Volltextsuche über das Angebot:

17 ° / 8 ° Regenschauer

Navigation:
Ziele sind nicht immer Spanien und Afrika

Milde Temperaturen im Winter Ziele sind nicht immer Spanien und Afrika

Unsere Mitbürger im Osten Deutschlands können dieser Tage schon behaupten, den Winter bei minus 13 Grad kräftig zu spüren, aber im Breisgau sind es noch zehn Grad plus. Was machen nun die Vögel - hierbleiben oder wegfliegen?

Voriger Artikel
Von Ortsrivalität zum sonnigen Image
Nächster Artikel
Böses Erwachen in Oberwalgern

Kraniche aus Skandinavien fliegen gen Süden. Einigen von ihnen reicht bereits Deutschland als Winterquartier aus, sagt Professor Martin Kraft.

Quelle: Patrick Pleul

Niederwalgern. Zugvögel haben schon ein hartes Leben. Zweimal im Jahr nehmen sie große Strapazen auf sich, fliegen grob gesagt einmal von Nord nach Süd und dann wieder von Süd nach Nord - und das über tausende von Kilometern.

Im immer noch sehr bekannten Kinder-Frühlingslied „Alle Vögel sind schon da“ werden Amsel, Drossel, Fink und Star als Rückkehrer benannt. Die Amsel? Die sitzt doch im Garten am Futterhäuschen. Und das macht sie schon seit Jahren so, egal wie warm oder kalt der Winter ist. Die Amsel scheint wohl robuster zu sein und irgendwie ein bisschen mehr klimawandelunabhängig. Möglicherweise. Aber wie verhält es sich nun mit den Zugvögeln? Spüren sie den Klimawandel, wie reagieren sie auf milde Temperaturen in der eigentlich kalten Jahreszeit? Fragen wir doch mal einen Mann, der sehr viel Zeit damit verbringt, Vögel zu beobachten und deshalb auch sehr viel über ihr Verhalten zu sagen weiß: Professor Martin Kraft, Privatdozent und Vogelschutzbeauftragter der Stadt Marburg.

OP: Immer wieder hört und liest man davon, dass aufgrund milder Temperaturen nicht mehr alle klassischen Zugvögel wirklich bis in den europäischen Süden oder Afrika fliegen, sondern hier in Mitteleuropa, sprich auch bei uns, überwintern. Was haben Sie als Vogel-Experte und Beobachter diesbezüglich für Erfahrungen gemacht?

Professor Martin Kraft : Ja, das stimmt. In milden Wintern bleiben einige Arten unter den Kurzstreckenziehern bei uns. Das macht sich im Zuge des Klimawandels schon seit geraumer Zeit bemerkbar. So gibt es inzwischen bei uns vermehrt Überwinterungen von wenigen Weißstörchen und Kranichen. Andere Großvögel, wie beispielsweise der Silberreiher, sind im Winter inzwischen sogar häufiger als im Sommer hier. Durch Ringablesungen konnten wir nachweisen, dass vor allem ungarische Jungvögel bei uns im Winter auftreten. Dabei kann es im Ohmbecken und Lahntal teilweise zu großen Ansammlungen von 50 und mehr Individuen kommen. Unter den Singvögeln sind es vor allem Feldlerchen, Stare, Hausrotschwänze, Zilpzalpe, Mönchsgrasmücken, Wiesenpieper, Bachstelzen und Rohrammern, die zunehmend in milden Wintern bei uns zu sehen sind. Auch Zwergschnepfen, Bekassinen und Waldwasserläufer gehören inzwischen zu den regelmäßigen Überwinterern. Wenn die Gewässer nicht zufrieren, bleiben auch viel mehr Zwerg- und Haubentaucher, Kormorane, Graureiher und neben den allbekannten Stockenten auch Schnatter-, Krick- und Pfeifenten sowie in geringer Zahl auch Spieß- und Löffelenten bei uns.

OP: Bergen milde Temperaturen im Dezember und Januar die Gefahr, dass Zugvögel zu früh in ihre Sommerquartiere aufbrechen und dann dort vielleicht bitter überrascht werden könnten?

Kraft: In der Regel bleiben sehr milde Winter auch im Januar und Februar noch erhalten, sodass es für Zugvögel keinerlei Probleme gibt, aber es gibt auch mäßig milde Winter mit plötzlichen Kälte- und Schneeeinbrüchen im zeitigen Frühjahr. Dann kann es sogar sein, dass große Mengen von Zugvögeln über einen längeren Zeitraum gar nicht mehr weiterfliegen, weil ihnen die Witterungsunbilden keine Möglichkeit dazu geben.

