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Ein Leben auf der Durchreise

Sören Bartol im Porträt Ein Leben auf der Durchreise

Seit elf Jahren sitzt Sören Bartol für die SPD im Bundestag. Seither pendelt der 38-Jährige zwischen Berlin und Marburg. Dreimal die Woche vier Stunden hin, vier Stunden zurück. Die OP traf Bartol sozusagen auf der Durchreise – am Bahnhof.

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Den Marburger Hauptbahnhof kennt Sören Bartol (SPD) bestens.

Quelle: Thorsten Richter

Wie viele Stunden jährlich er im Zug verbringt, kann Sören Bartol nur schätzen. Hunderte, vielleicht Tausende. Gezählt hat der gebürtige Hamburger sie noch nie. Doch immerhin, so behauptet der SPD-Politiker, könne er problemlos am Automaten eine Fahrkarte ziehen. „Mit allem, was dazu gehört“, betont er. Die Probe aufs Exempel lassen wir an diesem Tag allerdings aus …
Zumal Bartol weiß, dass so ein Fahrschein-Automat durchaus seine Tücken hat und nicht jedermanns Sache ist. Deshalb, ergänzt der jugendlich wirkende Politprofi, „setze ich mich dafür ein, dass die Schalter im Bahnhof erhalten bleiben“.
Wen wundert‘s, schließlich ist Bartol Verkehrsexperte seiner Partei in Berlin, oder um genau zu sein: „Sprecher für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung der SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag“. Eine Rolle, die dem 38-Jährigen gefällt und die ihm Spaß macht. Schließlich war es genau das, was er wollte, als er vor nunmehr elf Jahren – im Alter von gerade 28 Jahren – erstmals in den Bundestag einzog.

Ein „ganz normaler Job“

Ein wenig muss er schmunzeln, wenn er an den Tag damals zurückdenkt, als er im Reichstag seinen „Wegweiser für Anfänger“ entgegennahm und „all den Großen, die du nur aus dem Fernsehen kennst“, zum ersten Mal live gegenüberstand. „Plötzlich bist du einer von ihnen“, erinnert sich Bartol und weiß noch genau, welchen Respekt er damals nicht nur vor dem „Hohen Haus“, sondern gerade auch vor „denen da oben“ hatte. Den Bundeskanzler, also Gerhard Schröder, gleich zu duzen, sei ihm denn auch nicht leicht gefallen. Aber so ist das bei Sozialdemokraten halt üblich, und heute weiß Bartol, dass dies „in der Fraktion auch vieles leichter macht“. Zumal nach elf Jahren, in denen „die da oben“ längst zu Kollegen geworden sind. „Denn in der Beziehung unterscheidet sich der Bundestag nicht
von anderen Arbeitsplätzen.“
Überhaupt betrachtet der studierte Politikwissenschaftler seine Arbeit als Abgeordneter als „ganz normalen Job“. Naja, mehr oder weniger. Planbar jedenfalls ist für Sören Bartol nur wenig. Kurz vor unserem Gespräch hat er selbst kurzfristig eine Sondersitzung des Bundestags beantragt – es soll um die Personalprobleme bei der Deutschen Bahn gehen. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) soll sich dort erklären.
Der CSU-Mann aus Bayern scheint so etwas wie der (politische) Lieblingsgegner von Bartol zu sein. Jedenfalls kann der Marburger seine (heimliche) Freude nicht verhehlen, als er von dem „Überraschungs-Coup“ der SPD berichtet. Er entschuldigt sich kurz, telefoniert mit seinem Büro, um schnell noch eine Meldung nachzuschieben … In der Sache, versteht sich.

