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„Wir machen keinen Strich unter die Geschichte“

Gedenkfeier „Wir machen keinen Strich unter die Geschichte“

Bei der Gedenkfeier zur Pogromnacht in der Landsynagoge Roth stand das Schicksal von Hermann Höchster, des letzten Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Roth, und ­seiner Familie im Mittelpunkt.

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Schüler der Gesamtschule Niederwalgern verlasen die Namen aller Opfer aus Roth, Fronhausen und Lohra.

Quelle: Manfred Schubert

Roth. „Ich bin sehr tief in das Leben von Hermann Höchster eingetaucht, das hat mich sehr berührt“, erklärte Gabriele C. Schmitt zu Beginn ihres Versuchs, den Lebensweg von Hermann Höchster, des letzten Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Roth, nachzuzeichnen. Dazu hatte sie Dokumente, Fotos, Briefe und Erinnerungen von Zeitzeugen, die sie unter anderem kürzlich in den USA aufsuchte, benutzt.

Und Dinge, die man mit Händen berühren kann. Sie zeigte den 60 Teilnehmern der Gedenkfeier zur Pogromnacht den alten Schlüssel, den Höchster einst benutzt hat, um die alte Tür oben in der Landsynagoge aufzuschließen. Und erwähnte den daran hängenden Sicherheitsschlüssel für die Eingangstür sowie die Alarmanlagen an den Fenstern, die man mittlerweile, in der neuen Zeit, brauche.

Am Ende ihres Vortrags überreichte Schmitt, die ehemalige Vorsitzende des Arbeitskreises Landsynagoge Roth, der jetzigen Vorsitzenden Dr. Annegret Wenz-Haubfleisch das Gebetbuch, welches Höchster 1936 gekauft hatte. Sie hatte es in den USA von dessen Enkelin Marion Solovei erhalten - es soll nun in der ehemaligen Synagoge bleiben.

Als erstes Foto zeigte Schmitt eine Aufnahme des Männergesangvereins Roth aus dem Jahre 1904. Auf diesem ist Hermann Höchster zu sehen, dessen Hand auf der Schulter des Sängers neben ihm ruht - ein Sinnbild dafür, wie geschätzt und integriert er im Ort war. Später wurde er auch Ehrenmitglied des Vereins.

Im Ersten Weltkrieg kämpfte der 1881 geborene Höchster als Soldat und wurde mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. In dieser Zeit verstarb seine erste Frau, 1918 heiratete er Bertha Wertheim, mit der er drei weitere Kinder bekam.

Höchster sei als Geschäftsmann sehr geschätzt gewesen, sagte Schmitt. Zu Fuß habe er seine Kurzwaren bis nach Staufenberg und Ruttershausen gebracht. Sein ältester Sohn Erwin - aus erster Ehe - habe eine Theatergruppe im Ort gebildet, Fußball gespielt, für Eintracht Frankfurt geschwärmt, das erste Motorrad und den ersten Fotoapparat in Roth gehabt. Er habe „den Mund aufgemacht“, sei politisch links gewesen und wanderte rechtzeitig nach Südafrika aus.

„Wir machen uns keine Vorstellung, was es für Hermann Höchster bedeutet haben muss, nach der Reichspogromnacht die Synagoge so geschändet vorgefunden zu haben. Mit seiner Tochter Trude hat er noch einige Gebetbücher und die Tora-Rolle gerettet“, erzählte Schmitt.

Trude habe sich danach zu Verwandten nach England gerettet. Ihr Vater habe, wie ein Brief von 1937 zeige, noch die Hoffnung gehabt, zum Sohn Erwin nach Südafrika auszuwandern. Der sah seine einzige Chance, seine und die Eltern seiner Frau aus Nazi-Deutschland zu holen, darin, zur Armee zu gehen. Dann hieß es, sie könnten für sechs Monate kommen.

Angesichts ihres Alters entschieden sie sich dagegen, nicht wissend, was später mit beiden Elternpaaren passieren sollte. Am 8. Dezember 1941 wurden sie deportiert, kamen im November 1943 nach Auschwitz und wurden dort ermordet. Die jüngsten Kinder Ilse und Helmuth Höchster mussten das gleiche Schicksal erleiden.

Schmitt zeigte eine Aufnahme der Liste der einst im Landkreis Marburg wohnenden Juden, die Namen und Daten jeweils mit einer Linie rot durchgestrichen und mit einem roten Haken als erledigt gekennzeichnet. „Wir machen keinen Strich unter die Geschichte“, versprach sie.

Anschließend verlasen fünf Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule Niederwalgern, die an einem Projekttag zur Synagoge teilgenommen hatten, die Namen aller Opfer aus Roth, Fronhausen und Lohra. Amnon Orbach, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Marburg, gedachte im Gebet aller Ermordeten.

von Manfred Schubert

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