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Angela Merkel auf schmalem Grat

Besuch in KZ-Gedenkstätte Angela Merkel auf schmalem Grat

Als erster deutscher Regierungschef wird Angela Merkel (CDU) heute am frühen Abend die KZ-Gedenkstätte in Dachau besuchen.

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Längst ein Symbol der Schrecken des Nationalsozialismus: Das stählerne Eingangstor des ehemaligen Konzentrationslager in Dachau bei München. Heute gedenkt Bundeskanzlerin Merkel hier der Opfer. Foto: Peter Kneffel

Quelle: Peter Kneffel

Nur eine Viertelstunde später soll Frau Merkel, dann in ihrer Rolle als CDU-Chefin, auf dem nahe gelegenen Dachauer Volksfestplatz eine CSU-Bierzeltveranstaltung zum Wahlkampf eröffnen. Viele sind überrascht, dass erst jetzt ein Kanzlerbesuch stattfindet. Andere sind zutiefst verwundert, angesichts der Besuchsabfolge: Kann und darf man angesichts des Schreckens vom KZ-Gedenkplatz (es gab über 41000 tote Häftlinge) nach 15 Minuten in Bierzeltlaune parteipolitisch aktiv sein? Vertreter jüdischer Organisationen sprechen offiziell von einer historischen Geste. Grünen-Fraktionschefin Renate Künast nennt die Besuchsfolge eine „geschmacklose und unmögliche Kombination“.

Kohl nicht eingeladen

Fünf Minuten Zeit bleiben der Kanzlerin für eine Begegnung mit extra aus dem Ausland anreisenden ehemaligen Lagerinsassen. Das Gedenkstätten-Komitee teilt allen Besuchern der KZ-Stätte mit, dass für einen angemessenen Rundgang „mindestens 2,5 Stunden veranschlagt“ werden müssten, aber „die meisten Besucher benötigen einen halben Tag“.

Charlotte Knobloch, Präsidentin der israelitischen Kultusgemeine in München und Oberbayern, verteidigt die Kanzlerin. Sie setze ein „glaubhaftes, beeindruckendes und berührendes Signal“. In der Kanzlerzeit von Helmut Kohl war mehrfach ein Besuch des jahrzehntelang in der bayerischen Stadt umstrittenen Gedenkstättenkomplexes gescheitert. Max Mannheimer, Initiator des jetzigen Merkel-Besuchs, Chef der internationalen Lagergemeinschaft und Dachau-Überlebender, sagt: „Helmut Kohl hätte ich nie eingeladen“. Sein Satz von der „Gnade der späten Geburt“ sei furchtbar gewesen. Aber bei Angela Merkel „zählt die Leistung“ beim Umgang mit der Vergangenheit. Ihm imponiere deren eindeutige Positionierung in Fragen des Antisemitismus und der Nazigewalt.

Charlotte Knobloch war bis vor Kurzem Vizepräsidentin des Jüdischen Weltkongresses und von 2006 bis 2010 Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. „Die Bundeskanzlerin verkörpert in meinen Augen beispielhaft, was es in führender politischer Funktion bedeutet, Verantwortung zu übernehmen - für Geschehenes ebenso wie für das noch zu Erbringende.“ Max Mannheimer, ein Sozialdemokrat, hatte die Kanzlerin bereits im November zum Besuch eingeladen.

Intern haben führende Vertreter des jüdischen Lebens sich allerdings, nach Informationen dieser Zeitung, verwundert und irritiert darüber gezeigt, dass Merkel die Gedenkstätte und den Bierzelt-Auftritt kombiniere. Nach Jahren der Besuchswerbung wolle man aber den Merkel-Besuch durch kritische öffentliche Stellungnahmen nicht belasten, hieß es auf Nachfrage.

„Wir befinden uns im Wahlkampf. Jeder Politiker hat das Recht, sich und seine politischen Ziele und Visionen wo auch immer öffentlich zu präsentieren“, sagt Charlotte Knobloch. Es sei „lobenswert, dass die Kanzlerin die Gelegenheit ihres Besuchs in der Region wahrnimmt, um die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers zu besuchen“.

Kraft hatte abgesagt

Grünen-Fraktionschefin Renate Künast kritisiert dagegen: „Wer es ernst mit dem Gedenken an einem solchen Ort des Grauens meint, der macht einen solchen Besuch garantiert nicht im Wahlkampf.“ SPD-Vize Hannelore Kraft hatte kürzlich eine Einladung zum Besuch der Dachauer Gedenkstätte Anfang September unter Hinweis auf die Wahlkampf-Phase abgelehnt.

Von Dieter Wonka

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