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Junge Mutter kämpft für ihr Recht

Kim Arnold erstreitet sich Handprothese Junge Mutter kämpft für ihr Recht

Die 28-jährige Kim Arnold hat aufgrund eines Gendefekts ein besonders ­hohes Thrombose-Risiko. Blutgerinnsel im Arm ließen im Juli 2015 ihre linke Hand absterben. Ärzte mussten sie amputieren.

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Kim Arnold aus Weiershausen mit ihrer myoelektrischen Handprothese.

Quelle: Philipp Lauer

Weiershausen. Vorsichtig dreht Kim Arnold den Deckel einer Flasche Wasser auf, es zischt. Was wie eine alltägliche Übung klingt, kann die 28-Jährige aus Weiershausen erst seit Dezember des vergangenen Jahres wieder tun – dank einer sogenannten myoelektrischen Handprothese.

„Es ist kein Ersatz für eine Hand, aber weil man im Alltag öfters mal zwei Hände braucht, ist die Prothese schon sehr hilfreich“, sagt Arnold. Die Prothese reagiert auf Muskelbewegungen im Unterarm und hat verschiedene Griffmuster programmiert.

Mal greift die ganze Hand zu, mal nur Zeigefinger und Daumen: „Über bestimmte Bewegungen oder mit einer App kann ich das umschalten.“
Die 28-Jährige ist aufgrund ­eines erblichen Gendefekts besonders anfällig für Thrombosen und nimmt Blutverdünner ein. Während der Schwangerschaft mit Tochter Lara musste sie auf ein anderes Mittel umsteigen.

Als die Familie kurz nach der Geburt im Juni 2015 das Krankenhaus verlassen hatte, wurden die Fingerkuppen der linken Hand der jungen Mutter blau. „Die Ärzte in der Uniklinik diagnostizierten Blutgerinnsel und versuchten sie mit Blutverdünnung und zwei Operationen zu entfernen“, erzählt Arnold. Als die Finger abstarben, amputierten die Ärzte einen Teil der Hand, in der Hoffnung zwei Finger erhalten zu können. „Eine Woche später entschieden wir, die Hand voll zu amputieren.“

Arnold: „Man wächst da rein und findet seine Wege“

Arnold musste auf der Intensivstation mit starken Schmerzmitteln behandelt werden, ihr Kind durfte sie nicht sehen. „Da war meine Psyche natürlich komplett am Boden, gerade in der ersten Zeit will man doch für sein Kind da sein“, beschreibt die 28-Jährige ihre Gefühlslage nach der Operation. Ihr Mann Holger, ihre Mutter und die Schwiegereltern wechselten sich in dieser Zeit mit der Betreuung der Tochter und dem Besuch im Krankenhaus ab.

Sie fürchtete, Lara nicht versorgen zu können und suchte­ im September die Uniklinik in Heidelberg auf, um sich über Prothesen zu informieren. „Die Experten rieten mir zu einer myoelektrischen Handprothese und bereiteten den Stumpf darauf vor“, sagt Arnold. Bis sie die Prothese in Heidelberg abholen konnte, dauerte es allerdings noch mehr als ein Jahr.

Die Barmer Krankenkasse lehnte den Antrag zunächst mit der Begründung ab, es sei noch zu früh für diese Art Prothese. „Ein Heidelberger Arzt bestätigte in einem Gutachten, dass diese Prothese geeignet ist. Mit meinem Anwalt legte ich Widerspruch ein“, sagt Arnold. Zusätzlich wandte sich die Weiershäuserin an die Journalisten der HR-Sendung „Defacto“.

Diese nahmen Kontakt mit der Krankenkasse auf. Im September 2016 stimmte die Kasse der sogenannten Testversorgung mit einer Leihprothese zu. In Videos zeigten die Heidelberger Ärzte­ die Erfolge im Umgang mit der Prothese. Im Dezember genehmigte die Barmer dann eine Prothese, noch im gleichen ­Monat war sie angefertigt.

Das Gehirn stellt sich langsam um

In der Zwischenzeit hatte sich die Linkshänderin an das Leben mit einer Hand gewöhnt. „Man wächst da rein und findet seine Wege, wie man die Windeln wechselt und so weiter“, sagt Arnold. Früher sei ihre rechte Hand schwach gewesen, mittlerweile kann sie sogar mit ihr schreiben. „Das Gehirn stellt sich langsam um. Im linken Arm habe ich aber immer noch mehr Kraft, meine Tochter trage ich zum Beispiel mit links.“

Sie glaubt, es wäre für sie und auch für ihre nun fast zwei Jahre alte Tochter einfacher gewesen, sich an die Prothese zu gewöhnen, wenn diese früher genehmigt worden wäre. „Meine Tochter kennt mich jetzt nur ohne Hand und hat Angst vor der Prothese. Aber ich bin zuversichtlich, dass sie sich mit der Zeit auch daran gewöhnen kann.“

Die erst nach Widerspruch ­erfolgte Übernahme der Kosten­ in Höhe von insgesamt rund 55  000 Euro ist nicht die einzige Härte, die Arnold ertragen musste. „Eine Mutter-Kind-Kur und eine Reha um den Umgang mit der Prothese zu lernen, hat die Rentenkasse auch nach meinem Widerspruch abgelehnt.“ Immerhin gestand man ihr nach eingelegtem Widerspruch einen Schwerbehindertenausweis und eine Haushaltshilfe zu.

Fast zwei Jahre nach der Amputation sagt Kim Arnold, es geht ihr gut. Auch ihr altes Hobby kann sie weiter betreiben, den Dartsport. Nach zwölf Jahren wirft die Linkshänderin jetzt eben mit der rechten Hand. „Und der Pfeil landet nicht in der Gardine, sondern auf dem Brett. Meine Mannschaft gibt mir eine Chance, ich habe sogar schon Spiele gewonnen.“

Ihrem Beruf als Fachkraft für Lagerlogistik kann Arnold gerade nicht nachgehen, ihr Vertrag lief während der Elternzeit aus. „Staplerfahren kann ich nicht mehr, aber einen Bürojob in Teilzeit in diesem Bereich könnte ich mir gut vorstellen.“

Mehr zu Kim Arnold sehen Sie heute Abend ab 21.45 Uhr in der Sendung „Defacto Spezial – Jetzt reicht‘s“ im Hessischen Rundfunk. Einen Link zur Sendung haben wir auf 
www.op-marburg.de für Sie hinterlegt.

von Philipp Lauer

Faktor-V-Leiden-Mutation
Personen, in deren Familien gehäuft Thrombosen auftreten, sollten sich auf genetische Defekte untersuchen lassen. Das empfiehlt der Jenaer Medizinprofessor Günter Vogel.
Bei Menschen mit Mutationen im sogenannten Faktor-V-Gen oder im Faktor-II-Gen sei das Thromboserisiko vier bis fünf Mal höher als bei Menschen ohne diese Gendefekte.­ Treten beide Defekte gleichzeitig auf, müssen Betroffene sogar mit einen 20-fach höherem Risiko leben. Sei der Gendefekt bekannt, könnten in bestimmten Situationen wie etwa Flugreisen Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden, so der Mediziner. Der Gentest könne an Universitäten oder in privaten Laboren gemacht werden. (dpa)
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