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Ein Verlies im Haus gemauert

Versuchte Kindesentführung Ein Verlies im Haus gemauert

Er baute ein Verlies, las Bücher über Entführungen und sexuellen Missbrauch und äußerte gegenüber Schulfreunden: „Alles unter 14 ist in Ordnung“. In Niederweimar will der Angeklagte 2012 aber nicht gewesen sein.

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Der Prozess gegen den 34-Jährigen geht in die entscheidende Phase.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Am Montag ging der Prozess um die versuchte Kindesentführung in Niederweimar in den dritten Verhandlungstag. Diesmal kamen vor dem Marburger Landgericht die Ermittler als Zeugen zu Wort, die den Angeklagten damals in der Berufsschule festnahmen und später sein Haus und seine Wohnung durchsuchten. Zudem erklärte­ ein Gutachter aus München, welche Erkenntnisse er aus der Auswertung der elektronischen Geräte des Angeklagten gewinnen konnte.

Es muss wie in einem Psychothriller aus Hollywood gewesen sein, als die Beamten in das Fachwerkhaus des Angeklagten­ im westfälischen Bad Sassendorf gekommen sind. Da sei ­alles voller Müll gewesen, sagte­ die 45-jährige Kriminaloberkommissarin, die den Angeklagten im Frühjahr festnahm. Schon von außen seien ihr die zugemauerten Fenster aufgefallen. Drinnen erwarteten die ­Ermittler dann Maden auf verwesendem Hackfleisch, unangenehmer Geruch und eine Art Verlies, das in einem Raum gemauert worden war.

Bilder von
 Mädchen in Bikinis

„Erschreckend“ habe sie damals den Anblick empfunden, so die Polizistin. Der Raum im Raum sei etwa 1,5 Meter hoch und habe eine Luke auf der Oberseite – die einzige Möglichkeit, hinein zu gelangen. Der Boden sei etwas abgesenkt worden, sodass in dem Verlies ­etwas mehr Platz entstand. Sie habe gleich gedacht, „dass das gebaut worden ist, um jemanden einzusperren“, sagte die Ermittlerin. In dem Fachwerkhaus fanden die Polizisten zudem in einem Rucksack ein Fläschchen mit K.-o.-Tropfen.

Die Wohnung des Angeklagten in Hamm wurde nach seiner Verhaftung ebenfalls durchsucht. Hier fanden die Beamten einen Computer, Katalogschnipsel von Mädchen in Bikinis sowie verschiedene ­Bücher über Entführungen und sexu­ellen Missbrauch. Auch ein Exemplar des Buches von ­
Natascha Kampusch war darunter. Die Österreicherin war vor fast 20 Jahren als Zehnjährige von einem Mann entführt und mehr als acht Jahre gefangen gehalten worden.

Neben einem Computer hatten die Beamten damals auch das Handy und das Navigationsgerät des Angeklagten als Beweismittel beschlagnahmt. Ein Diplom-Ingenieur aus München erläuterte am Montagnachmittag seine Analysen dieser Beweismittel. Demnach gab es auf den Geräten keine Hinweise zu Zielen, die der Angeklagte angefahren sein könnte. Weil auch das Opfer den Angeklagten nicht als Täter identifizieren konnte, bleiben die stärksten Indizien für die Täterschaft in Niederweimar die Fingerabdrücke und die DNA-Spuren auf dem Klebeband, mit dem das Mädchen damals geknebelt wurde. Der Angeklagte­ selbst behauptete nach seiner Festnahme, dass er niemals in dem mittelhessischen Ort gewesen sei.

Auffällige Suchen und Aufrufe im Internet

Das Gutachten des Münchner Ingenieurs gab zwar keinen Aufschluss darüber, wo sich der 34-jährige Angeklagte­ zum Tatzeitpunkt befand. Allerdings zeigte es „auffällige Suchen und Aufrufe“ im Internet. So habe der Angeklagte zum Beispiel nach Nacktbildern von Kindern gesucht. Bei den bei ihm gefundenen Fotos handele­ es sich aber nicht um Pornografie, hieß es in der Verhandlung. Der 34-Jährige habe auch nach Verjährungsfristen gesucht und sich zudem in Internet-Foren zum Thema „Missbrauch“ getummelt. Auf der Videoplattform „Youtube“ habe er nach Begriffen wie „Kinderpo“ gesucht und den Wikipedia-Eintrag zum Thema „Pädophilie“ aufgerufen.

Ein ehemaliger Klassenkamerad sprach im Zeugenstand über einen Vorfall auf dem Schulhof der Berufsschule. Als sie gemeinsam mit einigen Mitschülern zwei Frauen vorbeigehen sahen, habe der Angeklagte gesagt, dass ihm diese Frauen zu alt seien. „Alles unter 14 ist in Ordnung“, habe er damals gesagt. Gelacht über diesen „Witz“ habe niemand in der Runde, so der Zeuge.

von Dominic Heitz

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