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Erinnerung an Deportation vor 75 Jahren

Gedenkfeier in Niederwalgern Erinnerung an Deportation vor 75 Jahren

„Gegen das Vergessen, für Respekt und Wertschätzung aller Menschen“ trat der Arbeitskreis Landsynagoge Roth am Mittwoch mit einer Gedenkfeier am Bahnhof ein.

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Dr. Annegret Wenz-Haubfleisch, Erste Vorsitzende des Arbeitskreises Landsynagoge Roth (von links) gestaltete die Gedenkfeier am Bahnhof von Niederwalgern gemeinsam mit Landrätin Kirsten Fründt, dem Kreistagsvorsitzenden Detlef Ruffert, Thorsten Schmermund von der Jüdischen Gemeinde Marburg, Bürgermeister Peter Eidam und Pfarrer Jobst Duwe von der Evangelischen Kirchengemeinde Roth.

Quelle: Freya Altmüller

Niederwalgern. „Ihre Reise war eine Fahrt in den Tod“, erzählte Dr. Annegret Wenz-Haubfleisch. Die Vorsitzende des Arbeitskreises Landsynagoge Roth  erinnerte bei einer Gedenkfeier an zehn Menschen aus Roth und Neustadt, die vor genau 75 Jahren in den Zug nach Kassel gestiegen sind. Von dort aus seien sie weiter nach Theresienstadt gebracht worden, schließlich nach Auschwitz. Es sei wichtig, heute ein Zeichen für Respekt und Wertschätzung aller zu setzen.

2015 seien am gleichen Bahnhof Flüchtlinge angekommen, erklärt Landrätin Kirsten Fründt. Von Ehrenamtlichen seien sie willkommen geheißen worden. „Auch diese Hilfsbereitschaft gehört zur Geschichte des Bahnhofs Niederwalgern“, so Fründt. Es sei wichtig, bei Äußerungen wie jener, dass jemand wegen türkischer Wurzeln kein Mitglied der Bundesregierung sein solle, Rückgrat zu zeigen und ein positives Zeichen zu setzen.

Arbeitskreis erzählt vom Schicksal der Familie Stern

Bürgermeister Peter Eidam sagte: „Wir gedenken unseren Mitbürgerinnen und Mitbürgern, stellvertretend für alle, die verfolgt und ermordet wurden.“ Er zitierte Albert Schweitzer, der die Wurzeln der „Nichtmenschlichkeit“ in Gewohnheit und in Gedankenlosigkeit sah. Die Verantwortung für eine friedvolle Zukunft liege in den Händen aller.

„Wenn wir nicht den Mut hätten, Vergangenes aufzuzeigen, würden wir die Menschen heute noch einmal verraten“, sagte Kreistagsvorsitzender Detlef Ruffert. Man wolle an diesem Tag mit ihnen sein.

Eine der Familien, die am 6. September 1942 nach Theresienstadt fuhren, waren die Sterns aus Roth. „Sie sorgten schon vor Ausbruch des Krieges dafür, dass die junge Generation in Sicherheit war“, erzählte Wenz-Haubfleisch. „Das Haus musste verkauft werden, um deren Reise in die USA zu finanzieren.“ In Chicago angekommen, hätten sie sich um Bürgschaften gekümmert, um die ältere Generation zu retten. Aus ihrer „verzweifelten und intensiven Korrespondenz“ gehe hervor, dass es ihnen drei Jahre später gelang, Einwanderungspapiere zu bekommen. Das war im April 1941. Sie organisierten Schiffsplätze für die in der Heimat verbliebene Familie, doch im Oktober erließ die deutsche Regierung ein Auswanderungsverbot. Elf Monate später mussten die Sterns in Niederwalgern in den Zug steigen. Die Neustädter Juden, Familie Lilienfeld und Familie Weiler II, hätten ähnliche Versuche unternommen, ihr Leben zu retten, so Wenz-Haubfleisch.

Bürger sprechen ein Gedenkgebet für die Verstorbenen

Jeder ihrer Namen wurde zum Gedenken an sie verlesen und eine Blume für sie niedergelegt. Thorsten Schmermund von der Jüdischen Gemeinde Marburg verlas das „El male rachamim“ als Gedenkgebet an Verstorbene und das „Kaddisch“, eine Lobpreisung Gottes.

Pfarrer Jobst Duwe von der Evangelischen Kirchengemeinde Roth sagte: „Es ist gut, wenn wir alle gemeinsam unsere Zukunft in die Hände Gottes geben, damit solche Dinge nicht mehr geschehen und vielleicht auch geheilt werden können.“

von Freya Altmüller

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