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Vom Holzrahmen bis zum E-Bike

200 Jahre Fahrrad Vom Holzrahmen bis zum E-Bike

Von App-gestützter Luftfederung und verschleißarmem Riemenantrieb konnte Karl Drais, als er 1817 mit seinem hölzernen Veloziped unterwegs war, wohl noch nicht einmal träumen.

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Die Illustration zeigt ausgewählte Punkt in der Geschichte des Fahrrads.

Quelle: Quelle: dpa, WIkipedia, Grafik: Nikola Ohlen, Ricarda Schick

Cyriaxweimar. Zweirad-Pionier Karl Drais stieg zur ersten längeren Fahrradtour am 12. Juni 1817 auf eine hölzerne Laufmaschine, die noch nicht einmal Pedale hatte. Heute ist das Fahrrad ein Hightech-Produkt. Das weiß auch der ehemalige Radrennfahrer Georg Kaiser, der in Cyriaxweimar ein Radgeschäft betreibt. Neue Hightech-Modelle stehen in seinem Geschäft Seite an Seite mit alten Schätzen. Vor allem historische Rennräder wecken dabei seine Leidenschaft. Das hat mit seinen persönlichen Erinnerungen zu tun – und der Liebe für den Radsport. Gerne erinnert er sich an frühere Radrennen in Marburg, von denen alte Urkunden und Bilder in seinem Geschäft noch heute zeugen.

Doch darüber hinaus stehen die alten Räder auch exemplarisch für die Entwicklung des Zweirades, sagt Kaiser: „Der Radsport war schon immer die Formel 1 der Fahrräder“. Jede neue Entwicklung habe zuerst dort stattgefunden und sei dann später auf die Modelle für die Massen übertragen worden.

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In 200 Jahren Fahrradgeschichte hat sich allerhand angesammelt. Hier sind fünf Fakten, die aus der Fülle an Details herausragen.

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Bemerkbar gemacht hat sich die Veränderung der Werkstoffe bis hin zum Carbon vor allem beim Gewicht, das gerade im Rennsport enorm wichtig ist. „Mit einem alten Stahlrahmen aus den 1950er Jahren wog so ein Rad noch 13 bis 14 Kilogramm“, so Kaiser. Schon mit dem Übergang zu Aluminium sei das Gewicht dann deutlich gesunken. Heute ist es möglich, Carbon-Räder mit einem Gewicht von unter sechs Kilogramm herzustellen. Der Internationale Radsportverband (UCI) fordert bei Wettbewerben allerdings ein Mindestgewicht von 6,8 Kilogramm.

Weiterentwickelt haben sich in den vergangenen Jahrzehnten auch die Schaltungs-Systeme. Während bei Kaisers neuestem Schatz – einem Rennrad des Aachener Herstellers Stollenwerk, Typ „Grand Prix“ von 1951 – die damals drei Gänge noch mit einem am Rahmen befestigten Hebel betätigt wurden, lässt sich heute bequem mit am Lenkergriff angebrachten Schaltwippen schalten – per kabelloser Funkschaltung.

Für Licht wurde früher Gas abgefackelt

Bis zur Erfindung der Nabenschaltung Ende des 19. Jahrhunderts war ein Gangwechsel überhaupt nicht möglich. Wie sehr sich die Fahrradtechnik im Laufe der Zeit gewandelt hat, zeigen darüber hinaus die folgenden Beispiele:

  • Carbon-Laufrad statt Holzfelge – Die Räder, die Drais an sein Veloziped montiert hatte, waren aus Holz. Während sich spezielle Holzfelgen über längere Zeit nur im Radrennbereich halten konnten, wurden die Laufräder bald aus Stahl, später dann aus leichteren Aluminiumlegierungen gefertigt. Dann kam das ultraleichte Carbon, zunächst im Rennsport.
  • Carbonriemen-Antrieb statt Kette – Der robuste und leicht Kohlenstofffaserverstärkte Kunststoff (CFK), aus dem im Profibereich auch Rahmen gefertigt werden, macht der Fahrradkette Konkurrenz. Der Riemen rostet nicht, braucht keinerlei Pflege und ist nicht ölig. Nur teurer als eine Kette ist er.
  •  Fahrradhänger statt Lenkersitz – Fahrradanhänger für den Nachwuchs gab es auch schon in den 1930er Jahren, wie der einspurige Kinderanhänger „Rally“ belegt, Teil der Sammlung im Deutschen Fahrradmuseum in Bad Brückenau. Auch Kinderhängesitze, die man am Lenker befestigte, gab es schon vor dem Krieg. In den Siebzigern kamen sie in Mode, heute hingegen nicht mehr. Weitaus sicherer ist der Nachwuchs in einem Kindertransporter unterwegs, sagt Ruprecht Müller, Fahrradexperte beim ADAC.
  • Kinderrad statt Schrumpfrad – Wenn man das Kinderrad aus den 1950er-Jahren betrachtet, fällt auf: Es sieht aus wie ein geschrumpftes Herrenrad. Heute sieht das anders aus. Es gibt Räder, die speziell auf Kinder ausgerichtet sind, sogar auf junge Radsportler.
  • LED-Leuchte statt Karbid-Funzel – Noch in den 1920er-Jahren war es üblich, Gas abzufackeln, um Fahrräder zu beleuchten. Es war die Zeit der Karbidlampen, die auch an frühen Autos montiert waren. Im Vergleich zu Hightech-Produkten von heute war die Lichtausbeute sehr spärlich. Mit modernen LED-Scheinwerfern können heute sogar Autofahrer richtig geblendet werden. “Moderne Lichtanlagen mit LED-Leuchtmitteln und angetrieben mit Nabendynamos bieten gutes Licht“, sagt ADAC-Experte Ruprecht Müller.
  • Luftkontrolle statt schlapper Reifen – Der Luftdruck wirkt sich auf den Federungskomfort aus. Das weiß jeder, der schlappe Reifen aufpumpt und dann während der Fahrt Unebenheiten direkt im Handgelenk spürt. So hat der Hersteller Quarq das streichholzschachtelgroße System „Shockwiz“ entwickelt, das 100 Mal in der Sekunde den Luftdruck der Luftfederung misst. Die Daten können mit einer Smartphone-App ausgelesen werden. Sie gibt dann Empfehlungen zur Einstellung. Das Ziel: Die Reifen möglichst am Boden zu halten, um gut lenken, bremsen und beschleunigen zu können.

