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Vom Dänner gerührt für immer

Freundschaft Vom Dänner gerührt für immer

Geschichten aus der Bundeswehrzeit gibt es viele. Diese ragt heraus: Vier Männer und ihr früherer Spieß Helmut Dänner pflegen seit den 90er Jahren eine enge Freundschaft.

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Auf die Freundschaft: Helmut Dänner (Zweiter von links) stößt an mit seinen Ziehsöhnen (von links) Joachim Hikade, Hauke Zanner und Joachim Fuchs – es fehlt der erkrankte Georg Weber. Fotos: Carina Becker

Argenstein. „Einberufungsbefehl“ heißt es auf dem Brief aus dem Jahr 1995. „Auf ein Wiedersehen mit euch freut sich euer ehemaliger Kompaniefeldwebel Helmut“. Absprungort ist Argenstein, Übernachtung im Schlafsack, Ausrüstung zum Überleben ist am Mann. Wochenendausgangskarte ist vorzulegen.

Eine Einladung im Bundeswehrjargon. Verfasst vom heute 75 Jahre alte Helmut Dänner vor rund 20 Jahren, eine seiner ersten Einladungen an „seine Jungs“ nach der gemeinsamen Zeit beim Heer. Zur Truppe der Ehemaligen gehörten in den Anfangsjahren noch zwei weitere Männer. Durch Wegzug aus der Region lichteten die Reihen sich etwas, der harte Kern ist geblieben. Joachim Hikade (48 Jahre) aus Dautphe, Hauke Zanner (46) aus Weilburg, Georg Weber (46) aus Schröck und Joachim Fuchs (47) aus Stadtallendorf kommen zweimal im Jahr als Gruppe mit „ihrem Helmut“ zusammen, halten Kontakt darüber hinaus und pflegen fast schon so etwas wie ein Vater-Söhne-Verhältnis. „Klar, das sind meine Kinderchen, meine Ziehsöhne“, sagt Helmut Dänner und guckt die drei gestandenen Männer, die dort in seinem Wohnzimmer in Argenstein sitzen, liebevoll an.

Der eine wurde Lehrer, zwei von ihnen Bänker, einer ging in die öffentliche Verwaltung. Helmut Dänner streicht dem Lehrer übers kurzgeschnittene Haar. „Sehr gut, was für eine akurate Frisur er hat“, sagt er und erklärt: „Der Hauke war immer unser Jüngster, auf ihn hatte ich schon früher ein besonderes Auge.“

Die heutige Runde mit der Zeitung, die über die ungewöhnliche Freundschaft der fünf Männer berichten will, ist nicht komplett - der vierte ehemalige Wehrdienstleistende im Bunde, Georg Weber ist erkrankt und kann nicht dabei sein. Ansonsten ist alles wie immer, befinden die Anwesenden. Joachim Fuchs erzählt. Und erzählt. Von früher und heute. Erinnert sich an Weggefährten vom Bund und an alte Geschichten, über die noch heute alle miteinander lachen können.

„Der Helmut hat die Demokratie eingeführt“

„Wir durften beim Helmut an der langen Leine laufen, laut Radio hören und freitags schon mal aus dem Fenster springen, um dem Wochen-Abschluss-Apell zu entgehen.“ Für die diplomatisch-beschwichtigenden Zusammenfassungen ist Joachim Hikade zuständig. „Also das war quasi so, dass der Helmut bei der Bundeswehr schon die Demokratie eingeführt hat als dort alles noch sehr hierarchisch war“, erklärt er, wie es war, als Wehrdienstleistender im Büro von Helmut Dänner zu arbeiten. Dieser war damals als Kompaniefeldwebel in der Jägerkaserne in Marburg der Chef von bis zu 150 jungen Männern war. Der Spieß des 6. / 310 Sanitätsbataillons.

