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Feier dient zur Erinnerung und Mahnung

Landsynagoge Roth Feier dient zur Erinnerung und Mahnung

Am 8. November 1938 wurde die Synagoge in Roth zerstört, später die letzten jüdischen Mitbürger aus der Region deportiert – daran erinnerten die Besucher der Gedenkfeier zur Pogromnacht.

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In der ehemaligen Landsynagoge Roth erinnerte der Arbeitskreis an die ermordeten Juden der Region.

Quelle: Ina Tannert

Roth. Der Zerstörung der Landsynagoge durch die Nationalsozialisten folgte einige Jahre später die Verschleppung der letzten Juden aus der Region und deren Ermordung in Konzentrationslagern, erinnerte Dr. Annegret Wenz-Haubfleisch, Vereinsvorsitzende vom Arbeitskreis Landsynagoge Roth.

Bereits am Tag vor der landesweiten Pogromnacht, zwischen dem 9. und 10. November 1938, fiel die Synagoge in Roth dem nationalsozialistischen Gedankengut und der Zerstörung durch SA-Angehörige zum Opfer. In den folgenden vier Jahren wurden die jüdischen Bewohner systematisch vertrieben und verschleppt.

Angehörige sahen sich nicht mehr wieder

Stellvertretend für alle ermordeten Juden aus Roth, Fronhausen und Lohra wurde die Gedenkfeier der letzten jüdischen Familie aus Roth gewidmet, der Familie Stern. Bertha Stern und deren beiden Söhne Louis und Hugo wurden im September 1942 nach Theresienstadt deportiert und später in Auschwitz ermordet. Der Tochter Toni Roth und ihrem Ehemann Markus gelang zuvor die Flucht zu Verwandten nach Chicago

Ein reger Briefwechsel, der vom Arbeitskreis aufgearbeitet werden konnte, dokumentiert die Bemühungen der weit verzweigten Familie, Mutter und Brüder ebenfalls in die USA zu holen. Die Sterns arbeiteten demnach an der Organisation der Ausreise der verbliebenen Verwandten, an notwendigen Einreisedokumenten und der finanziellen Absicherung der Emigration

Mehrfach wurden die notwendigen Bürgschaften abgelehnt, das Einreisegesetz verändert, die Ausreise verzögert. Mutter und Söhne­ standen auf der Warteliste. „Ich will hoffen, dass wir nächstes Jahr zusammen sein können“, schrieb Bertha Stern in einem Brief Ende August 1941. „Der sehnlichste Wunsch sollte nicht in Erfüllung gehen“, erinnerte Wenz-Haubfleisch. Wenige ­Wochen später erließ die deutsche ­Regierung ein allgemeines Auswanderungsverbot. Die Angehörigen sahen einander nicht mehr wieder.

Zur Erinnerung an die Familie und alle Ermordeten und Vertriebenen der Region, entzündeten Schüler der Gesamtschule Niederwalgern Kerzen und verlasen die Namen der Toten. Amnon Orbach, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Marburg, sang zum Gedenken das Heilungsgebet Kaddisch und das El male rahamim.

Ein Ort, der sehr bewegt

Die Feier war Erinnerung und Mahnung an die Zukunft zugleich. Landrätin Kirsten Fründt erinnerte an die aktuelle Berichterstattung über einen Fall von Zivilcourage – eine Schülerin hatte Mitschüler wegen antisemitischen Äußerungen angezeigt. Dergleichen diskriminierende Anfeindungen dürften dabei kein Einzelfall sein, gerade in heutiger Zeit sei „die Hemmschwelle sehr nach unten gesunken“, mahnte Fründt. Sie hob lobend die langjährigen Bemühungen des Arbeitskreises hervor, der mit der Landsynagoge einen Platz geschaffen habe, der die Geschichte hautnah erzählt, „ein Ort, der sehr bewegt, etwas ausstrahlt und der Spuren zeigt“.

von Ina Tannert

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