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Was man über den Krieg wissen muss

Dietger Lather Was man über den Krieg wissen muss

Soldaten ziehen in den Krieg - eine Binsenweisheit und trotzdem ein Tabuthema. Denn über Ängste zu sprechen, gehört nicht zu den ersten Aufgaben der Einsatz-kräfte. Nun gibt es einen Ratgeber für Betroffene.

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Häufig saß Dietger Lather während der Schreibphase am heimischen 
Küchentisch in Niederweimar. In seinem Buch arbeitet er auch Erfahrungen aus seiner Informationsarbeit in Afghanistan.

Quelle: Dennis Siepmann

Niederweimar. Es sind tausende Bücher. Sie stehen und liegen überall verteilt in seinem Haus. In Regalen, Schränken und Kisten. Es ist eine stattliche Sammlung, die Dietger Lather sein Eigen nennt. Bei einem guten Kaffee verliert er sich gern in den darin enthaltenen Geschichten. Die Liebe zum Gedruckten spiegelt sich nun auch in seinem ersten eigenen Werk wider. „Für Deutschland in den Krieg“ ist eine Mischung aus Ratgeber und Streitschrift geworden, sagt der Oberst a.D.

Geschrieben hat er es „für alle, die in den Einsatz gehen oder ihn nicht vergessen können“, wie es im Vorwort heißt. Nicht vergessen zu können, ist in diesem Zusammenhang nicht mal negativ gemeint. Lather selbst habe sich durch die Gefahrensituationen während seiner Auslandsaufträge in Afghanistan und im Kosovo persönlich verändert. „Ich bin aufmerksamer und emphatischer geworden“, sagt der ehemalige Kommandeur des Zentrums Operative Information.

Bild von Luxus und Armut hat sich relativiert

Was er in den Krisengebieten verspürte und zu sehen bekam, habe auch dazu geführt, dass sich sein Bild von „Luxus und Armut relativiert“ habe. Als weitere Folge habe er sein Leben noch konsequenter auf das ausgerichtet, was ihm wirklich wichtig ist: seine Familie. Bislang gäbe es für Soldaten, die vor einem Bundeswehr-Einsatz im Ausland stehen, keine ad-äquaten Handreichungen, die sich wirklich damit beschäftigen, was sich konkret vor Ort abspielt. Besonders an einer mentalen Vorbereitung mangele es. Die wenigen Seminare, die sich mit dieser Thematik beschäftigen, seien ausschließlich für Führungskräfte und eben nicht für den „einfachen Soldaten“.

Szenen von Gewalt und wie die Soldaten damit umgehen, spielen eine wichtige Rolle. Sowohl im Buch als auch im Einsatz. Am Anfang stehe die einfach klingende Erkenntnis, dass das Leben endlich ist und es auch in Ordnung ist, Angst zu haben und diese zu akzeptieren. Dem Thema „Ängste“ widmet Lather in seinem Buch ein ganzes Kapitel.

Im Einsatz selbst gehe es für die Soldaten dann natürlich auch um ethische Grundsatzfragen. Zum Beispiel darum, wie man als Mensch damit umgeht, selbst wenn es rechtlich abgesichert ist, mit einer Waffe auf einen anderen Menschen zu schießen. Diese moralischen Fragen würden innerhalb der Truppe fast ausschließlich von Externen behandelt. Zumeist von Pfarrern. „Dabei ist das doch ein zentrales Thema der Bundeswehr selbst“, sagt Lather.

Es ist konstruktive, aber auch offen gezeigte Kritik an der Führung, die, so glaubt Lather, auch von vielen seiner ehemaligen Kollegen geteilt wird. Problematisch sei, dass Kritik von Führungskräften außerhalb der Bundeswehr eben nicht erwünscht sei. Reflexartig komme von Seiten der Politik dann die Androhung, den Kritiker abzuberufen oder zu entlassen. „Das ist auch ein Grund, warum viele erst nach ihrer aktiven Laufbahn über ihre Erfahrungen sprechen“, sagt Lather.