„Das E-Bike ist ein absoluter Durchbruch“

Immer mehr Menschen nutzen heute das Fahrrad in der Freizeit oder als Alternative zum Auto auf kürzeren Strecken. „Im internationalen Vergleich ist Deutschland sicher ein Fahrradland“, sagt etwa Frederic Rudolph vom Wuppertal-Institut. „Wir haben aber noch viel Luft nach oben.“

Nach einer Prognose im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums könnte sich der Anteil des Fahrrads an der Verkehrsleistung (Personenkilometer) von heute fünf Prozent bis 2030 auf neun Prozent fast verdoppeln. Voraussetzung ist, dass wir ebenso oft auf den Sattel steigen wie die Vorreiter Niederlande oder Schweiz.

Einen Motor dieser Entwicklung sieht Georg Kaiser in den E-Bikes, die einen neuen Boom entfachten. „Auch unsportliche oder alte Menschen können jetzt einfacher mal eine Strecke mit dem Fahrrad zurücklegen“, sagt Kaiser. Die Produktion der Hersteller komme der Nachfrage durch seine Kunden kaum hinterher. „Das E-Bike ist ein großer, absoluter Durchbruch für das Fahrradfahren

von Peter Gassner
und unserer Agentur

 
Rekorde rund ums Fahrrad

Auf zwei Rädern ist schon so manche Bestmarke geknackt worden. Fahrrad-Rekorde von athletisch bis skurril – eine Auswahl:

Reine Muskelkraft: Schnurgerade Strecke und ein windschnittiges Rad in länglicher Ei-Form: Im September 2016 beschleunigt der Kanadier Todd Reichert im US-Bundesstaat Nevada auf 144,17 Kilometer pro Stunde. Er knackt damit seinen eigenen Guinness-Rekord vom Vorjahr.

Windschatten: Der Niederländer Fred Rompelberg rast im Oktober 1995 hinter einem Dragster im US-Bundesstaat Utah auf 268,831 Stundenkilometer – und schafft es so ins Guinness-Buch der Rekorde.

Stundenrekord: Der britische Tour-de-France-Gewinner Bradley Wiggins legt im Juni 2015 im Olympischen Velodrom in London auf seinem Bahnrad in einer Stunde 54,526 Kilometer zurück – ein vom internationalen Radsport-Verband UCI anerkannter Rekord.

Weltumrundung: Mit dem Rad braucht der Neuseeländer Andrew Nicholson 2015 für fast 30 000 Kilometer 123 Tage und 43 Minuten – und ist damit laut Guinness der schnellste auf dieser Strecke.

Hinterrad: Mit 4 569 Kilometern legt Kurt Osburn im Frühsommer 1999 die weiteste Strecke nur auf dem Hinterrad zurück. Im Schnitt fährt der Amerikaner von Kalifornien nach Florida rund 60 Kilometer am Tag.

Das Längste: Das längste Zweirad wird im Januar 2015 in Australien gemessen. Forscher aus Adelaide müssen mit dem 41,42 Meter langen Gefährt 100 Meter zurücklegen - und schaffen es.

Der Eintonner: Auf dem wohl schwersten Fahrrad strampelt im September 2016 der Schleswig-Holsteiner Frank Dose. 1 080 Kilogramm zeigt die Waage - der Rekord muss aber noch vom Guinness-Buch anerkannt werden.

Der Größte: Der größte Drahtesel wird im Oktober 2012 auf der Insel Usedom gemessen. Das Rad von Didi Senft ist 7,80 Meter lang und hat einen Raddurchmesser von 3,30 Metern.

Wertvoll: Das teuerste Rad in einer Auktion ist laut Guinness ein vom britischen Künstler Damien Hirst mit echten Schmetterlingsflügeln verziertes Rad des US-Fahrers Lance Armstrong. Im November 2009 geht es bei Sotheby‘s für 318.000 Pfund (354 000 Euro) unter den Hammer.

Luxusrad: Noch teurer ist das goldüberzogene und diamantverzierte Mountainbike des Herstellers „The House of Solid Gold“. Ein Exemplar gibt es für eine gepfefferte halbe Million US-Dollar (etwa 450 000 Euro).

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