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Wenn die Leidenschaft zur Sucht wird

Ahnenforschung Wenn die Leidenschaft zur Sucht wird

Stefan Riedesel ist ein Schatzsucher. Aber es sind nicht Gold und Diamanten, hinter denen er her ist. Riedesel ist auf der Suche nach Erinnerungen und nach Familie. Durch Zufall wurde er zum Ahnenforscher.

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Stefan Riedesel erforscht seinen bäuerlichen Familienzweig. Doch auch im Urkundenbuch der adligen Riedesel hat er wertvolle Hinweise auf seine Ahnen bekommen.Foto: Patricia Grähling

Quelle: Patricia Graehling

Leidenhofen. Alte Fotos, zwei dicke Ordner voller Briefe und alter Dokumente und ein Laptop stehen vor Stefan Riedesel. Daneben liegen aufgeschlagen einige sehr alte Bücher. Es ist die Geschichte seiner Familie, die Riedesel hier zusammengetragen hat. Nicht die Geschichte seines Großvaters und seiner Eltern. Sondern die Geschichte seiner Ahnen. „Sicher mit Urkunden belegt kann ich die Geschichte des bäuerlichen Zweigs der Familie Riedesel bis ins Jahr 1618 zurückverfolgen“, sagt Stefan Riedesel. Stütze er sich auf andere Quellen und Indizien, könnte es sogar sein, dass er seine ältesten Vorfahren bis ins Jahr 1200 zurückverfolgen kann.

Das hat der Ahnenforscher nicht innerhalb weniger Stunden herausgefunden. Seit 2002 vertieft er sich in alte Aufzeichnungen, besucht Archive und entziffert schwer leserliche Dokumente, um die Familiengeschichte aufzubereiten. „Das ist wie eine Schatzsuche“, verrät er. „Plötzlich findet man etwas und dann lässt es einen nicht mehr los.“ So wurde die Ahnenforschung für den heute 51-Jährigen erst zur Leidenschaft - und später zur Sucht. „Es gibt kein Ende, denn es lässt sich immer etwas Neues finden.“

Dabei wollte der Leidenhofer Riedesel eigentlich gar kein Schatzsucher werden: „2002 habe ich einen Brief aus den USA bekommen“, berichtet er. Ein Dr. Paul Riedesel aus Minnesota fragte ihn darin nach seinen Vorfahren. „Was interessiert das jemanden aus Amerika?“, habe er sich damals gefragt - und den Brief nicht weiter beachtet. Der Amerikaner sei aber hart­näckig gewesen und habe die Gemeinde kontaktiert, die dann wiederum Stefan Riedesel gebeten habe, sich bei dem amerikanischen Doktor zu melden. Über das Internet habe der Leidenhofer sich dann doch gemeldet und so erfahren, dass es eine Christiane Clays in Brüssel gebe, die mehr über ihre Riedesel-Vorfahren aus Leidenhofen wissen wolle. „Ich wusste gar nicht, dass ein weiterer Zweig unserer Familie existiert haben soll“, erklärt Riedesel. In Leidenhofen und Umgebung sei der Familienname schon eher exotisch, die Familie selbst eher klein. Das sollte aber später noch zum Vorteil werden.

Anfang bei Wikipedia

Doch zunächst einmal bemühte Riedesel Google, fand bei Wikipedia einiges über die Adelsfamilie Riedesel heraus, deren Wappen - ein Eselskopf - auch sehr häufig in Marburg zu finden ist, etwa in der Elisabethkirche und unter den Wappen im Fürstensaal des Landgrafenschlosses. In alten Urkundenbüchern der Adelsfamilie sei schließlich im 15. Jahrhundert plötzlich der Ort Leiden­hofen aufgetaucht, wo die Ried­esels Lehensgüter besessen hatten. „Dennoch war schnell klar, dass das nicht mein Familienzweig gewesen sein kann.“

Der 51-Jährige machte sich also auf die Suche nach einem bäuerlichen Zweig der Familie Riedesel und blätterte mit Hilfe des damaligen Pfarrers Gebhard in den Kirchenbüchern des Pfarramts Ebsdorf. „Bei der Ahnenforschung kommt man nur bis zu einem gewissen Punkt zurück. Dann wird es mit der Schrift plötzlich schwer“, sagt Riedesel. Sütterlin habe er noch lesen können, ältere Schriften hingegen entziffere er mühevoll Buchstabe für Buchstabe. „Pfarrer Gebhard konnte es jedoch lesen und hat mir sehr weitergeholfen.“ Riedesel fand seinen ältesten Leidenhofer Vorfahren, einen Soldaten, in den Büchern.

