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„Zeigen, dass wir verantwortungsvoll arbeiten“

Landessammelstelle Roßberg „Zeigen, dass wir verantwortungsvoll arbeiten“

Wie sieht es im Atommülllager im Roßberger Wald aus? Ein Fernsehbericht über rostige Atommüllfässer in Deutschland ließ unangenehme Befürchtungen aufkommen. Der Betreiber will diesem Eindruck mit Offenheit begegnen.

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Helmut Piscator von der Landessammelstelle Ebsdorfergrund in der Lagerhalle. Die Fässer mit schwach- und mittelradioaktivem Abfall sind dort so aufgestellt, dass ihr Zustand bei regelmäßigen Kontrollen begutachtet werden kann. Gibt es Zweifel an der Dichtigkeit eines Fasses, wird es in einen neuen, größeren Behälter gestellt.

Quelle: Tobias Hirsch

Roßberg. „Dass die Menschen Ängste haben, respektieren wir. Wir können dagegen nur eins tun: möglichst transparent zu zeigen, wie wir arbeiten und dass wir verantwortungsvoll arbeiten“, sagt Dr. Thomas Allinger, Strahlenschutzbeauftragter der Landessammelstelle Ebsdorfergrund und Abteilungsleiter „Immissions- und Strahlenschutz“ beim Hessischen Landesamt für Umwelt und Geologie (HLUG) in Kassel, das die Lagerstätte in Roßberg betreibt.

Landessammelstelle Roßberg. Foto: Tobias Hirsch

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Weil man auf Transparenz setzt, bot das HLUG von sich aus eine Besichtigung der Anlage an, als die OP im Zuge der Berichterstattung des NDR über radioaktive Abfälle in der vergangenen Woche Kontakt mit dem Landesamt aufnahm.

Keine Kraftwerks-Abfälle

Schon von außen erkennt jeder Spaziergänger, dass das Grundstück gegen unerlaubte Eindringlinge umfassend gesichert ist. Auf den, der das Innere des Gebäudes betritt, warten weitere Routinen, die der eigenen Gesundheit dienen. Besucher werden umfangreich eingewiesen, wie sie sich zu verhalten haben, um sich nicht unnötiger Strahlung auszusetzen. Auch das Verhalten im Brandfall gehört zur Einweisung, bevor sich für einen Gast die schweren Metalltore öffnen und man die Halle betreten darf, in der die Fässer lagern.

Darin befinden sich keine radioaktiv belasteten Flüssigkeiten und auch keine Abfälle aus dem Kreislauf von Atomkraftwerken. Es sind Feststoffe, zum Teil lose in die Fässer gefüllt, zum Teil in gepresster Form. „Auslaufen kann nichts“, so Dr. Allinger. Nach Roßberg kommen ausschließlich schwach bis mittelradioaktive Stoffe aus ganz Hessen.

Das kann Baumaterial aus Laboren sein oder radioaktiv belastete Metalle, die auf einem Schrottplatz auftauchen. In Roßberg lagern zum Beispiel Radium-Leuchtplättchen, die die US-Armee hinterlassen hat. Angenommen werden aber auch Kleinmengen, etwa alte Uhren mit Leuchtzifferblättern, alte Rauchmelder oder Präparate aus Schulen. Der größte Fund, erinnert sich Helmut Piscator, der seit mehr als 30 Jahren in Roßberg arbeitet, war in den 90er Jahren ein Lkw, der mit belastetem Metallschrott aus der Gegend um Tschernobyl beladen war. Diese Ladung ging sicher verpackt zurück in die Ukraine, das Fahrzeug wurde in Roßberg dekontaminiert. Manche Abfälle können auch in dafür vorgesehenen Anlagen verbrannt werden, dann bekommt Roßberg nur die belastete Asche zurück - in Hinblick auf eine Endlagerung versucht man, auch Volumen zu sparen.

