Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
„Wer geht denn schon zum Vertrauenslehrer?“

Gesamtschule Niederwalgern „Wer geht denn schon zum Vertrauenslehrer?“

Das Ensemble Radiks präsentierte „Fake oder War doch nur Spaß“ – ein Stück über Mobbing und die Folgen von Beleidigungen, Bedrohungen und sexueller Belästigung über das Internet.

Voriger Artikel
„Sparbemühungen zahlen sich aus“
Nächster Artikel
Abschied und Neuanfang in Fronhausen

Malte Sachtleben und Manuela Weirauch vom Ensemble Radiks spielten vor Schülern in Niederwalgern „Fake oder War doch nur Spaß“.

Quelle: Manfred Schubert

Niederwalgern. Aktuell verhandelt die Schülervertretung an der Gesamtschule Niederwalgern über eine Lockerung des Handyverbots. Die Schüler würden ihre mobilen Kommunikationsgeräte zumindest in den Pausen nutzen dürfen. Anscheinend kann so mancher einen ganzer Schultag ohne Kontakte über Whatsapp, Facebook und Co. doch nur schwer durchhalten.

Dass die sozialen Netzwerke auch ihre negativen Seiten haben, ist ihnen durchaus bewusst. Es soll darum bei der Nutzungsvereinbarung auch um Regeln gehen, was man posten darf und was nicht, berichteten Lehrerin Cordula Peter und Arndt Jacob vom Beratungs- und Förderzentrum. Sie hatten, ergänzend zur Behandlung der Thematik im Ethik-, Religions- und Gesellschaftslehreunterricht, eine Theateraufführung an der Schule organisiert. Am Montag sahen etwa 140 Schüler der Jahrgangsstufen 7 bis 9 im Kulturhaus „Fake oder War doch nur Spaß“ vom Berliner Ensemble Radiks.

In dem Stück von Autor und Regisseur Karl Koch geht es um Mobbing, insbesondere Cyber-Mobbing, die persönlichen und rechtlichen Folgen von Beleidigungen, Bedrohungen und sexueller Belästigung über das Internet sowie Missbrauch und Schutz persönlicher Daten.

Wenn aus Spaß Ernst wird

Malte Sachtleben und Manuela Weirauch stellten in wechselnden Rollen dar, wie aus ersten Lügen und Anfeindungen rasch eine Lawine aus Beleidigungen, Spott und Bloßstellungen wird, gegen die sich das Opfer gar nicht mehr alleine wehren kann. Das Opfer in dem Stück ist die 17-jährige Lea. Sie träumt davon, Sängerin zu werden. Als sie von einer Casting-Agentur aufgenommen wird, weckt das den Neid ihrer angeblich besten Freundin Nadine. Beide sind Sängerinnen in einer Band. Nadine beginnt, falsche Behauptungen über Lea zu verbreiten und den Eindruck zu erwecken, Lea halte sich für etwas Besseres. Es gelingt ihr so, die anderen Bandmitglieder zum Ausschluss Leas zu bewegen. Aber damit ist noch lange nicht Schluss, erste ärgerliche Kommentare über Lea auf Facebook, Twitter und sonstigen Online-Communities ziehen immer schlimmere Mobbing-Attacken gegen sie nach sich.

Anfangs denkt sie, es würde von allein wieder aufhören. Dann wehrt sich Lea, zunächst mit Gegenkommentaren, und stellt einen selbstverfassten Rap-Song gegen die Mobber ins Netz. Doch das verschärft die Angriffe noch. Drohungen und Beleidigungen kommen nun auch per SMS und Telefon. Lea fehlt immer häufiger in der Schule. Dann muss sie auch noch erkennen, dass ihr scheinbarer Freund Andi ihr seine Zuneigung nur vorgetäuscht hat und zu der Gruppe der Mobber gehört. „Ich stehe nicht auf dich, es wird langweilig. Das war alles nur Fake, ein Spaß“, gibt er schließlich zu. Lea läuft von zu Hause weg, springt aus dem Fenster einer Bauruine. Sie wird gerettet, kommt ins Krankenhaus und dann in eine psychiatrische Klinik. Für einige der Mobber hat das Ganze ein gerichtliches Nachspiel, mit Strafen bis zu einem halben Jahr Gefängnis auf Bewährung.

Schüler sprachen mit den Schauspielern

Im Nachgespräch kamen die ersten Wortmeldungen zögerlich. Zunächst wollten die Schüler wissen, ob die Schauspieler selbst schon in einer solchen Situation waren. „Mein Abi liegt fünf Jahre zurück, damals waren Facebook und Whatsapp noch nicht so aktuell. Aber in der achten Klasse trug ich lange Haar und hohe Stiefel, deswegen und wegen meines Interesses fürs Theater gab es Anfeindungen“, erzählte Sachtleben. Und Weirauch sagte, sie sei im Alter von fünf bis zehn Jahren vor allem körperlich, mit Papierkugeln im Haar und Ähnlichem, wegen ihrer Figur gemobbt worden, aber es sei nicht so schlimm gewesen.

Zur Abstimmung aufgefordert, fanden drei Viertel der Schüler, das Theaterstück sei wirklichkeitsnah. Diejenigen, die es für unrealistisch hielten, lagen daneben. Tatsächlich beruht das 2011 entstandene Schauspiel auf wirklichen Ereignissen, die sich so ähnlich abspielten. Und dann fragten die Schaupieler, wer dem Opfer helfen würde. „Es ist immer das gleiche Phänomen. Erst meldet sich einer, die anderen gucken um sich, dann werden es mehr, bei euch vielleicht 25.  Genauso läuft es auch beim Mobbing, erst ist es einer, dann werden es mehr“, meinte Weirauch nach dem Blick ins Publikum. Und wollte wissen, was man an der Gesamtschule dagegen tue.

„Es gibt Vertrauenslehrer“, sagte ein Schüler, worauf ein anderer einwarf: „Wer geht denn schon zum Vertrauenslehrer?“ Deswegen gebe es auch Vertrauensschüler, wurde entgegnet. Und dann erklärte eine Schülerin, wenn  jemand zum Vertrauensschüler gehe, dann kämen sofort Gerüchte auf, derjenige habe ein Drogenproblem oder seine Eltern trennen sich oder Ähnliches. Der ganze Saal applaudierte. Und sich an Lehrer zu wenden, sei schwierig, weil die immer gleich zu den Eltern rennen würden, fügte sie hinzu.

von Manfred Schubert

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr