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Ein Pirat in den Tropen

Bundestagswahl Ein Pirat in den Tropen

Seine Chancen auf einen Platz im Bundestag gehen gegen Null. Aussichtslos findet Dr. Michael Weber seine Position dennoch nicht. „Die Piraten“, sagt er, „sind genau die richtige Partei für mich“.

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 Wenn der promovierte Chemiker mal eine Pause braucht, dann geht er „eben mal in die Tropen“ – raus aus dem Büro und direkt in den angrenzenden Neuen Botanischen Garten mit seiner überwältigenden Pflanzenwelt. Hier fühlt er sich wohl. „Demokratie tut eben manchmal weh“, sagt Dr. Michael Weber als einen der ersten Sätze, nachdem er es sich auf einer Parkbank bequem gemacht hat. Nicht, dass er sie abschaffen wollte. Nein – ganz im Gegenteil: Ihm gehe es darum, ein Problem auszudiskutieren, auch wenn es viele verschiedene Meinungen gibt.

„Sinnvoll ist, was im Sinne der Menschen ist“, findet er. Und genau darin liege auch das größte Problem: „Die Bürger werden bei wichtigen Themen einfach nicht gefragt“. Es klingt wie ein Anklage und ist wohl auch so gemeint. Und diese Anklage richtet sich gegen die Vertreter der etablierten Parteien. „Die sollten lieber Anträge schreiben, als sich ständig nur zu präsentieren“, sagt Michael Weber.
Fernab der großen Fraktionen fühlt sich Weber bei den Piraten hingegen „genau richtig“. Für die Partei kandidiert er bei der Bundestagswahl. Nein, auf einer der vielen „Showveranstaltungen“ werde man ihn nicht sehen – bei einem Empfang Hände schütteln, Smalltalk halten und immer fleißig die Werbetrommel rühren ist nicht seine Sache. „Ich will nicht erfolgreich sein, nur weil ich dieselben Methoden anwende wie die anderen. Ich möchte mit Inhalten überzeugen.“
Weber wünscht sich in politischen Fragen mehr Mitspracherecht für das Volk. Etwa beim Bundeswehreinsatz in Afghanistan – „ich wäre damals wirklich gerne gefragt worden, was ich davon halte“. Dasselbe gelte auch auf lokaler Ebene. Beim Thema Marburger Stadthalle bemerkt Weber zum Beispiel: „Ist eine teure Totalrenovierung des Gebäudes wirklich notwendig? Wieso hat man vor Baubeginn nicht auch die Bürger nach ihrer Meinung gefragt?“.
Vieles liege im Argen. So auch die Umsetzung der in der Verfassung verankerten Mitbestimmungsrechte der Bürger, die bei Weitem nicht ausgeschöpft würden. „Vor der Wahl bekommen wir immer ein wenig Zucker, damit wir glauben, wir hätten auch etwas zu entscheiden.“

Partikeltherapiezentrum beschäftigt Piraten

Ein Negativerlebnis in Bezug auf die enormen Hürden eines Volksbegehrens geht Weber noch immer nahe. Im Jahr 2005 initiierte der heute 44-Jährige eine Unterschriftenaktion gegen die Pläne zur Privatisierung des Universitätsklinikums. 130 000 Unterschriften mussten innerhalb von zwei Monaten gesammelt werden, um die erste gesetzliche Hürde zu nehmen. Viel zu viel, findet Weber auch heute noch: „Sogar die Bayern sind hier fortschrittlicher. Dort braucht man nur 25 000 Unterschriften, um ein Volksbegehren auf den Weg zu bringen. Wieso kann man diese Regelung nicht einfach übernehmen?“ Wenn bestehende Gesetze eine stärke Beteiligung der Bürger verhinderten, müssten diese eben geändert werden, sagt Weber. „Es geht nicht darum, die Verfassung aus den Angeln zu heben, sondern die dort verwurzelten Rechte der Menschen zu stärken.“ Im Jahr 2005 scheiterte die Unterschriften-Aktion: Das Klinikum wurde verkauft und privatisiert. „Eine Entscheidung, die ganz sicher nicht im Sinne der Menschen war“, ist sich Weber auch heute noch sicher.

