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"Jeder soll sich selbst ein Bild machen"

Barrierefreie Wahlen "Jeder soll sich selbst ein Bild machen"

Zehn Millionen Menschen in Deutschland haben eine Behinderung - und die meisten von ihnen sind wahlberechtigt. Parteien und andere Organisationen versuchen verstärkt, Hürden für diese Wählergruppe abzubauen.

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Eine Gruppe des Wahlprojekts in den Lahnwerkstätten – vorne von links Alexander Milbrodt, Alfred Müller, Manfred Dersch, Christine Damm, Miriam Noah und Lukas Lotz, hinten von links Stefan Ahrens und Wolfgang Grabasch. Foto: Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Wie war das noch gleich mit den zwei Kreuzen auf dem Wahlzettel? Was hat es mit der Erststimme auf sich? „Man wählt einen Politiker persönlich mit der Erststimme“, erklärt Alfred Müller. Und warum füllt man den Wahlzettel hinter einer Stellwand aus? „Damit keiner zugucken kann. Die Wahl ist geheim“, sagt Alexander Milbrodt. Müller und Milbrodt sind erfahrene Wähler. Beide arbeiten in den Lahnwerkstätten der Marburger Lebenshilfe, wo rund 300 Menschen mit geistigen, körperlichen und Lernbehinderungen gefördert werden. Etwa 45 von ihnen haben sich für das Projekt „Bundestagswahl“ angemeldet - so auch Alfred Müller und Alexander Milbrodt. Sie wollen mitreden und mitentscheiden. Schließlich sind sie genauso wahlberechtigt wie Menschen ohne Behinderung.

Trotz gleicher Rechte kämpfen sie im Alltag oft mit Problemen, über die andere sich keine Gedanken machen: „Wenn man normal laufen kann, fällt einem nicht auf, wo der Bordstein zu hoch ist“, sagt Müller. Doch nicht nur ein hoher Bordstein kann eine schwer überwindbare Hürde darstellen. Auch die komplizierte Sprache der Politiker hindert beispielsweise Menschen mit geistiger Behinderung oft daran, sich über Politik zu informieren. Dabei dürfen die meisten von ihnen wählen - ausgeschlossen sind nur wenige, die einen gesetzlichen Betreuer für alle Belange haben.

Immer mehr Organisationen stellen deshalb Informationen in leichter Sprache zur Verfügung - auch zur Wahl. Leichte Sprache bedeutet: kurze Sätze, einfache Wörter, möglichst wenig Fachbegriffe und Fremdwörter. Statt „genehmigen“ sollte es besser „erlauben“ heißen, statt „Öffentlicher Nahverkehr“ lieber „Bus und Bahn“, empfiehlt das Netzwerk Leichte Sprache. Auch die Lahnwerkstätten setzen beim Projekt „Bundestagswahlen“ auf leicht verständliche Informationen.

„Interesse wecken“

„Man muss die Menschen wirklich ernst nehmen mit den Interessen, die sie haben“, sagt Projektleiterin Miriam Noah. Anfangs hätten sich viele aber nicht getraut, sich für das Projekt anzumelden, berichtet die Heilerziehungspflegerin und Pädagogik-Studentin. „Man muss auf die Leute zugehen und Interesse wecken“, sagt sie.

Interesse an der Politik haben die zehn Mitarbeiter, die sich an diesem Vormittag über die Bundestagswahl informieren. „Ich bin ein bisschen aufgeregt“, sagt Wolfgang Grabasch, Mitarbeiter in der Montage, zu Beginn. Miriam Noah hat eine Präsentation vorbereitet, anhand derer sie die wichtigen Fragen zur Wahl anspricht: Wie füllt man den Wahlzettel aus, wer steht zur Wahl, was macht die Opposition? Auf den ersten Blick wirkt es ein wenig wie Politikunterricht in der Schule - mit einem wesentlichen Unterschied: Alle sind hoch konzentriert bei der Sache, beteiligen sich rege und stellen weiterführende Fragen.

Die großen Parteien und die Spitzenkandidaten kennen die Projektteilnehmer schon aus Fernsehen, Internet, Radio oder der Zeitung. „Ich weiß noch nicht, ob ich wählen will“, gesteht ein Teilnehmer. Ein anderer hat sich schon entschieden: „Die Merkel kann ich nicht leiden, deshalb wähle ich den Steinbrück.“

Miriam Noah und Sozialdienstmitarbeiterin Regina Klawon mischen sich in solche Diskussionen bewusst nicht ein. „Jeder soll sich selbst ein eigenes Bild machen“, sagt Noah. Jeder soll frei entscheiden, ob und was er wählt. Niemand muss jemandem sagen, wo er sein Kreuzchen gemacht hat. Und wenn eine Vertrauensperson beim Wählen hilft, unterliegt sie der Schweigepflicht. Was Noah den Projektteilnehmern aber unbedingt vermitteln will: „Eure Stimme zählt“.

Jede Stimme zählt

Auch die Parteien wissen, dass jede Stimme zählt - und deshalb wenden sie sich zunehmend auch an Wähler mit Behinderung. So haben in diesem Wahlkampf fast alle Parteien ihre Programme zusätzlich auch in leichter Sprache formuliert.

Der hessische Landesverband der Lebenshilfe hat zudem den Parteien Fragen gestellt, die speziell Menschen mit Behinderung betreffen. Allerdings haben die Parteien bisher größtenteils in „schwerer Sprache“ geantwortet. Offenbar fehlt - immer noch - eher der Politik das Interesse an behinderten Menschen als umgekehrt.

Dieses Gefühl haben auch einige der Projektteilnehmer. „Obwohl es in Deutschland genug Behindertenwerke gibt, kommen die Politiker nie, um zu gucken, wie es hier ist“, bedauert Stefan Ahrens nach dem Kurs. „Leute mit Problemen“ müssten mehr Geld vom Staat bekommen, findet er. Sein Kollege Manfred Dersch wünscht sich bessere Bildungsangebote für Menschen mit Behinderung. Und Tanja Trusheim ist von der Politik richtig enttäuscht: „Alle Gelder gehen nach Griechenland - statt hier an die Schwachen.“ Die Politiker würden doch nicht halten, was sie versprechen, meint Trusheim.

Nicht alle Projektteilnehmer sind so politikverdrossen - einige sind schon sicher, dass sie am 22. September wählen wollen. Zum Schluss verteilen Miriam Noah und der Projektassistent Lukas Lotz noch Informationen in leichter Sprache. Und Alexander Milbrodt zieht für sich ein positives Fazit: „Das war sehr aufschlussreich“.

von Stefan Dietrich

Unverständliche Programme:

Die Wahlprogramme der hessischen Parteien sind nach Überzeugung von Sprachexperten der Universität Hohenheim überdurchschnittlich schwer zu verstehen. Die Forscher untersuchten beispielsweise Satzlängen, Wortlängen, Schachtelsätze oder den Anteil unverständlicher Wörter. Ihr Fazit ist deutlich: „Im Durchschnitt aller Programme sind die Wahlprogramme zur Landtagswahl in Hessen die unverständlichsten, seitdem wir Wahlprogramme untersuchen.“ Am besten schneidet die hessische Linke bei der computergestützten Untersuchung ab, die CDU hat dagegen laut Studie das „formal unverständlichste Programm“. (dpa)

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