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Bäckerei-Kette weckt Begehrlichkeiten

Backparadies Jungclas Bäckerei-Kette weckt Begehrlichkeiten

Im Insolvenzverfahren rund um die Bäckerei Jungclas aus Treysa fühlt sich die Bäckerei Horst aus Oberwalgern übergangen – denn auch sie habe ein Angebot abgegeben.

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„Das Schlimmste gebannt“

Mohammad Reza Tajik (von links), Vicky Zoea Scarlet und Andrea Horst gemeinsam mit Konditor Manfred Klingelhöfer in der Produktion des „oberhessischen Backhaus Horst“.

Quelle: Andreas Schmidt

Oberwalgern. Für die Geschäftsleitung des „oberhessischen Backhaus Horst“ rund um Inhaberin Andrea Horst ist der Verkauf der insolventen Bäckerei-Kette Jungclas aus Treysa an die Kette „Hinnerbäcker“ aus der Wetterau nicht nachzuvollziehen. Denn auch die heimische Bäckerei mit Sitz in Oberwalgern habe ein Angebot abgegeben – „und zwar eines, bei dem wir ohne Entlassungen alle Filialen übernommen hätten“, sagt Mohammad Reza ­Tajik von der Geschäftsleitung.

Bereits im September vergangenen Jahres, als das „Backparadies Jungclas“ vorläufige Insolvenz angemeldet habe, hätte die Bäckerei Horst ein entsprechendes Angebot in Höhe von 500 000 Euro abgegeben. „Das war allerdings an Bedingungen geknüpft“, erläutert Tajik. Ein wichtiger Punkt sei gewesen, „dass ich gemeinsam mit einem unserer Bäcker einen Blick in die Produktion hätte werfen können. Denn wir wollten genau wissen, was dort an Investitionen auf uns zugekommen wäre“, sagt er.

Da die Bäckerei Horst am Stammsitz in Oberwalgern in die Erweiterung der Produktion investieren müsse, sei die Idee gewesen, stattdessen die Backwaren in Treysa zu produzieren und in Oberwalgern die Konditorei anzusiedeln. Dann hätte man alle 40 Filialen – sowohl die eigenen als auch die von Jungclas – von den beiden Standorten aus entsprechend beliefern können.

In mehreren Gesprächen und Mails sowohl mit dem Insolvenzverwalter als auch mit der Familie Jungclas, in deren Besitz sich die vom Filialnetz getrennte Produktionsstätte befindet, habe Tajik den Eindruck gewonnen, dass man auf einem guten Weg sei.

Hat Mitarbeiter für eigene Interessen gearbeitet?

Stutzig sei er geworden, dass ein ehemaliger Vertriebsmitarbeiter des „Hinnerbäckers“ im Sommer vergangenen Jahres bei Jungclas angeheuert habe. „Er hat seinen sicheren Job aufgegeben und kommt dann zu einer Kette, der es wirtschaftlich nicht gut geht – das hat schon einen Beigeschmack“, sagt Tajik.

Von diesem Mitarbeiter sei der Vorschlag gekommen, eine neue Gesellschaft zu gründen, die sämtliche Filialen betreibe – die Firma Horst übernehme mit einer weiteren Gesellschaft die Produktion und beliefere dann die Filialen. „Doch das war für uns nicht machbar – denn wenn die Filialen plötzlich die Ware nicht abnehmen, stehen wir mit leeren Händen da“, erläutert Vicky Zoea Scarlet. Der Verdacht der Horst-Geschäftsleitung: Der Mitarbeiter habe für seine eigenen Interessen und gegen die der Bäckerei Horst gearbeitet.

Denn: Der Insolvenzverwalter habe eine Bürgschaft über die halbe Million gefordert. „Die hätten wir sofort geliefert, wenn es zur Produktionsbesichtigung gekommen wäre“, versichert Tajik. Die Besichtigung stehe bis heute aus. Und nun habe man aus der Zeitung erfahren, dass der „Hinnerbäcker“ Jungclas komplett übernehmen solle.

Mittlerweile habe die Bäckerei Horst unabhängig vom Insolvenzverwalter die Jungclas-Filiale im Kaufland in Treysa übernommen. „Kaufland ist auf uns zugekommen“, sagt Tajik. In der Folge hätten sich zahlreiche ehemalige Jungclas-Mitarbeiterinnen beworben. Sie seien zuvor entlassen worden. „Das hätte nicht sein müssen“, so Tajik. Zudem habe er nochmals durch einen Anwalt ein Angebot abgeben lassen – allerdings nur noch für zehn Filialen, nicht für das gesamte Konvolut.

Insolvenzverwalter hat Horst „im Spiel gehalten“

Und was sagt Insolvenzverwalter Dr. Hans-Jörg Laudenbach zu den Vorwürfen? „Es gab anfangs mehrere Kaufinteressenten, die sich auf drei reduziert haben“, sagt er – das Backhaus Horst, den „Hinnerbäcker“ und eine Investorengemeinschaft. Diese habe aus dem ehemaligen Jungclas-Geschäftsführer und dem neuen Vertriebsmitarbeiter bestanden.

Also gab es doch eine eigene Agenda des Vertrieblers? „Nein, denn die ­Investorengemeinschaft ist ausgeschieden, weil sie das Ganze nicht stemmen konnte“, erläutert Laudenbach.

Als nur noch die beiden ­Bäckereien „gleichberechtigt im Rennen“ waren, wie Laudenbach versichert, habe Tajik die Kaufland-Filiale übernommen – ohne Rücksprache. „Dennoch habe ich die Bäckerei Horst im Rennen gehalten“, sagt der Insolvenzverwalter. Auf Nachfrage des Anwalts des Unternehmens Horst habe er versichert, dass es weiterhin eine Gesamtlösung geben könne.

Schon beim ersten Angebot „habe ich darum gebeten, dass mir entsprechende Banksicherheiten zur Verfügung gestellt werden“, sagt Laudenbach. Schließlich sei es um ­eine große Summe gegangen. Eine Bürgschaft habe er nicht erhalten, „dennoch habe ich Horst im Spiel gehalten, denn es ist ja nicht sinnvoll, nur mit einem Vertragspartner zu verhandeln“.

War es von langer Hand geplant?

An einem später vorgeschlagenen Herauslösen von zehn Filialen gebe es kein Interesse, „denn das hätte eine Zerschlagung bedeutet, dann hätte ich von den zentralen Verwaltungsleuten keinen einzigen Arbeitsplatz gerettet“, sagt Laudenbach. Letztlich habe er Ende Dezember 16 Mitarbeiter entlassen müssen – „dabei wird es wohl bleiben“, sagt er.

Auch Laudenbach sei es zunächst sehr seltsam vorgekommen, dass ein ehemaliger Hinnerbäcker-Mitarbeiter bei Jungclas begonnen habe, „ich habe mich zwischenzeitlich auch gefragt, ob das alles von langer Hand geplant gewesen sei“, sagt er im Gespräch mit der OP. Doch seine Nachforschungen hätten ergeben, dass der Mann sich von seinem ehemaligen Auftraggeber „nicht im Guten“ getrennt habe.

Gestern Nachmittag hat Laudenbach letztlich den Vorvertrag mit dem „Hinnerbäcker“ unterschrieben, heute findet eine Gläubigerversammlung statt, die eine Freigabe erteilen soll. „Hätte es damals eine Bankbürgschaft gegeben, dann sähe es heute vielleicht anders aus“, sagt Laudenbach. Für ihn steht fest: „Wir haben korrekt gearbeitet und das Optimale ­erreicht.“

von Andreas Schmidt

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