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Weniger Winter, mehr Zeit zum Brüten

Zugvögel Weniger Winter, mehr Zeit zum Brüten

Zugvögel kommen immer früher in die Heimat ­zurück. Vögel aus Skandinavien überwintern ­vermehrt in Deutschland. Der Klimawandel bringt Veränderungen in der Vogelwelt.

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Viele Kraniche überwintern inzwischen in Deutschland. Im Frühling fliegen sie dann wieder zu ihren Brutplätzen nach Skandinavien.

Quelle: Patrick Pleul

Niederwalgern. Ruhig und idyllisch ist es an den Martinsweihern in Niederwalgern. Vogelfreunde sitzen in der Sonne, haben Ferngläser dabei und beobachten die Tiere. Viele machen Rast an den Weihern, tanken Kraft für den weiteren Flug. Einige überfliegen das Gebiet. So oder so: Es gibt dort immer etwas zu sehen.

An diesem Tag Anfang April sind nicht nur Höckerschwäne und Kormorane dort. Storch „Hänsel“ sitzt wieder in seinem Nest, Löffelenten haben sich blicken lassen, eine erste Nachtigall singt. „So früh im Jahr gab es das noch nie hier“, sagt der ­Ornithologe Dr. Martin Kraft über den Gesang des Vogels.

Der bisherige früheste Tag war der 4. April, nun muss die Zahl auf den 2. April korrigiert werden. Und das ist eine allgemeine Tendenz bei allen möglichen Zugvögeln: Sie kommen immer früher wieder zurück in ­ihre Heimat.

Alljährlich gibt es neue Rekordwerte: Die letzten Kraniche sind am 25. Januar weggezogen. „Das ist mittlerweile normal. Sie gehen schubweise bis in den Januar hinein ab.“ An mehr als 130 Plätzen in Deutschland treffen Zugvögel aus Polen und dem Baltikum ein, fliegen dann bei günstigen Winden und guten Wetterbedingungen nach Lothringen und Südwestfrankreich. „Aber dieses Jahr kamen am 26. Januar die ersten Kraniche schon wieder zurück.“ Mitte Februar waren laut Kraft die meisten Kraniche schon wieder in ihrer jeweiligen Heimat angekommen. Auch die Feldlerche sei schon wieder da und habe ihre Reviere besetzt.

Kraft erklärt, während er immer wieder gen Himmel schaut: „Der Fischadler kommt jetzt durch unsere Region.“ Der sei aber selten. Seit zwei Wochen seien viele Schwalben am Himmel zu sehen - und auch Buchfinken, Wiesenpieper und die Bachstelze kommen zurück. Laut Kraft kommen die sogenannten Kurzstreckenzieher, die im Mittelmeerraum überwintern, zu gewohnten Zeiten zurück nach Deutschland und in die nördlichen und östlichen Gefilde. Etwa zwei bis drei Wochen früher als noch vor einigen Jahren fliegen aber mittlerweile die Langstreckenzieher zurück. Die überwintern in Afrika. Kraft sagt mit einem Lachen: „Viele Menschen wundern sich, wie die Vögel in Afrika merken können, dass es bei uns früher schon wieder mild wird.“

Dabei fliegen die Vögel immer zur gleichen Zeit in Afrika wieder los. „Früher haben sie dann noch länger im Mittelmeerraum gewartet, bis sie wieder in die Heimat geflogen sind. Aber sie waren schon in der Nähe.“ Nun merken diese Vögel im Mittelmeerraum, wenn es in Deutschland milder wird - und kommen mit günstigen Winden wieder heim. Der Klimawandel lässt Vögel nicht nur früher in die Heimat fliegen. Er hat auch Einfluss auf das Verbreitungsgebiet, auf die Überwinterung und auf die Brutzeit. Kraft erklärt, dass viele skandinavische Vogelarten nicht mehr bis in den Mittelmeerraum fliegen, sondern in Deutschland überwintern. Da kommt etwa der Fichtenkreuzschnabel zu Besuch oder der Silberreiher aus Ungarn. „Viele Arten bleiben weiter nördlich, als noch vor zehn Jahren. Silberreiher gab es hier früher nicht.“ So sei beispielsweise auch die Nilgans mittlerweile in Deutschland heimisch.

Was wird ohne Schnee aus der Schneeammer?

Um manche Arten sorgen sich die Ornithologen, etwa um die Schneeammer: „Es ist eine nordische, kälteaffine Art und wir wissen nicht, was mit ihr passiert, wenn es in Skandinavien immer milder wird und die Schneeammer nicht mehr weiter nach Norden ausweichen kann.“ Dann bekommt der Vogel ähnliche Probleme wie der Eisbär.

Bislang gebe es keine Anhaltspunkte dafür, dass für hiesige Gefilde neue Vogelarten die alteingesessenen vertreiben. Das „zunehmend offene Kulturland in Deutschland“ hingegen sei ein deutlich erkennbares Problem für die Vogelwelt: „Durch die offene Landschaft und den Einsatz von Pestiziden haben die Vögel immer weniger Brutmöglichkeiten“, sagt Kraft. Dazu zähle auch die „Sauberkeits-Manie in deutschen Gärten“. Alles werde zurückgeschnitten und herausgerissen. Das entziehe nicht nur Brutflächen, sondern auch Nahrung. Der Klimawandel hat laut Kraft auch einen sehr positiven Effekt auf die Vogelwelt: „Sie kommen früher und haben dadurch mehr Zeit zum Brüten.“ Ist das Wetter von Frühling bis Herbst gut, schaffen viele Vogelarten mehrere Bruten. Der Hausrotschwanz etwa brüte mittlerweile bis zu vier Mal im Jahr Junge aus, der Mauersegler schaffe teilweise zwei Bruten. Das wirkt sich erheblich auf die Zahlen aus: „Beim letzten Vogelzug haben wir hier 30000 Mauersegler gezählt - mehr als 80 Prozent davon waren Jungtiere“, sagt Kraft. Der 62-Jährige trägt gemeinsam mit anderen Vogelkundigen Zahlen und Fakten via Chat mit dem Smartphone zusammen. „Mittlerweile haben wir mehr als 400 Arten im Landkreis nachgewiesen“, sagt Kraft. Dazu zählen auch ausgebüxte Vögel aus Volieren.

„Das Fernglas habe ich immer dabei. Auch im Restaurant.“ Da sitzt Kraft dann bei gutem Wetter auf der Sonnenterrasse, immer ein Auge auf den Himmel gerichtet. „Das fing spätestens an, als mein Opa mir mit zweieinhalb Jahren Pfautauben geschenkt hat“, gesteht Kraft lächelnd - und beobachtet schon wieder Kormorane am Martinsweiher.

Mitmachen: Mit den ersten warmen Tagen des Jahres ist wieder einer der bekanntesten Frühlingsboten mit seinem unverwechselbaren Ruf zu hören: der ­Kuckuck. Um mehr darüber zu erfahren, wie sich der Langstreckenzieher dem Klimawandel anpasst, ruft der Nabu Hessen dazu auf, die ersten Kuckuckrufe im Frühling zu melden. Meldungen können direkt auf der Webseite www.kuckuck-hessen.de oder per Mail an Kuckuck@Nabu-Hessen.de abgegeben werden.

von Patricia Grähling

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