drei Jahre später schon wieder in Gefahr. Wegen der Ostverträge, die Brandts Gegner als Ausverkauf deutscher Interessen kritisierten, bröckelte die Mehrheit der sozialliberalen Koalition. Ein Misstrauensvotum im Parlament scheiterte nur knapp. Weil zwischen Regierung und Opposition im Parlament ein Patt herrschte, führte der SPD-Kanzler schließlich eine Neuwahl herbei.

Die Sozialdemokraten setzten ganz auf ihren populären Regierungschef und machten mit dem Schlachtruf „Willy wählen“ mobil. Zahlreiche Schriftsteller, Künstler und andere Prominente engagierten sich für Brandt. Am 19. November 1972 erlebte der Sozialdemokrat seinen größten Triumph: Die SPD wurde mit 45,8 Prozent stärkste Kraft, die FDP steigerte sich auf 8,4 Prozent.

Die allgemeine Politisierung der Gesellschaft infolge der 68er-Bewegung hatte die Wahlbeteiligung auf das Rekordniveau von 91,1 Prozent getrieben. CDU/CSU erzielten mit 44,9 Prozent ihr bis dahin schlechtestes Ergebnis - Spitzenkandidat Barzel erholte sich davon politisch nicht mehr: Wenige Monate später gab er den Vorsitz von Fraktion und Partei auf.

Der Spion im Kanzleramt

Doch auch bei den Sozialdemokraten folgte dem Höhenflug bald die Ernüchterung. Brandt verkämpfte sich im Regierungsalltag, das Reformprogramm stockte, sein Image bekam Kratzer. Die einstige Lichtgestalt galt zunehmend als amtsmüde. Das Ende der kurzen Ära Brandt besiegelte dann der Kanzlerspion aus der DDR: Brandts Mitarbeiter Günter Guillaume flog als Agent Ost-Berlins auf. Brandt trat zurück, nur eineinhalb Jahre nach dem strahlenden Sieg übernahm sein parteiinterner Kritiker Helmut Schmidt das Ruder.

Von Sebastian Kunigkeit

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