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Viel Streit, aber auch viele Erfolge

Reinhold Weber verabschiedet sich Viel Streit, aber auch viele Erfolge

Mit dem Jahreswechsel 2015 auf 2016 ging in Fronhausen die Amtszeit von Reinhold Weber als Bürgermeister zu Ende. Die OP sprach mit ihm über die zurückliegenden zwölf Jahre.

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Reinhold Weber vor der Tür des Rathauses, durch die er unzählige Male als Bürgermeister gegangen ist. Er hat es während seiner zwei Amtszeiten jeden Tag gerne getan.

Quelle: Götz Schaub

Fronhausen. OP: Herr Weber, Sie sind jetzt 58 Jahre alt. Die vergangenen zwölf Jahre waren Sie Bürgermeister der Gemeinde Fronhausen. Mit Ende des Jahres ist diese Zeit für Sie vorbei. Was haben Sie nun für Ihr weiteres Leben geplant?

Reinhold Weber : Ganz ehrlich möchte ich zunächst einmal zur Ruhe kommen und alles, was war, setzen lassen. Sicher werde ich danach noch mehr tun als nur den Hund ausführen, denn weitere Betätigungsfelder bestehen. Aber ich entscheide nicht Hals über Kopf, ich möchte eben doch mal durchatmen.

OP: Das klingt jetzt nicht danach, dass Sie Ambitionen hätten, sich im Zuge der Kommunalwahl in irgendeiner Weise wieder kommunalpolitisch zu engagieren.

Weber : Richtig. Kommunalpolitisch werde ich nicht mehr in Erscheinung treten, 23 Jahre kommunalpolitische Tätigkeit sind schon eine lange Zeit. Denn bevor ich 2004 erstmalig zum Bürgermeister gewählt wurde, war ich schon elf Jahre als Gemeindevertreter, u.a. als Fraktionsvorsitzender und auch als Mitglied im Gemeindevorstand tätig. Ich habe meine Zeit gehabt, jetzt stehen andere in der Pflicht, und ich werde mich da jetzt nicht mehr reinhängen.

OP: Also tatsächlich ein echter Abschied aus der Kommunalpolitik. Allerdings einer mit aufgeräumtem Schreibtisch, was den neuen Haushalt 2016 angeht.

Weber : Was daraus gemacht wird, liegt so oder so nicht in meiner Hand. Mir war es aber sehr wichtig, dass ich zum Abschied einen ausgeglichenen Haushalt einbringen konnte. Das ist durchaus nicht als selbstverständlich anzusehen und macht mich schon stolz. Es ist das Produkt einer kontinuierlichen soliden Finanzpolitik mit dem Grundsatz, nicht mehr Geld zu verausgaben als man einnimmt.

OP: Ohne die Ansiedlung von zwei Betrieben vor den Toren Fronhausens, Seidel und Schneider, wären die Spielräume wohl gnadenlos eng geworden.

Weber : Das waren ganz sicher richtungweisende Entscheidungen und Entwicklungen für Fronhausen, deutlich bemerkbar machte sich das mit der Ansiedlung der Firma Schneider. Als Seidel kam, war ich noch Gemeindevertreter und fand das vom Grundsatz her schon in Ordnung, nur für die Gemeinde Fronhausen hätte ich mir definitiv eine andere Rolle gewünscht, da für die Erschließung und die erforderlichen Ausgleichsmaßnahmen große Zugeständnisse gemacht wurden, die zu nicht unerheblichen Belastungen für die Gemeinde führen.