„Ich war immer die Mutter der Kompanie, bei mir gab es kein Schleifen“, sagt der 75-Jährige, der - abgesehen von der Ausbildung in einer Gardinenweberei - sein komplettes Berufsleben bei der Bundeswehr verbracht hat. „Und wir haben da gesessen und die Dienstpläne geschrieben, auf Matritze und mit mechanischer Schreibmaschine“, erinnert sich Joachim Fuchs grinsend, bevor er von Hauke Zanner einen Rüffel bekommt, er möge nicht so viel reden. „Obwohl das mit dem Joachim auch sehr angenehm ist. Man kann mal in Ruhe essen, muss selbst gar nichts sagen, er unterhält uns schon alle“, sagt der einstige Soldat und heutige Lehrer. Was sich liebt, das neckt sich. In dieser Runde ist Hauke Zanner derjenige, der für die kleinen Sticheleien zuständig ist. Joachim Fuchs nimmt es nicht übel, er fährt fort mit dem Erzählen.

„Wir wollten unsere Bundeswehrzeit alle schnell hinter uns bringen. Und wir haben uns bemüht, vom Tannenberg runter zum Helmut in die Jägerkaserne zu kommen.“ Flur schrubben mit der Zahnbürste, so etwas habe es da nicht gegeben. „Der Helmut war ein erfrischend anderer Typ und wir sind dann auch ganz schnell auf den kleinen Dienstanzug gewechselt, das war bequemer als die steife Uniform“, berichtet er. Ob Joachim Fuchs schon immer so viel geredet hat?

„Ohne Fleiß geschieht nichts“

„Nein, gar nicht“, sagt er. Helmut Dänner schaut vom Essen auf, zwinkert und nickt kaum merklich mit einem gütigen Lächeln auf den Lippen. „Für mein Büro hab ich mir die Jungs ausgesucht, von denen ich wusste, dass sie was können“, erklärt er, wieso er damals, Ende der 80er Jahre, seine vier Ziehsöhne außerwählt hat. Als Chef einen guten Umgang mit seinen Mitarbeitern zu pflegen, das sei ganz einfach. „Die oberste Regel: kameradschaftlich sein. Und Fingerspitzengefühl an den Tag legen.“

Ein guter Umgang mit seinen Leuten - das war für Helmut Dänner immer das Wichtigste. Nach Marburg zum Heer kam er Anfang der 70er Jahre. Zuvor fuhr er mit der Marine zur See und war einer der wenigen Überlebenden eines U-Boot-Untergangs. „Das war schrecklich, ich musste die Kameraden identifizieren, die geborgen wurden“, denkt er zurück und schüttelt betrübt den Kopf. Diese Zeit ließ er mit dem Wechsel nach Marburg hinter sich, bildete sich kontinuierlich weiter und machte Karriere. „Ohne Fleiß geschieht nichts“, sagt er.

Wenige Jahre nach der Bundeswehrzeit mit seinen vier „Jungs“, es war 1992, endete Dänners Berufslaufbahn. Seither hat er Zeit für seine Hobby, zu denen an den vordersten Stellen der Garten, das Wandern, Schwimmen und Fotografieren zählt. Der Argensteiner gab beim Obst- und Gartenbauverein viele Kurse für den richtigen Obstbaumschnitt, bildete bei der DLRG die Schwimmer aus und ist, die Fotokamera im Gepäck, viel unterwegs in Feld und Wald mit seiner Frau Gisela.

Und dann sorgen noch die Treffen mit den Ziehsöhnen für Abwechslung. Immer am ersten Augustwochenende ist es soweit. Da kommt die Truppe von damals für zwei Tage zusammen. Frauen und Kinder bleiben daheim. Die Männer von der Bundeswehr sind unter sich, grillen miteinander, gehen auf Wandertour in der Rhön oder fahren Kanu auf der Lahn. „Uns fällt immer etwas ein“, sagt Joachim Fuchs. Im Dezember, wenn sich das Jahr dem Ende entgegen neigt, treffen die vier früheren Soldaten sich wieder mit ihrem einstigen Spieß, von dem sie gerührt sind auf immer.

von Carina Becker

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