10 Mikrosievert in der Halle

In der Lagerhalle beträgt die Strahlung laut Allinger 10 Mikrosievert pro Stunde. Um der erlaubten Jahresdosis für beruflich höheren Strahlungen ausgesetzten Arbeitnehmern (20 Millisievert, das entspricht auch einer Ganzkörper-Computertomographie) ausgesetzt zu sein, müsste ein Mitarbeiter sich in der Halle demnach 10000 Stunden aufhalten, rechnet Dr. Allinger vor. Das entspräche einem ganzen Arbeitsjahr - und dem ständigen Aufenthalt an der Stelle mit der höchsten Strahlendosis. Da die Mitarbeiter der Sammelstelle aber nur dann die radioaktiven Bereiche betreten, wenn es unabdingbar ist, kämen sie im Jahr auf höchstens 200 Stunden. Zu ihren Tätigkeiten gehören neben der regelmäßigen Kontrolle der Behälter das Überprüfen von angelieferten Inhalten, etwa, ob das Gewicht plausibel zu den Angaben über den Inhalt der Fässer passt.

Geöffnet werden die Behälter nur, wenn es unbedingt notwendig erscheint. Es werde immer abgewogen, „ob es angemessen ist, Mitarbeiter zusätzlicher Strahlung auszusetzen“. Deshalb werde auch nicht jeder Kratzer im Lack eines Fasses neu lackiert, so lange er keine Gefahrenquelle darstelle.

Dass Metall rosten kann, weiß jeder. Das ist auch bei den Behältern in der Landessammelstelle nicht anders. Allerdings sieht man sich durch die regelmäßigen Kontrollen der gelagerten Fässer auf der sicheren Seite. Flugrost werde entfernt, wenn es Rost durch Schäden an der Lackierung gebe, werde dieses Fass unter Beobachtung gestellt. Wenn sich abzeichnet, dass an dieser Stelle Radioaktivität verstärkt austreten könnte, werde es in ein größeres Fass umgepackt und ist dann wieder in einem sicheren Behälter.

Kein Austritt von Strahlung

Vor allem bei Fässern, die schon seit den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Roßberg stehen, gab es in der Vergangenheit Handlungsbedarf. Das sei aber nicht zwingend so. Gründe für mögliche Schwachstellen liegen vor allem in der Handhabung der Fässer, so Allinger. Schon beim Einfüllen, beim Transport oder Ab- und Umladen der Behälter können - auch bei neueren Fässern - Lackschäden entstehen, die Korrosion begünstigen.

Außerhalb des Gebäudes, so der Strahlenschutzexperte, gebe es keine radioaktive Strahlung, die von der Sammelstelle ausgehe. Dafür sorgen unter anderem Filter. Im Gebäude, an den Zäunen an der Grundstücksgrenze, im angrenzenden Wald und in den umliegenden Orten wird permanent die radioaktive Strahlung gemessen.

Die Werte, die zum Teil über ein ganzes Jahr hinweg, in der näheren Umgebung in deutlich kürzeren Abständen gesammelt werden, seien an allen Messpunkten unauffällig, so Allinger.

Die gemessene radioaktive Strahlung in der Umgebung entspreche dem Wert der in der Gegend vorkommenden Strahlung aus natürlichen Quellen, zum Beispiel durch Uran im Boden.

Allinger und sein Team belegen dies mit der Dokumentation ihrer Messergebnisse, die das HLUG auch regelmäßig der Kontrollkommission der Landessammelstelle vorlegt. In dieser sitzen neben Vertretern der angrenzenden Gemeinden auch Mitglieder der örtlichen Bürgerinitiative und des BUND.

Das Kontrollgremium fühlt sich vom HLUG gut informiert. Dennoch, so Allinger, kursierten in der Bevölkerung bis heute Gerüchte, dass auch in unterirdischen Kellern Atommüll gelagert werde. Einen Keller gebe es zwar, so der Strahlenschutzexperte, „aber dort steht nur das Notstromaggregat und ein Heizöltank“.

Auch für einen Brand wäre die Anlage gerüstet. Löschwassersperren verhindern im Ernstfall, dass kontaminiertes Wasser aus dem Gebäude auf das Grundstück und in den Wald fließen kann. Es gibt auch eine CO2-Löschanlage, die ein Feuer ohne Wassereinsatz ersticken kann. Regelmäßige Übungen mit den örtlichen Feuerwehren gehen auf mögliche Szenarien ein.

Und was passiert, wenn es irgendwann ein Endlager gibt und die Einrichtung in Roßberg nicht mehr gebraucht würde? Dann könnte sie nach einer Dekontamination als normale Maschinen- oder Lagerhalle genutzt werden, sagt Allinger. Sie sei nicht so stark belastet, dass sie abgerissen werden und selbst irgendwann im Schacht Konrad enden müsste.

von Michael Agricola

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