Fronhausen steht mit den vorhandenen Arbeitsplätzen vor Ort gut da

Das ist uns dann später bei dem Gewerbegebiet Kammäcker-Biegen besser gelungen. Die weltmarktführende Optik-Firma Schneider nach Fronhausen geholt zu haben, betrachte ich als den größten Erfolg in meiner Amtszeit. Ich habe da über die Jahre seit Beginn der Verhandlungen bis zur Verwirklichung wirklich viel Zeit und Energie investiert, denn es war keinesfalls so einfach, die notwendigen Flächen zu finden, einige Varianten mussten abgewogen werden. Noch dazu bedurfte es einer Abweichung vom Regionalplan, da der Bereich ja als Vogelschutzgebiet ausgewiesen war. Mit den umgesetzten Ausgleichsmaßnahmen auf einer Fläche von acht Hektar konnte der Eingriff gut kompensiert werden.

Und ja, unsere Steuerkraft ist seit 2012 enorm gestiegen. Als ich angefangen habe, lagen die Gewerbesteuereinnahmen zwischen 300000 und 500000 Euro, jetzt im Mittel bei 1,7 Millionen Euro. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl steht Fronhausen mit den vorhandenen Arbeitsplätzen vor Ort gut da. Wenn alles verwirklicht wird, was absehbar ansteht, gibt es insgesamt gut 1200 Arbeitsplätze. Bezüglich der Steuerkraft gehören wir mit der Stadt Marburg, Biedenkopf, Stadtallendorf, Breidenbach und Cölbe zur Spitze im Landkreis. Ich denke, dass sich das für die Größe unserer Gemeinde absolut sehen lassen kann.

OP: Sicher eine Erfolgsgeschichte. Und das, ohne eigene Gewerbeflächen in der Hinterhand gehabt zu haben.

Weber : Im Rahmen der Umlegungsverfahren konnte sich die Gemeinde eigene Gewerbeflächen sichern, so dass neben den Neubauten von Rewe und Aldi in dem neuen Gewerbegebiet Marburger Straße weitere Ansiedlungen umgesetzt werden konnten und auch noch können. Nichts ist schlimmer als eine Anfrage von einer Firma zu erhalten und dann keine eigene Fläche im Angebot zu haben. Und ich sage es nochmal ganz deutlich, in Fronhausen herrscht diesbezüglich eine Knappheit an Fläche. Das ist eben so, wir haben schließlich noch fünf Vollerwerbslandwirte, da ist jeder Quadratmeter begehrt.

OP: Mit dem Umzug der Märkte waren auch nicht alle einverstanden.

Weber : Unter anderem liefen viele Gewerbetreibende damals Sturm gegen die Umsetzung der Märkte. Aber wir haben ein auf die Zukunft ausgerichtetes Gesamtkonzept verfolgt, das nicht nur auf die beiden Märkte abgestimmt war. Der heutige Erfolg zeigt uns, das Richtige getan zu haben.

OP: Und doch birgt Fronhausen auch ein Geheimnis, das nicht so toll ist. Mit dem Geruchsgutachten vom TÜV sind in vielen Bereichen der Kerngemeinde sämtliche Bauvorhaben erst mal nicht mehr möglich.

Weber : Ich weiß, worauf Sie hinauswollen. Die gerichtliche Auseinandersetzung mit einem Landwirt, der eine Erweiterung seiner Schweinemast anstrebte. Gegen eine Erweiterung ist eigentlich nichts zu sagen. Es ging auch nie darum, sie zu verhindern. Aber wir hatten doch schon generell in Fronhausen eine Beeinträchtigung durch Gerüche. Da kann man ein Mehr nicht einfach so hinnehmen, da muss man doch versuchen, im Miteinander eine Lösung zu finden. Wir haben das Gutachten des TÜV in Auftrag gegeben, weil wir uns über den Ist-Zustand unterhalten wollten, nicht nur über subjektive Empfindungen und ein Gutachten des Bauherrn ohne ausreichende Berücksichtigung der Örtlichkeiten, das im Rahmen des Bauantrages vorgelegt wurde.

OP: Nun ja, das Ergebnis des TÜV-Gutachtens war dann doch schon überraschend.

Weber : Sicher. Aber damit haben wir jetzt auch ein gerichtsfestes Dokument in der Hand. Es geht nun darum, eine Lösung zu finden, die allen Interessen gerecht wird und nicht einzelnen.

