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Weg durch die 90er-Jahre war steinig

Bürgermeister-Laufbahn Weg durch die 90er-Jahre war steinig

1992, 1998, 2004, 2010 - und nun soll es auch 2016 noch mal klappen mit der Wahl zum Bürgermeister. Im OP-Interview bilanziert Andreas Schulz seine frühen Jahre.

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Seit 1992 ist Andreas Schulz Bürgermeister in Ebsdorfergrund.

Quelle: Privat

Dreihausen. OP: 1994 waren Sie gerade mal zwei Jahre im Amt und weigerten sich im Februar in einem öffentlichen Statement im Parlament, den soeben von CDU, ÜBE/FWG und Grünen beschlossenen Haushalt der Gemeinde mitzutragen. 1995 wurde es für Sie noch düsterer. Das Betriebsklima innerhalb der Gemeinde­verwaltung wurde öffentlich und nicht gerade zu Ihrem Vorteil diskutiert. In einem Leserbrief wurden Sie gar als der Messias aus dem Main-Kinzig-Kreis, der gekommen ist, um die Politiker und Bürger des Ebsdorfer Grundes zu erleuchten, verspottet. Welche Gedanken hatten Sie zu jener Zeit über Ihre berufliche Zukunft?

Andreas Schulz : Die ersten Jahre als Bürgermeister waren schwierig. Ich hatte in allen Gremien keine eigene Mehrheit und trat in die Fußstapfen eines Vorgängers mit völlig anderen Arbeitsweisen. Die Verwaltung war von ihm mehr als zwei Jahrzehnte geprägt, und obendrein übernahm ich einen Berg voller Schulden. Ich wollte und musste vieles anders machen.

Anfang 1993 kam noch hinzu, dass die SPD nach rund zwanzig Jahren ihre Mehrheit einbüßte. Kurz zuvor wurde ich noch von dieser ins Amt gewählt.

Fortan stand ich einer Zählgemeinschaft aus CDU, ÜBE/FWG und Grünen gegenüber. Frauen und Männer, die 20 Jahre darauf gewartet hatten, für die Verwirklichung ihrer Ziele Geld auszugeben. Und natürlich hätten sie sich einen Bürgermeister ihrer Couleur gewünscht. Stattdessen kam da ein 31-Jähriger und sagte, es sei kein Geld mehr da, es müsse gespart werden. Das gefiel vielen nicht. Statt „Ja“ zu Vorhaben zu sagen, musste immer öfter ein „Nein“ ausgesprochen werden.

Eine ganz neue Erfahrung im Grund, die sich erst einmal einspielen musste. An meiner beruflichen Zukunft in Ebsdorfergrund zweifelte ich dennoch nicht, denn ich fühlte, dass ich bei den Menschen ankam und die nächsten Wahlen für mich und die SPD entscheiden konnte. Was ja auch so kam. Heute sind viele Kritiker von damals meine Befürworter. Zugegeben: Es war ein steiniger und anstrengender Weg.

OP : Ende 1995 dann diese Schlagzeile: Zum ersten Mal in der Geschichte der Großgemeinde Ebsdorfergrund kann der Verwaltungshaushalt nicht mehr ausgeglichen gestaltet werden.“ Das bedeutete nach damaliger Haushaltsregel: Keine freie Spitze, also kein eigenes Geld für Investitionen im Haushalt 1996. 15 Millionen D-Mark, also rund 7,5 Millionen Euro, Schulden standen eh schon zu Buche. Was waren Ihre ersten Schritte, dieser Entwicklung zu begegnen?

Schulz : Ich konnte mir erklären, dass nach 20 Jahren Opposition für die Zählgemeinschaft der Wunsch nach Verwirklichung eigener Ziele groß war, nur es fehlte in der Gemeindekasse das Geld, um diese umsetzen zu können. Von Anfang an war mein Ziel eine der höchsten Gemeindeverschuldungen im Landkreis zurückzufahren. Wir konnten unmöglich noch mehr Kredite aufnehmen. Die Gemeindeorgane mussten zu allererst lernen, mit den Einnahmen auszukommen und obendrein ganz ohne Schutzschirm des Landes Schulden abzubauen.

Sie haben es selbst in ihrer Frage erwähnt, ich bin öffentlich aufgestanden, habe widersprochen und den Menschen überall zum Beispiel auch auf Seniorennachmittagen und im Festzelt erklärt, warum wir am finanziellen Abgrund stehen. Ich sollte damit Recht behalten. 1995 konnte der Haushalt nicht mehr ausgeglichen werden. Von da an gab es bei den Gemeindevertretern eine Kehrtwende in der Ausgabenpolitik und die finanzielle Erfolgsgeschichte der Gemeinde begann. Aus 7,5 Millionen Euro Schulden haben wir ein Plus von 7,5 Millionen Euro gemacht. Darauf können wir alle stolz sein und sind es auch.

OP: 1998 stellte die CDU zur Bürgermeisterwahl einen Gegenkandidaten auf, der aber nur etwas mehr als 26 Prozent gegen Sie holte. Wie erklären Sie sich im Nachhinein ein so gutes Ergebnis nach wirklich schwierigen Jahren für Sie in Ihrer ersten Amtszeit?

Schulz : Das gute Wahlergebnis 1998 war der Lohn meiner Arbeit. Meine Argumente waren bei den Bürgerinnen und Bürgern angekommen. Erste Resultate waren zu sehen. Langsam begann die Gemeinde wieder zu „atmen“. Sie konnte sich wieder Ziele setzen, wie zum Beispiel den Bau des 2006 fertiggestellten Bürgerzentrums in Dreihausen. Damit wir uns das leisten konnten, haben wir zuerst gespart, dann gebaut und vor allem den Kostenrahmen eingehalten. Letzteres ist bis heute eine unserer wichtigsten Maxime. Außerdem war es die Bevölkerung leid, dass in der Gemeindevertretung nur gestritten wurde und auch die Zählgemeinschaft sich nicht immer einig war.

Kaufkraft binden,Identität schaffen

OP: Während Ihres Wahlkampfes 1998 sagten Sie in einem „OP- Merkbuch der Wahlbekenntnisse“ unter anderem, dass Sie sich Einkaufsmöglichkeiten für den täglichen Bedarf in allen Ortsteilen wünschen. Wünschen Sie sich das heute auch noch, oder haben Sie diesbezüglich jetzt andere Vorstellungen?

Schulz: Nein - diese Vorstellung ist illusorisch geworden. Wir müssen froh sein, wenn die Einkaufsstandorte Ebsdorf, Dreihausen und Hachborn gehalten werden können. Dafür tun wir alles. Mit dem Projekt „Ebsdorf 2020“ sollen Handwerk, Handel und Gewerbe gestärkt werden. In Dreihausen wird der Einkaufsstandort derzeit aufgewertet. Der Rewe- Markt erweitert, eine Penny- und Rossmann-Ansiedlung sind derzeit im Gespräch. In Hachborn ist es gelungen, den Aldi-Markt und den Rewe-Getränkemarkt zu etablieren. Das Wohngut ist eine Bereicherung für die ganze Gemeinde. Trotzdem ist es schwer, dem Kaufkraftabfluss in die nahen Städte und dem zunehmenden Onlinehandel entgegenzuwirken. Zarte Pflänzchen - aber immerhin - sind unsere Bemühungen mit dem GrundGeldGutschein die Kaufkraft zu binden und Identität zu schaffen. Maßnahmen, die man durchaus wertschätzen kann.

von Götz Schaub

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