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Nur ohne Sichel, Sense und Mistgabel

Hessentag Nur ohne Sichel, Sense und Mistgabel

„Es ist ein Unding.“ Reinhold Deutsch von den Landtechnikfreunden Niederwalgern ist sauer. Seine Gruppe musste beim Hessentagsfestzug historische Werkzeuge abgeben. Die Polizei ordnete sie als potenzielle Waffen ein.

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So sehen „waffenähnliche Gegenstände“ aus Niederwalgern aus. Die Hessentagsgruppe der Landtechnikfreunde mit (von links) Gisela Keller, Hans-Heinrich Heuser, Elke Meier, Konrad Meier und Reinhold Deutsch durfte ihre historischen Erntegeräte aus Sicherheitsgründen nicht beim Festzug mitführen.Foto: Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Niederwalgern. „Die Ansage war klar: Mit unseren Sicheln, Sensen und Mistgabeln hätten wir nicht mitmachen dürfen“, berichtet Reinhold Deutsch der OP von den Ereignissen am Sonntag in Rüsselsheim. Dort bekam die rund 15-köpfige Gruppe aus Niederwalgern die Auskunft, dass von ihren historischen landwirtschaftlichen Geräten eine potenzielle Gefahr ausgehe, da es sich um „waffenähnliche Gegenstände“ handele.

Die Niederwalgerner wollten ihren Ohren nicht trauen. „Das war ja schon nach der Kontrolle zur Aufstellung für den Zug. Alles war erledigt, da kamen Polizei und Technisches Hilfswerk noch mal bei uns vorbei“, erzählt Deutsch und kann die Vorgehensweise nicht nachvollziehen. „Klar, schon in der Ausschreibung hieß es, dass Waffen und Gegenstände, die augenscheinlich eine Waffe darstellen, nicht zulässig sind - aber wo sind da bitte die Grenzen?“, fragt er und betont, dass die Gruppe beispielsweise ihre­ Hacken behalten durfte, „dabei könnte man damit natürlich auch jemanden verletzen“.

Christian Vogt, Hessentagsbeauftragter der Stadt Rüsselsheim, kann die Verwunderung der Niederwalgerner nicht nachvollziehen. Die Festzugsordnung sei zwischen Stadt und Staatskanzlei abgestimmt gewesen, „wir haben darüber seit März auch informiert und es gab die Möglichkeit, Einzelheiten jederzeit noch bei uns nachzufragen“. Manche Gruppen hätten aufgrund der erstmaligen Auflage „keine Waffen im Festzug“ im Vorfeld umdisponiert. „Ein Herold hat beispielsweise auf seine Hellebarde verzichtet und stattdessen einen Stock genommen“, berichtet Vogt über den Ersatz für eine mittelalterliche Hieb- und Stoßwaffe, die an eine Axt erinnert. „Klar, es ist eine Beeinträchtigung für das, was man darstellen will - aber diese Entscheidung war der allgemeinen ­Sicherheitslage geschuldet und wurde konsequent umgesetzt.“ So durften auch erstmals keine Autos im Festzug mitfahren, „einzige Ausnahme war der Wagen des Hessentags-Paars“, sagt Vogt. Komplikationen rund um die strengeren Sicherheitsvorgaben habe es am Sonntag keine gegeben, fast alle Teilnehmer seien darauf eingestellt gewesen. Nicht so die Landtechnikfreunde. „Wir haben dann auch diskutiert, aber ein Polizist hat gesagt, man wisse schließlich nicht, wer zu einer Terrorgruppe gehöre“, erzählt Deutsch kopfschüttelnd und meint: „Wenn es so ist, dann kann man die ganze Veranstaltung auch gleich ­absagen.“

Beim nächsten Mal: Nachttopf statt Forke

Das Verbot kurz vor Beginn des Festzugs, die Landtechnikfreunde hatten schon Aufstellung ­genommen, brachte die Gruppe in die Bredouille: Wohin mit dem Werkzeug? Eine Anwohnerin, die das Gespräch zwischen Landtechnikfreunden und Polizei vom Fenster aus mitverfolgt hatte, kam zu Hilfe. Sie verstaute Sicheln, Sensen und Mistgabeln in ihrem Haus. Die Niederwalgerner waren dankbar. „Doch umständlich war es trotzdem für uns, wir mussten dann nach dem Festzug zurück und unsere Sachen wieder abholen“, erzählt Deutsch.

Nach dem Sichel-und-Sensen-Verbot hatten die Landtechnikfreunde kurz darüber diskutiert, ob das Maß nun eventuell voll sei und ob man gleich nach Hause fahren solle. „Morgens hatten wir uns schon so ­geärgert - uns waren kostenlose Parkplätze zugesichert worden, aber dann mussten wir doch für Tickets zahlen“, berichtet Deutsch.

Den Spaß wollten die „Wälger“ sich dann aber doch nicht entgehen lassen. „Schließlich hatten wir unseren Erntewagen­ vorbereitet, den historischen Traktor geputzt, unsere Trachten angezogen...“, zählt Deutsch auf. Der Festzug selbst habe dann auch viel Spaß gemacht, „aber über diese Willkür ärgern wir uns immer noch“, sagt Deutsch und findet, dass man, wenn man so streng sein wolle, konsequenterweise auch Personenkontrollen vornehmen müsste. Hätte sich Niederwalgern nach dem Dilemma mit den „gefährlichen“ Gerätschaften auch noch vom Umzug verabschiedet, dann wäre es um die Präsenz des heimischen Landkreises in Rüsselsheim noch schlechter bestellt gewesen als ohnehin schon. Fünf Gruppen waren angemeldet, zwei sprangen wieder ab.

Neben der Gruppe aus Niederwalgern wirkten noch die Landfrauen aus Schwabendorf und die Tanzgarde der Afföllergemeinde Marburg in Rüsselsheim mit. Das Rapunzel-Teehäuschen aus Amönau und eine Fußgruppe des Marburger Schlossbusses fielen krankheitsbedingt als Motive aus. „Ja, so ist das manchmal, wenn man alles ehrenamtlich stemmt“, sagt Martin Klehm, stellvertretender Vorsitzender des Vereins für Nahverkehrsgeschichte Marburg, der die Schlossbus-Fahrten organisiert. „Wenn zehn Leute mit wollen und sechs davon werden krank, dann macht es auch keinen Sinn mehr. Den Amönauern ging es ja genauso.“ Klehm stellt aber in Aussicht, dass der Schlossbus im kommenden Jahr in Korbach im Festzug mitfahren wird - sofern Autos und Busse dann wieder erlaubt sein sollten.

Und auch die Landtechnikfreunde haben bereits entschieden, dass sie sich trotz allen Ärgers im kommenden Jahr wieder beim großen Fest der Hessen präsentieren wollen. Dann mit ganz und gar ungefährlicher Ausstattung. „Wir haben an einen Hochzeitswagen mit kompletter Aussteuer gedacht - so etwas wurde auf dem Dorf früher für die Frischverheirateten gemacht“, erzählt Deutsch und hofft, dass es bei Garnituren von Handtüchern, Bettwäsche und Nachttöpfen in punkto Gefahrenabwehr nichts wird zu beanstanden geben wird.

von Carina Becker-Werner

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