Offensive hat keine Chance ohne die arabischen Staaten

Der ehemalige Kommandeur spricht mit ruhiger Stimme. Auch dann, wenn es um Leid, Tod und Trauer geht. Lather ist sich sicher, dass es auch in Deutschland zu Terroranschlägen durch den Islamischen Staat (IS) kommen wird. Dies lasse sich schlichtweg nicht verhindern. Die Reaktion von Frankreich, eigene Kampfjets in Syrien einzusetzen, sei eine reine Vergeltungsmaßnahme auf die Vorkommnisse in Paris.

Die nun ausgeführten Luftschläge, egal wie gut die Technik, wie präzise die Raketen, führe jedoch immer auch zu Opfern in der Zivilbevölkerung, erklärt Lather: „Der IS nutzt das aus, indem er seine Stützpunkte mitten in belebte Wohnviertel verlegt.“ Jedes weitere Opfer aus der der eigentlich unbeteiligten Bevölkerung ist ein Argument für den IS und dafür, sich ihrer Sache anzuschließen, um in den Krieg gegen den Westen zu ziehen.

Die einzige Möglichkeit, den IS wirksam zu bekämpfen, sei eine Offensive mit Bodentruppen. Kein westlicher Staat ist dazu bereit. Hinzu kommt, dass Russ­land und die Türkei über das Vorgehen in Syrien zer­stritten sind.

Auch müssten die arabischen Staaten eine tragende Rolle innerhalb eines Bündnisses gegen den IS bekommen. „Der Westen allein kann diese Aufgabe nicht stemmen“, sagt Lather. Eine militärische Offensive ohne die Beteiligung von Saudi-Arabien, Iran oder Ägypten sei zum Scheitern verurteilt und würde schlussendlich dazu führen, dass sich der Graben zwischen der arabischen Welt und Europa weiter vertiefe, ist sich Lather sicher.

Wie lauten die eigenen Interessen im Bündnisfall?

Militärische Einsätze sind immer auch ein Mittel der Politik, sagt Lather. In Afghanistan habe man eine Situation herstellen können, die der Abwesenheit von Krieg gleichkommt und in der das herrschende Terrorregime vertrieben werden konnte. Der Großteil der afghanischen Bevölkerung habe die Taliban nicht unterstützt. In Syrien sei es der gleiche Fall: der IS werde auch dort mehrheitlich von den Bürgern als Gefahr und Besatzer betrachtet.

Im „Krieg gegen den Terror“ schließt sich Deutschland nun seinem Bündnis-Partner Frankreich an. Aus der Vergangenheit könne man aber lernen, dass es wichtig ist, die eigenen Zielvorstellungen für einen Einsatz zu formulieren. Was will man vor Ort erreichen? Und besonders wichtig: Wie lange dauert der Einsatz? „Derzeit werden die Mandate Jahr für Jahr verlängert, ohne das gesagt wird, wann wir wieder raus sind“, erklärt Lather.

Klare Aussagen seinen deshalb so wichtig, weil die Soldaten wissen müssen, welch höheres Ziel sie in den Krisengebieten erfüllen sollen. In Afghanistan hieß das Credo, man wolle „Brunnen bohren“ und Schulen bauen. Die Wirklichkeit habe dann für die Soldaten anders ausgesehen.

Auch in Deutschland geht im Moment die Angst um: vor Terror und Tod. Dieses Thema ist für Lather eine Frage des Blickwinkels: „Jedes Jahr sterben auf deutschen Straßen 3000 Menschen. Und trotzdem fahren wir weiter Auto. Es gibt Risiken, an die wir uns gewöhnt haben und andere, vor denen wir Angst haben, obwohl sie wesentlich unwahrscheinlicher sind.“

  • Dietger Lather: „Für Deutschland in den Krieg“, Tectum-Verlag, 287 Seiten, 19,95 Euro.

von Dennis Siepmann

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