"Manchen Projekten sollte man manchmal nur eine Chance geben"

Nach diesen Worten geht es von der Parkbank für die obligatorischen Fotos zum Termin an den Teich im Neuen Botanischen Garten. Die Kamera vor dem Gesicht ist Weber nicht geheuer. Lieber spricht er über Themen, die ihn wirklich beschäftigen. Dazu zählt auch das Partikeltherapiezentrum, das sich nur unweit des Gartens auf den Lahnbergen befindet.
Dass dort Menschen mit Krebsleiden geholfen werden könnte, die Anlage aber immer noch nicht für Patienten nutzbar gemacht worden ist, stößt bei dem Familienvater auf völliges Unverständnis. „Die Technik wird schließlich auch nicht besser, je länger sie stehen bleibt.“ Und mit Technik kennt sich Weber bestens aus. In seiner Freizeit bastelt er an alten Computern und kümmert sich um den gemeinnützigen Verein Rechenkraft.net, den er gegründet hat. Überhaupt nutzen die Piraten die technischen Möglichkeiten  des Internets wie keine andere Fraktion. Vor diesem Hintergrund ist es nur verständlich, dass Weber eine  klare Meinung zum NSA-Abhörskandal hat. Die Tragweite sei noch lange nicht allen bewusst, ist sich Weber sicher. „Im Prinzip ist das so, als würde jeder Brief, den man verschickt, aufgemacht, abfotografiert und in einem Archiv verstaut.“
Das Argument vieler, man habe ja nichts zu verbergen, sei ein gefährlicher Trugschluss. Warum er dieser Meinung ist, verdeutlicht Weber an einem Beispiel auf seine Person gemünzt:
„Angenommen, ich bestelle mir über Amazon ein Biologie-Fachbuch zu meinem Forschungsgebiet. Darin geht es auch um gefährliche Bakterien, wie etwa den Milzbranderreger. Dazu bin ich technikinteressiert – besonders für Modellflug. Wenn ich jetzt über Twitter oder Facebook mit einem Freund über die amerikanische Außenpolitik witzele, könnte es sein, das die gesammelten Informationen ein völlig falsches Bild entstehen lassen. Nämlich: Da sitzt ein Biologe, der sich mit Milzbranderregern auskennt, ein kleines Fluggerät besitzt und anscheinend etwas gegen die USA hat.“ An Visionen mangelt es dem 44-Jährigen nicht. Dazu zählt auch das fahrscheinlose Fahren in Marburg. Die Idee: eine Bereitstellungsgebühr für den ÖPNV in Höhe von 10,90 Euro, getragen durch die Stadtbewohner. „Mit dem Geld könnte der gesamte Nahverkehrsbetrieb, so wie er sich heute darstellt, bezahlt werden“.
Ob eine solche Idee auf offene Ohren stoßen wird, bleibt abzuwarten. „Manchen Projekten sollte man einfach mal eine Chance geben“, findet Weber. Demokratie tut eben manchmal weh.

Steckbrief:

Name: Michael Weber
Alter : 44
Geburtsort : Osnabrück
Familienstand : verheiratet, eine Tochter
Beruf : Chemiker
Was für ein Auto fahren Sie? „Ich fahre noch nicht lange ein eigenes Auto. Jetzt habe ich aber einen Toyota Corolla Verso“.
Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen? „Die Gemeinwohl-Ökonomie“ von Christian Felber.
Ihr politisches Vorbild? „Ein direktes Vorbild habe ich nicht. Beeindruckende Persönlichkeiten sind aber Menschen wie Gandhi oder Nelson Mandela, die wirklich etwas bewegen konnten“.
Für welches Themengebiet würden Sie sich bei „Wer wird Millionär“ eignen? „Rockmusik und Heavy Metal“.
Wovon haben Sie keine Ahnung? : „Zum Beispiel von Grüner Soße“.

von Dennis Siepmann

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