Dann musste er dorthin, wo unweigerlich die meisten Ahnenforscher der Region irgendwann landen: ins Marburger Staatsarchiv. „Dort muss man aber erstmal eine halbe Ausbildung machen, wie man sich zurechtfindet und wie man mit den Dokumenten umgehen muss“, erklärt der Leidenhofer. „Außerdem muss man die Schrift selbst lesen können“, denn die lese niemand vor. Hier sei ihm nun der exotische Nachname zugute gekommen. Nicht nur, weil es den Namen nicht oft gebe - sondern auch, weil er ihm immer sofort ins Auge springe, auch in unleserlichen Handschriften.

Und tatsächlich: Riedesel entdeckte den Soldaten in den Aufzeichnungen und die richtige Schatzsuche begann erst: Der Soldat stammte aus Winnen-Nordeck. Über die dortigen Familien gebe es wiederum eine gut belegte Arbeit eines Ahnenforschers. So fand Ried­esel schnell heraus, dass sich die Vorfahren des Soldaten bis Girkhausen in Wittgenstein zurückverfolgen ließen. Die nächste Etappe der Schatzsuche.

Seine Erkenntnisse hat der Leidenhofer dann mit den Forschungen des amerikanischen Dr. Riedesel zusammengeführt, der auch aus dem Wittgensteiner Land stammt. Gemeinsam forscht das Duo seither weiter, hat bereits Ergebnisse in Wittgenstein veröffentlicht. So sei der letzte gemeinsame und sicher belegte Vorfahr der beiden Ahnenforscher ein freier Bauer in Wittgenstein gewesen. „Er war also von Abgaben befreit. Das deutet auf einen kleinadligen Ursprung hin“. sagt Riedesel.

Über Frankreich nach Amerika

Seine Informationen teilte Riedesel schließlich auch mit Christiane Clays aus Brüssel, die den Stein überhaupt erst ins Rollen gebracht hatte. „Ihre Mutter war sehr froh, Informationen über die Vorfahren aus Leiden­hofen zu bekommen“, erklärt Ried­esel. Und er selbst habe neue Kontakte zu Verwandten knüpfen können. So herrscht heute rege Brieffreundschaft mit einem Zweig der Familie, der in Luxemburg wohnt. „Da habe ich erst realisiert, dass die Familie Riedesel in Leidenhofen tatsächlich einen Zweig hatte, der weggezogen ist.“

Auch diese Geschichte deckte Riedesel rasch auf: Die verzogenen Familienmitglieder seien Steinhauer und Pflasterer gewesen und 1872 nach Paris gezogen, um dort zu arbeiten. „In den Kriegen hatten sie es dort mit deutschem Namen allerdings schwer“, sagt Riedesel. Dann seien sie nach Amerika ausgewandert.

Und plötzlich standen die Nachkommen der Pflasterer wieder in Leidenhofen: Stanley Riedesel besuchte Deutschland mit seiner Frau Joanne. „Die Amerikaner haben keine eigene Geschichte, deswegen waren sie so sehr begeistert, bei uns über ihre Vorfahren zu einiges zu erfahren“, erklärt der Leidenhofer.

Seither habe er Kontakt zu dem vergessenen Familienzweig, viele Gegenbesuche folgten, Mails und Karten werden ausgetauscht. „Das Schönste an der Ahnenforschung ist eben nicht die Vergangenheit, sondern die Familienmitglieder, die man plötzlich kennenlernt“, sagt Riedesel.

Viele spannende Geschichten erfuhr der Leidenhofer auch: So war es ein Riedesel aus dem bürgerlichen Zweig, der den Weihnachtsbaum nach Amerika brachte. Friedrich Adolf Ried­esel und dessen Frau haben 1781 den ersten Weihnachtsbaum in den USA aufgestellt.

von Patricia Grähling

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