Volltextsuche über das Angebot:

14 ° / 6 ° Regenschauer

Navigation:
Die Wende lässt noch auf sich warten

Bundestagswahl historisch Die Wende lässt noch auf sich warten

Viele haben sich 1965 schon auf die Ära Willy Brandt eingestellt. Doch die Wende lässt noch auf sich warten. Überraschend gewinnt wieder die CDU - zum fünften Mal.

Voriger Artikel
Das Phänomen des Wählers auf Urlaub
Nächster Artikel
I wie Immunität

Sein erneuter Sieg kam 1965 dann doch überraschend: Ludwig Erhard bleibt Bundeskanzler. Foto: dpa

Quelle: dpa

In der Wahlnacht 1965 setzt die ARD erstmals einen Computer für Prognosen ein. Man traut dem Ding noch nicht und betont deshalb ständig, dass alles nur ein „Spiel“ sei. „Nehmen Sie diese Zahlen nicht als amtlich!“ Umso größer ist das Erstaunen, als der „Elektronen-Rechner“ das Ergebnis sehr genau vorhersagt: Ludwig Erhards CDU holt mehr Stimmen als 1961 unter Adenauer. Wahl-Berichterstatter Rudolf Rohlinger beschließt den Abend mit den Worten: „Wir verabschieden uns jetzt mit einem kleinen Streicheln für den lieben Computer.“

FDP bewegt sich nach links

Das anfängliche Misstrauen ist auch deshalb so groß, weil die Meinungsumfragen wochenlang ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Bundeskanzler Erhard und seinem SPD-Herausforderer Willy Brandt vorausgesagt haben. Brandt wurde im Wahlkampf von 62 Prominenten aus Literatur und Kunst unterstützt - nahezu alles, was damals in der Kultur Rang und Namen hat, setzte sich für einen Regierungswechsel ein. Die CDU hielt mit einem biederen Liedchen dagegen: „Jaja, wir sind in all den Jahren/Mit Ludwig Erhards CDU/doch wirklich gut gefahren.“

So schlicht die Botschaft auch präsentiert wurde - sie kommt an. Das rosige Mondgesicht Erhards mit der dicken Zigarre im Mund gilt vielen Bürgern immer noch als Garant des neu erworbenen Wohlstands.

Und doch ist die Gesellschaft im Umbruch. Die Mitte der 60er-Jahre ist die Zeit der Beatles, der Miniröcke - und der Auschwitz-Prozesse. „Wenn dies irgendwo gilt, dann ist in Deutschland Unruhe die erste Bürgerpflicht“, verkündet der Soziologe und FDP-Politiker Ralf Dahrendorf. Die FDP, seit 1961 mit der CDU in einer Koalitionsregierung, bewegt sich in diesen Jahren nach links. Auch Erhard will die Gesellschaft durchaus offener und moderner gestalten. Doch es fehlt ihm an Tatkraft, Arbeitseifer und vor allem Durchsetzungsvermögen. So erfolgreich er als Wirtschaftsminister war - im Bonner Kanzlerbungalow gilt der gemütliche Dicke von Anfang an als Übergangsfigur.

Tatsächlich ist die Bundestagswahl von 1965 sein letzter Erfolg. 1966 setzt erstmals in der noch kurzen Geschichte der Bundesrepublik eine Rezession ein. Der Kohlebergbau des Ruhrgebiets gerät zudem durch billiges Erdöl in eine tiefe Krise. Infolgedessen verliert die CDU die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen. Wenig später zerbricht Erhards Koalition mit der FDP an der Frage, ob das - nach heutigen Maßstäben winzig kleine - Haushaltsloch durch Schulden oder Steuererhöhungen gedeckelt werden soll.

Die CDU bläst zum Putsch

Das ist für die CDU/CSU-Bundestagsfraktion das Zeichen zum Putsch. Kurzerhand bestimmt sie einen neuen Kanzlerkandidaten, obgleich der amtierende Kanzler keineswegs seinen Rücktritt erklärt hat. Nun ist er dazu gezwungen. Sein Nachfolger wird der baden-württembergische Ministerpräsident Kurt Georg Kiesinger, der 1966 mit der SPD eine Große Koalition eingeht. Damit übernehmen die Sozialdemokraten im Bund zum ersten Mal Regierungsverantwortung. Willy Brandt wird Außenminister und Vizekanzler - und 1969 schließlich Regierungschef. Die Wende ist da.

Von Christoph Driessen

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Interview mit Jürgen Trittin
„Ein weiterer Schuldenschnitt für Griechenland wird mit jedem Tag wahrscheinlicher“: Der Grünen-Spitzenkandidat Jürgen Trittin.Fotos: Thorsten Richter

Der Grünen-Spitzenkandidat gilt im Falle eines Wahlsieges von Rot-Grün als Anwärter auf den Posten des Finanzministers. Einen weiteren Schuldenschnitt für Griechenland will er dann nicht kategorisch ausschließen.

mehr
Mehr aus Bundestagswahl

Wahl-Berichterstattung

Top 3 und Flop 3 der Wahllokale: Kandidaten im Vergleich

Altkreis Marburg entscheidet für Löber

Bis ganz zum Schluss musste Angelika Löber zittern: Nach 23 Uhr am Sonntagabend stand fest, dass die Lahntalerin in den Hessischen Landtag einzieht. mehr

KommentareKommentar