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FDP ist jetzt im Bund bedeutungslos

Historische Niederlage FDP ist jetzt im Bund bedeutungslos

In der Krise ist es der Ältere, der den Jüngeren stützt. Philipp Rösler, Noch-Vorsitzender der FDP, steht vorn auf der Bühne und sagt, sichtlich um Fassung bemüht, dass er "die persönliche und politische Verantwortung" übernehmen werde.

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Bleierne Stimmung: FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle (l.) und der scheidende Parteichef Philipp Rösler.

Quelle: Federico Gambarini

Berlin. Zuvor hat ihm Rainer Brüderle, 68 Jahre alt, zugeraunt, „nun komm“, väterlich die Hand auf den Arm gelegt und fast unmerklich zum Rednerpult gezogen. Rösler, zu Jahresbeginn gerade 40 Jahre alt geworden, sagt: „Die Politik und die Partei war für mich kein Beruf, sondern Berufung.“ Die Stimme ist fest, jedes Wort wird besonders betont. Wie in den vergangenen Tagen spürt man in diesem Moment, dass er kämpft, mit sich und dieser Rolle, mit der er nie so richtig warm geworden ist. „Es war meine Leidenschaft.“ War! Vorbei.

4,7, 4,5... Stille im Saal

Eine dreiviertel Stunde zuvor, ist das geschehen, was einige führende Liberale befürchtet haben, aber bis zur letzten Sekunde lieber verdrängten. Vorn im Saal, auf der Leinwand wächst der gelbe Balken und verharrt bei 4,5 Prozent, beziehungsweise 4,7 Prozent. Raus aus dem Bundestag? Wirklich raus? Stille im Saal, noch eben wurde gelacht, geplaudert, bei Würstchen und Kartoffelsuppe. Fassungslos starren sie auf die Leinwand.

Sollte es tatsächlich sein, dass die FDP erstmals in ihrer Geschichte aus dem Bundestag fliegt. Hochkant. Dass eine Regierungspartei direkt aus dem Parlament fliegt, gab es nur einmal, vor über 50 Jahren. Noch größer wäre die FDP-Schmach, wenn ausgerechnet die Anti-Euro-Partei AfD die liberale Europapartei ersetzen würde, wonach es aber nicht aussieht.

Die ersten TV-Prognosen sind wie ein Schlag in die Magengrube. Zur Grabesstimmung passte, dass der Ton der TV-Übertragung abgeschaltet blieb. „Fuck“, schimpft eine Gruppe junger Liberaler, fast alle mit hipper Gel-Frisur, ganz unziemlich. Viele FDP-Fans sind ins Berliner Congress Centrum in blau-gelb gekommen. Doch nun steht blau-gelb für den Absturz, für die Katastrophe. Eine Abgeordnete schluchzt und kann die Tränen nicht zurückhalten. Freunde umringen sie, tröstend, schützend. Im Internet spottete eine junge Frau: Schön, dass die FDP nun auch merkt, wie es sich anfühlt, wenn der Arbeitsvertrag nicht verlängert wird. Trost sucht auch Rösler, als er eingerahmt (und gestützt) von seiner Frau Wiebke und Brüderle, über eine „bittere Niederlage“ und die „bitterste Stunde der freiheitlichen Partei“ spricht. Die FDP habe eine starke Verankerung vor Ort, sagt er. Diese Arbeit werde die Partei wiedererstarken lassen. Die Gäste im Saal spenden minutenlang Beifall, nur vereinzelt hört man Pfiffe.

Rösler erinnert daran, dass auch die SPD in schwieriger Zeit kämpfen musste und dies geschafft habe. „Dies motiviert auch uns.“ Daniel Bahr, scheidender Bundesgesundheitsminister, wird später sagen, dass er persönlich enttäuscht sei. „Offenbar sind alle Erfolge bei der Union verbucht worden.“ Ähnlich erging es den Sozialdemokraten vor vier Jahren, am Ende der Großen Koalition. Kein Wunder, dass Rösler der SPD gratuliert. Sie hat es zu neuer Größe geschafft, soll das heißen. Kleine Größe im Vergleich zur übermächtigen Merkel-Partei. Aber immerhin. Die SPD wird überraschenderweise Mutmacher für die Liberalen in schwerer Stunde.

Lindner in den Startlöchern

Wer Rösler folgen wird, ist an diesem Abend kein Geheimnis. Als vorn auf der Leinwand der nordrhein-westfälische Landeschef Christian Lindner interviewt wird, geht zustimmendes Raunen durch den Saal.

Da den Gästen an diesem Abend der Ton der Fernsehsendungen nicht zugemutet wird, weiß man nicht, was Lindner sagt. Aber dass er recht schnell Rösler als FDP-Vorsitzender folgen wird, gilt als sicher. An diesem Montag tagt der Bundesvorstand. „Der Neue ist der da vorn“, sagt einer, der es wissen muss, aber wie so viele nicht allzu laut darüber reden will.

Fest steht: Die Devise „Weiter So!“, erprobt im Wahlkampf, wird nicht reichen. Ein parteiinterner Machtkampf ist absehbar. Doch um welche Ämter und Posten? Was gibt es noch zu verteilen, wenn die FDP künftig nicht mehr im Bundestag sitzt? Rösler ist zusammen mit seiner Frau bereits um 20 Uhr gegangen, durch eine Hintertür. Vorher ist das Paar, verfolgt von den Kamerapulks, durch den Saal gerirrt, hat sich von Bekannten verabschiedet. Freunde umarmt. Doch Gespräche ersterben. Es wirkt wie ein Abschied, ein schneller.

von Gabi Stief

„Falsches Personal und falsche Themen“

OP: Die FDP hat verloren wie nie. Wer oder was ist schuld am miesen, historisch schlechtesten FDP-Resultat?

Wolfgang Kubicki (FDP-Präsidiumsmitglied): Ich habe mir jedenfalls nach vier Jahrzehnten Arbeit für die FDP wirklich nicht vorstellen können, dass die FDP bei einer Bun­destagswahl scheitert, aber die Linkspartei im Bundestag ist.Wir hatten fünf Minister im Kabinett und die größte Bundestagsfraktion aller Zeiten. Es ist eine beachtliche Leistung, damit innerhalb von vier Jahren so abzustürzen.

OP: Haben Sie für dieses Desaster am Wahltag eine Erklärung?

Kubicki: Entweder sind wir thematisch falsch aufgestellt oder wir haben das falsche Personal.Ich fürchte, beides trifft zu. Darüber werden wir in aller Ruhe beraten müssen. Jetzt keine Schnellschüsse.Jetzt müssen neue Kräfte ran, um die Partei neu aufzubauen. Ich versuche mitzuwirken.

OP: War es falsch, die FDP auf die Rolle als Mehrheitsbeschaffer zu reduzieren?

Kubicki: Das war nicht nur ein kapitaler Fehler, sondern es verletzte unser Selbstbewusstsein. Wer um Mitleid beim Wähler bettelt, versündigt sich gegen das Selbstbewusstsein der stolzen FDP. Wer sich kleiner macht, als er ist, muss sich nicht wundern, dass er klein gewählt wird.

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