Abgeordneter holt sich Rat von außen

Die Sondersitzung des Bundestages wird übrigens am Ende nicht stattfinden. Ob Bartol, der werdende Vater, im Moment wirklich böse darüber ist? Immerhin muss er so einen Tag weniger nach Berlin. Wie gesagt, vier Stunden hin, vier Stunden zurück. Überdies kann sich der 38-Jährige über mangelnde Termine im Wahlkampf ohnehin nicht beklagen. Bis zum 22. September jedenfalls wird er keinen freien Tag mehr haben … stattdessen steht er auf Marktplätzen, gibt Interviews, macht Besuche, um für sich und seine Partei zu werben. Und um Rede und Antwort zu stehen. „In Berlin“, sagt er, „bin ich der Verkehrsexperte, im Landkreis bin ich schlicht der Abgeordnete, der zu allen Themen etwas sagen muss.“ Bartol tut dies gern. Und er tut es gewissenhaft.
Vor schweren Entscheidungen, wenn es etwa um Auslandseinsätze der Bundeswehr geht, um Beschneidung, die Rente mit 67 oder auch um Europa, holt sich der Sozialdemokrat gern Rat von außen. Von Fachleuten ebenso wie von Freunden.
Dass nicht immer alle Entscheidungen, die er und seine Partei in den vergangenen elf Jahren getroffen haben, richtig waren, gibt Bartol offen zu. „Das merkt man oft erst hinterher“, sagt er und fügt hinzu: „Man muss aber auch den Mut haben, sich zu korrigieren.“ Vor allem aber müsse man seine Entscheidungen begründen können. Nicht nur im Wahlkampf.
Dass der im Moment wenig Raum für Privates lässt, wird Bartol wohl geahnt haben, als er sich vor vielen Jahren entschloss, in die Politik zu gehen. Natürlich für die SPD. Eine andere Partei wäre für Bartol nicht infrage gekommen. Denn auch wenn er, wie er sagt, „erstmal ein ganz normales Kind“ war, war ihm die Sozialdemokratie doch sprichwörtlich in die Wiege gelegt. Aufgewachsen im Ostwestfälischen, nahm ihn seine Mutter – eine engagierte Kommunalpolitikerin – früh mit zu Parteiveranstaltungen. Bis er selbst begann, sich ehrenamtlich zu engagieren. „Da war ich ungefähr 14“, schätzt Bartol. „Als ich anfing, mir eine eigene Meinung zu bilden.“
So entschied er sich schließlich auch – gegen den Verstand und den Arbeitsmarkt – für ein Studium der Politikwissenschaften in Marburg. Bereut hat er diesen Schritt nie. Im Gegenteil: „Das Studium ist doch gerade die Zeit, in der man flügge wird“, sagt Sören Bartol und verrät doch keine Details aus seiner eigenen Studienzeit. Jedoch käme gerade diese Zeit heutzutage viel zu kurz. Schließlich müsse man als junger Mensch doch auch mal scheitern dürfen oder etwas abbrechen, kritisiert Bartol das heutige Bildungssystem.
 

Freizeit auf dem Wasser

Dann aber lacht er, will doch etwas von früher erzählen. Er zeigt auf ein Haus. „Hier habe ich meine erste Nacht in Marburg verbracht“, beginnt Bartol plötzlich zu plaudern. „In einer wilden WG, direkt am Güterbahnhof.“ Es soll ziemlich laut gewesen sein, heißt es …
Die Spontaneität von damals – heute vermisst sie der Politiker Bartol ab und zu. „Trotzdem gibt es ihn natürlich noch, den privaten Sören Bartol.“ Und der verbringt seine Freizeit am liebsten auf dem Wasser, auf seinem eigenen kleinen Segelboot. Darauf ist er besonders stolz. Denn gekauft hat er das „Erstlingswerk“ bei der Bootswerft von Arbeit & Bildung in Cölbe. „Ein ganz tolles Projekt“, schwärmt der 38-Jährige. Leider habe es finanzielle Probleme. „Doch wir müssen dafür sorgen, dass es nicht den Bach runtergeht.“ Da ist er also wieder, der Politiker Sören Bartol.
Und der Privatmann Sören Bartol? Der war in diesem Jahr auch schon segeln. Genau ein Mal.

Steckbrief
Geburtsname: Sören Bartol
Alter: 38
Geburtsort: Hamburg
Familienstand: liiert, zwei Kinder (das dritte ist unterwegs)
Beruf: Diplom-Politologe, Bundestagsabgeordneter
Welches Auto fahren Sie? VW Golf
Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen: „Annerscht - Ein Leben mit Contergan“ von Gunhild Krämer-Kornja
Wer ist Ihr politisches Vorbild: Es wäre eine Mischung aus Willy Brandt und Helmut Schmidt
Für welches Themengebiet würden Sie sich bei „Wer wird Millionär?“ als Telefonjoker eignen? Gesellschaftspolitik („aber ohne Gewähr“)
Wovon haben Sie so gar keine Ahnung? Krawattenknoten

von Anja Lucas

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