OP: Während Ihrer Zeit als Bürgermeister kam es öfters zu Interessenskonflikten und politischen Auseinandersetzungen. Vieles lief einfach nicht geräuschlos ab.

Weber : Als Bürgermeister kann ich ganz sicher nicht allen Forderungen gerecht werden, ich muss die Interessen aller und vor allem die Finanzen der Gemeinde im Blick haben. Als ich hier 2004 anfing, saß ich noch nicht richtig auf dem Stuhl, als mir die dringend erforderlichen und kostenintensiven Kanalsanierungen serviert wurden.

"Es war richtig"

In Sichertshausen musste aufgrund der großen Kanalschäden begonnen werden. Unter Berücksichtigung des Straßenzustandes haben wir uns dann auf die große Lösung geeinigt, sprich die Straßenfläche gleich grundhaft miterneuert, statt nur wieder zu flicken. Das wurde durchaus kontrovers diskutiert, heftiger noch als zuletzt in Hassenhausen. In beiden Fällen können sich die Ergebnisse aber sehen lassen, und die Bürgerschaft ist heute durchweg der Meinung, dass es richtig war.

OP: Naja, sicher muss man in einem Abschieds-Interview auch noch mal auf die sicher einzigartigen Vorgänge rund um die Feuerwehr zu sprechen kommen. Es ist doch schon etwas Besonderes, wenn sämtliche Führungskräfte vom Gemeindebrandinspektor bis zum stellvertretenden Wehrführer ihren Rücktritt erklären.

Weber : Das ist richtig. Aber eigentlich ging es bei all diesen Geschichten immer nur ums Geld, also um die Finanzierung von Investitionen. Wir haben in Sachen Feuerwehr nun mal das Problem gehabt, dass wir zunächst einmal in die Sicherstellung der Löschwasserversorgung investieren mussten, die vielerorts nicht gegeben war, so dass Baugenehmigungen nicht mehr erteilt werden konnten. Dazu haben wir mehrere Zisternen gebaut.

Da auch wir nicht unendlich viel Geld haben, mussten wir einfach viele wünschenswerte Dinge nach hinten verschieben, so zum Beispiel die Anschaffung eines neuen Einsatzleitfahrzeugs für rund 100000 Euro. Nachdem der Prüfbericht der Dekra für das alte Fahrzeug ergab, dass das Fahrzeug bei rund 2000 Euro Reparaturkosten noch gute fünf Jahre in Betrieb sein konnte, ohne die Sicherheit und Einsatzbereitschaft zu gefährden, was sich letztendlich mit der Indienststellung des neuen ELW im letzten Jahr auch bestätigt hat.

OP: Dann war da noch der Bruch der Fraktion „Bürger für Fronhausen“. Das führte dann mit der Gründung der Initiative Fronhausen zum Verlust einer Mehrheit zusammen mit der SPD und machte es Ihnen als Bürgermeister erheblich schwerer, Ihre Positionen auch politisch durchzusetzen. Man denke nur an die Haushaltsänderungen 2014 und 2015.

Weber : Ganz klar. Es ist nun gekommen wie es gekommen ist. Es muss aber auch erlaubt sein zu sagen, dass die vier Mitglieder, die aus der Fraktion ausschieden, die Mandate der BfF-Fraktion nicht überlassen haben. Das ist insofern nicht in Ordnung, weil sie anschließend auch gegen Aussagen des Wahlprogramms der Bürger für Fronhausen gehandelt haben. Dafür sind sie sicher nicht gewählt worden.

OP: Und doch ist es jetzt ausgerechnet die Initiative, die die neue Bürgermeisterin stellt. Claudia Schnabel gehört zu jenen vieren, die den Bürgern für Fronhausen den Rücken kehrten. Was geben Sie ihr für ihren Amtsantritt mit auf den Weg?