Vor allem späte Wintereinbrüche im Februar/März können sehr gefährlich werden, denn dann haben die Zugvögel, die teilweise aus dem Mittelmeerraum kommen, kaum noch Möglichkeiten, wieder nach Süden auszuweichen. Da kann es dann auch zu erheblichen Verlusten wie beispielsweise im Frühjahr 2013 kommen. Die meisten Zugvögel kehren aber doch um, was wir als Umkehrzug bezeichnen. Manchmal ist die Wettergrenze im Frühjahr aber schon in Nordhessen, sodass wir im gemäßigteren Mittelhessen zeitweise riesige Ansammlungen von Kiebitzen, Goldregenpfeifern, Ringeltauben, Feldlerchen, Wiesenpiepern und Bachstelzen beobachten können, was wir dann als Zugstau bezeichnen.

Bleiben die Winter durchweg mild, so haben die Vögel ein deutlich größeres Zeitfenster für ihr Brutgeschäft zur Verfügung. Frühere Eiablagen führen oft zu einem größeren Bruterfolg, und es kann in einem folgenden milden Frühling und Frühsommer zu Mehrfachbruten kommen. So war es 2014 und auch 2015.

OP: Verändern milde Temperaturen in der eigentlich kalten Jahreszeit das Leben von Vögeln, die bei uns überwintern?

Kraft: Ja, ganz sicher, denn milde Temperaturen und Sonnenschein bewirken durchaus schon hormonelle Veränderungen, die zu frühem Balzen mit regelmäßigen Paarungen führen.Manche Arten brüten dann auch mitten im Winter, vor allem im Januar. Das kann Nil- und Graugänse, Stockenten, Ringel- und Türkentauben, aber auch Amseln und Feldsperlinge betreffen. Folgen mehrere milde Winter hintereinander, die sich schließlich auch im Jahresmittel über einen längeren Zeitraum äußern, konnten wir im Rahmen von Langzeitstudien feststellen, dass auch Langstreckenzieher wie beispielsweise Kuckuck, Mauersegler, Rauch-, Mehl und Uferschwalbe, aber auch Nachtigall und andere Singvögel deutlich früher aus ihren afrikanischen Winterquartieren zurückkehren. Beim Weißstorch, der noch vor einigen Jahren als typischer Langstreckenzieher galt, hat schon eine starke Veränderung im Zugverhalten stattgefunden. Selbst in der Weihnachtszeit sangen schon die ersten Amseln und Meisen, etwa zwei Wochen früher als in normalen Wintern.

OP: Wie sieht es mit der Fütterung aus, brauchen Vögel bei mildenTemperaturen im Winter noch die menschliche Hilfe wie Meisenknödel, Nüsse und Sonnenblumenkerne?

Kraft: Über die Auswirkungen von Winter- und Ganzjahresfütterungen auf frei lebende Vögel habe ich ja lange geforscht. Das Füttern muss nicht an kalte oder schneereiche Winter geknüpft werden. Auch in milden Wintern kann man auf jeden Fall Vögel füttern, weil es absolut nicht schädlich ist, wenn man das richtige Futter verwendet und Futterplätze nicht verwahrlosen lässt. Werden die drei Komponenten Eiweiße, Fette und Kohlenhydrate in ausgewogener Form angeboten, dann profitieren die Vögel davon in großem Maße. Bei hohen Schneelagen werden ohnehin lediglich Bucheckern im Wald oder Felder und Wiesen in der offenen Kulturlandschaft bedeckt.

In der Regel finden Vögel auch in strengen Wintern genügend Beeren und an noch offenen Gewässerbereichen auch ausreichend Insekten und Spinnen. Gefährlich wird es nur dann, wenn alles zufrieren würde und keinerlei Samen oder Beeren mehr zur Verfügung stünden. Darunter leiden bei uns vor allem Eisvögel und Zaunkönige. Glücklicherweise gibt es bei uns aber zunehmend Bio-Äcker, die grundsätzlich für ein gutes Nahrungsangebot auch in strengen Wintern sorgen.

Zudem frieren Lahn und Ohm auch in strengen Wintern nicht vollends zu! Kurzum: Man kann Vögel immer füttern, denn sie verlernen niemals ihre natürliche Nahrungssuche und sie verfetten auch nicht. Vögel sind Opportunisten, die ergiebige Nahrungsquellen ausfindig machen und diese auch nutzen, weswegen das noch lange nicht zu gemästeten und flugunfähigen Vögeln führt. Weiterhin nutzen durchaus auch seltene Arten unsere Futterstellen.

An den Martinsweihern bei Niederwalgern füttern wir rund ums Jahr, wobei wir schon sehr schöne Beobachtungen machen konnten. Es ist ornithologischer Nonsens, wenn behauptet wird, dass später heimkehrende Zugvögel benachteiligt wären, denn die sind oft wesentlich aggressiver in der Nistplatzwahl, wobei die stark bedrohten Wendehälse sogar jeden anderen Höhlenbrüter aus dem Nistkasten oder der Naturhöhle werfen und Trauerschnäpper nicht selten ihre Nester über brütende Meisen bauen. In ausgeräumten Landschaften können wir durch Vogelfütterung durchaus auch einen Beitrag zum Artenschutz leisten. Wichtig ist vor allem, dass über die Vogelfütterung viele Menschen mit wachsender Begeisterung zu Naturschützern werden.

von Götz Schaub

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr