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„Glückshunde“ machen Menschen stark

Tiergestützte Förderung „Glückshunde“ machen Menschen stark

Ob im Kindergarten oder im Pflegeheim: Wenn Sandra Schneider und Andrea Grün zu Besuch kommen, dann mit tierischer Unterstützung. Und mit spezieller Ausrüstung.

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Andrea Grün (von links) mit Pudel „Pepe“ und Sandra Schneider mit Border-Collie „Luma“ im Kirchgarten in Niederwalgern. Mit dabei die Plüschhunde „Bella“ und „Bello“ (ganz links, teils verdeckt), die beim Training mit Kindern zum Einsatz kommen.

Quelle: Nadine Weigel

Niederwalgern. „Luma“ spielt Memorie. Die Border-Collie-Hündin von Sandra Schneider holt geduldig kleine feste Stoff-Säckchen herbei. Daran hängen laminierte Karten, denen ein bisschen Sabber und spitze Collie-Zähne nichts anhaben können. Auf verschiedenen Schildchen sind Detailaufnahmen von Körperteilen zu sehen. „Lumas“ Ohr, ihre Nase, die Zähne.

Das Memorie ist eines von mehreren extra angefertigten Spielen in der Ausrüstung der 47-jährigen Sandra Schneider und der 48-jährigen Andrea Grün, die mit ihren Hunden tiergestützte Förderung anbieten. Qualifiziert haben sie sich dafür in Kursen, in einem Kindergarten-Projekt und in der Betreuung von Kranken setzten sie das Erlernte um.

 
Sandra Schneider zeigt das „Luma“-Memorie. Foto: Nadine Weigel

Wenn die beiden Frauen mit ihren Hunden im Pflegeheim Minneburg in Wetzlar zu Gast sind, dann spielt „Luma“ mit einem Patienten das Hunde-Memorie. Neben den Bildern gehören noch Wortkarten mit dazu. Ohr, Nase, Zähne. „Der Patient war früher Englisch-Professor, er erlitt einen Hirnschaden – wir knüpfen an seine alten Fähigkeiten an, er übersetzt die Wortkarten, die Luma ihm bringt, ins Englische.“

Egal, ob in der Arbeit mit Kindern, Kranken oder Behinderten – Schneider und Grün machen immer wieder die Erfahrung, dass Menschen aufblühen, wenn sie mit Hunden in Berührung kommen. „Auf einen Patienten, den wir besuchen, wirkt das so entspannend, dass seine Spastik gelindert wird“, erzählt Schneider. Andrea Grün denkt an einen anderen Patienten, der im Koma liegt. Beim Besuch im Pflegeheim ist es „Pepes“ Aufgabe, sich zum Patienten aufs Bett zu legen. „Von dem Kontakt und der Wärme profitiert der Patient“, weiß Andrea Grün, für die „Pepe“ auch so etwas wie ihr persönlicher Therapiehund ist.

„Pepe ist mein Glückshund, er hat mir sehr geholfen“

Vor drei Jahren nahm sie den inzwischen neunjährigen Rüden zu sich, weil er beim Vorbesitzer mit dem Leben im Rudel nicht gut klargekommen sei. „Damals habe ich unter einer psychischen Erkrankung gelitten und wollte an positive Kindheitserlebnisse mit einem Hund anknüpfen“, erzählt Grün. „Pepe ist mein Glückshund, er hat mir sehr geholfen, wieder gesund zu werden.“

Therapeuten auf vier Pfoten, die in der Lage sind, Ängste zu nehmen und das Selbstbewusstsein zu stärken – gerade bei Kindern spüren Grün und Schneider deutlich, dass die tiergestützte Förderung wirkt. „Manche Kinder wachsen wirklich über sich hinaus“, sagt Schneider und schildert, dass Jungen und Mädchen ihre Angst im Kontakt mit den Hunden verlieren, wie sie ruhiger werden und lernen, Verantwortung zu übernehmen. „Wenn wir im Kindergarten sind, dann brauchen unsere Hunde zwischendurch auch Auszeiten – es ist nicht nur für Menschen anstrengend, Kontakt zu anderen zu haben“, erklärt Schneider. Die Kinder lernen, die Hunde zu ihren Ruhedecken zu begleiten, ihnen Wasser hinzustellen, den Tieren die Auszeit zu gönnen.

Übungen mit den Stoffhunden „Bella“ und Bello“

Zwei Assistenten aus Plüsch springen immer dann ein, wenn es für die echten Hunde zu strapaziös werden würde, beispielsweise beim ersten Zusammentreffen von Kindern und Hunden. „Wir vermitteln die Grundregeln – und da bleiben Luma und Pepe erst mal außen vor“, sagt Schneider. Stattdessen ­geben die beiden Trainerinnen anhand der Stoffhunde „Bella“ und Bello“ einen Eindruck davon, wie Kontakt mit Hunden aussehen kann. „Wir tätscheln den Kindern zur Demonstration dann auch mal die Köpfe, da merken sie schnell, dass das gar nicht so angenehm ist, und dass man lieber sanft über den ­Rücken streicheln sollte.“

Ein wichtiges Ziel der Übungseinheiten im Kindergarten ist es, Angst zu nehmen – zum Beispiel auch vor Hunden, die im Feld manchmal unangeleint umherrennen und auch schon mal auf Kinder zustürmen können. „Weglaufen ist da die falsche Strategie, das weckt das Interesse des Hundes – und der Hund ist auch immer der Schnellere“, sagt Andrea Grün und macht „den Baum“ vor: aufrecht und ruhig stehen, die Arme vor der Brust verschränken, abwarten. Ein weiterer Tipp der beiden Frauen: fremde Hunde nie einfach so streicheln, sondern immer auf die Zeichen achten – dazu gibt‘s dann eine Einführung in die Körpersprache der Tiere. Das wohl deutlichste Signal, gefletschte Zähne, heißt natürlich: „Finger weg!“

Selbst im Härtetest bewähren sich die Kinder und haben dann schon mal die erste Hürde zum potenziellen künftigen Hundebesitzer genommen: Häufchen einsammeln, Tüte sorgfältig verknoten, im Mülleimer entsorgen. „Das muss sein, das gehört dazu“, sagt Sandra Schneider. Das Training erfolgt mit einem Produkt aus dem Scherzartikelladen. Sandra Schneider drückt auf den Spender und hält die Dose senkrecht auf den Rasen, zäher brauner Schaum kommt heraus. Riecht fies – und sieht Hundekot tatsächlich ziemlich ähnlich. „Bei unserem letzten Training haben alle acht Kinder die Haufen anstandslos beseitigt“, berichtet Schneider. Nach einer praktischen und theoretischen Prüfung erhalten die Kinder ihr „Hunde-Diplom“ in Form einer Urkunde.

Die tiergestützte Förderung gibt den beiden Frauen selbst sehr viel. „Es ist ein großes Glück und schafft Zufriedenheit, anderen etwas zu schenken und mitzuerleben, wie die Hunde den Kontakt selbst zu schüchternen und kranken Menschen ganz leicht machen“, sagt Schneider.

von Carina Becker-Werner

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