Weber : Das ist Wählerwille, und hierfür wird es sicherlich auch Gründe geben. Als Bürgermeisterin wird sie jedoch schnell feststellen, dass sie bei Entscheidungsfindungen den Gemeindehaushalt stets im Blick haben muss. Zum Start wünsche ich ihr, dass sie genügend Zeit bekommt, sich einzuarbeiten. Auf jeden Fall findet sie motivierte Mitarbeiter in einer gut funktionierenden Verwaltung im Rathaus vor, auf die sie zurückgreifen kann. Sollte sie noch die eine oder andere Frage haben, kann sie sich gern an mich wenden. Das gehört sich so für einen Amtsvorgänger.

OP: Mit welchem Projekt wären Sie gerne noch etwas weitergekommen als Bürgermeister?

Weber : Auch wenn viel erreicht wurde, gibt es stets Dinge, die noch umgesetzt werden müssten. Wenn Sie aber so genau fragen, dann sage ich: mit der Ausweisung von Baugebieten. Wie schon einmal erwähnt, ist es nicht so einfach, Flächen bereitzustellen. Mitunter waren die Forderungen der potenziellen Grundstücksverkäufer, die über den Verkauf der Grundstücke noch ein Mitspracherecht bei der Vergabe haben wollten, für eine Gemeinde einfach nicht zu akzeptieren.

OP: Bleibt nur noch die Frage nach Ihrem Abschied.

Weber : Nun, da muss man nicht viele Worte verlieren. Ich bin fest überzeugt, dass die Bürgerinnen und Bürger wissen, dass sich in meiner Amtszeit viel in Fronhausen getan hat. Darauf bin ich stolz und gehe auch mit gutem Gewissen. Fronhausen hat eine gute Zukunftsperspektive. Gerne hätte ich mich in der letzten Gemeindevertretersitzung meiner Amtszeit, wie bei anderen Gemeinden üblich, von allen verabschiedet. Bei der Aufstellung der Tagesordnung war man sich wohl noch nicht bewusst, dass ich Ende des Jahres aus dem Amt scheide.

von Götz Schaub

Offene Worte vom „Nachbar“ zum Abschied
Fronhausen. Keine offizielle Verabschiedung von Reinhold Weber aus dem Bürgermeisteramt in Fronhausen. Da greift sein „Nachbar“-Bürgermeister Andreas Schulz (Ebsdorfergrund) zu einem ungewöhnlichen Mittel und schreibt ihm spontan einen offenen Brief:
„Hallo Fronhausen, lieber Kollege Reinhold, nun endete deine 12-jährige Amtszeit. Anlass für mich besonders als Nachbürgermeister, aber auch für die Kollegen im Kreis, Danke zu sagen. Danke für die vertrauensvolle und gute interkommunale Zusammenarbeit. Auf dich war immer Verlass, dein Wort zählte, deine Meinung stand. Was eigentlich eine Tugend ist, ist in der Politik oft schwierig.
Du hast viel für Fronhausen geleistet. Industrieansiedlung, Verbesserung der Infrastruktur zum Einkaufen, die Dorferneuerung, autofreier Sonntag, Radweg nach Hachborn, Baugebietsausweisungen, die gemeinsame Flächennutzungsplanung Windkraft und zuletzt ein ausgeglichener Haushalt, um nur einiges zu nennen.
Die Finanzen der Gemeinde waren dir wichtig. Dafür hast du manchen Konflikt in Kauf genommen. Mit der Kirche, der Feuerwehr – nicht immer diplomatisch, aber mutig.
Warum schreibe ich das hier?
Nun, eine offizielle Verabschiedung, wie andernorts üblich, hat es nicht gegeben.
Dort wäre Gelegenheit gewesen, dich auch von unserer Seite zu verabschieden und Danke zu sagen. Verdient hättest du es, auch wenn sich manch einer auch freuen wird, wenn du kein Bürgermeister mehr bist. Du kannst dich nun auf neue Aufgaben und über mehr Zeit freuen.“
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