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Ursula Fischer: "Hier wissen alle, dass ich gern helfe"

OP-Serie: Dank fürs Ehrenamt Ursula Fischer: "Hier wissen alle, dass ich gern helfe"

Ursula Fischer ist da, wenn jemand Hilfe benötigt. Dabei ist es egal, ob ein ganzer Hilfsgütertransport auf die Beine gestellt werden soll oder ob jemand nur eine tröstende Umarmung braucht.

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Tochter Stephanie Meister mit ihrer Tochter Sophia auf dem Arm, Fördervereins-Geschäftsführer Reinhold Beck und Maggy Biecker (rechts) freuen sich mit Ursula Fischer über den „Danke fürs
Ehrenamt“.Foto: Carina Becker

Heskem-Mölln. Ursula Fischer weiß nicht, was ihr heute blüht. Sonst ist sie diejenige, die überraschend an den Haustüren von anderen klingelt. Um älteren und alleinstehenden Menschen einfach einmal einen guten Tag zu wünschen, beispielsweise. Oder um einen Einkauf zu übernehmen. Oder auch nur, um mal ein gutes Wort zu spenden, das bei Krankheit und Einsamkeit Wunder wirken kann.

Heute ist es andersherum. Ursula Fischer bekommt Überraschungsbesuch. Die halbe Familie ist zum Kaffeetrinken und Kuchen-essen versammelt - da klingelt es an der Haustür. „Ja, was kann ich für Sie tun“, ruft Ursula Fischer freundlich lächelnd von der Haustür den Gartenweg hinab. „Wir wollen zu Ihnen, Frau Fischer!“, ruft Reinhold Beck. Der Geschäftsführer des Fördervereins für das Ehrenamt im Landkreis marschiert mit einem großen Strauß bunter Blumen auf die völlig ahnungslose Ursula Fischer zu. „Heute wird Ihnen ein Dank überbracht - für all das, was Sie seit so vielen Jahren für andere tun“, sagt Reinhold Beck, an der Haustür angekommen.

„Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“

Ursula Fischer strahlt übers ganze Gesicht. „Habt ihr das gemacht?“, fragt sie und wendet sich damit an ihre Tochter Stephanie und an ihre Schwester Maggy. Die beiden lachen. „Das gibt‘s ja gar nicht“, sagt Ursula Fischer und lacht. Mit nichts dergleichen hat sie gerechnet, die 63-Jährige, die zumeist im Alleingang loszieht, um für andere da zu sein. „Mein Glaube ist mir sehr wichtig - deshalb mache ich das alles“, erklärt sie, „um anderen etwas zu geben, weil wir alles haben, was wir brauchen“, sagt sie und lacht mit dem für sie typischen offenen und herzlichen Lachen.

Ursula Fischer strahlt Freude, Zufriedenheit und Kraft aus. „Das ist mein Motto“, zitiert sie aus dem Matthäus-Evangelium: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Ihre Dienste, den Einsatz für alte und kranke Menschen im Altenheim, die Andachten, die sie dort hält, die Begleitung psychisch Kranker, die 500 Bananen-Kartons voll mit Kleidern und Spielsachen, die sie alljährlich für die Moldawienhilfe Gladenbach-Mornshausenpackt, die Küster-Arbeiten, die sie in der katholischen Kirchengemeinde in Cappel leistet - für all das ist ihr Glaube der Antrieb.

„Ich habe mit Gott etwas abgesprochen“

„Und ich will noch mehr machen“, berichtet sie, und Ehemann Richard, Tochter Stephanie, Schwester Maggy und die anderen Familienmitglieder, die dort bei Kaffee und Kuchen versammelt sind, müssen sie jetzt fast schon bremsen. „Usch, du machst doch eh schon so viel“, sagt die Schwester. Aber „die Usch“ erklärt: „Ich habe mit Gott aber etwas abgesprochen: Wenn wir ein gesundes Enkelkind kriegen, dann will ich noch mehr machen.“ Enkeltochter Sophia sitzt auf dem Schoß der Mutter mit an der Kaffeetafel - das fast fünf Monate alte Mädchen ist gesund und munter. Und Ursula Fischer will Wort halten. „Hier im Dorf wissen alle, dass ich gern helfe“, erklärt die 63-Jährige. Seit 30 Jahren ist die zweifache Mutter und Ehefrau quasi nicht mehr zu bremsen - einmal setzte sie aufgrund einer schweren Krankheit für ein halbes Jahr aus. Ansonsten war und ist sie im Dauereinsatz für alle, die ihre Unterstützung brauchen.

Das reicht von der kleinen Nachbarschaftshilfe und von den Diensten, die sie als Mitarbeiterin der katholischen Kirche verrichtet, bis hin zur längerfristigen Begleitung von Menschen, die eine ganz schwere Zeit durchmachen. „Da hab ich mitgekämpft, da hab ich mein ganzes Herzblut reingelegt“, erzählt Ursula Fischer und erzählt von der leidvollen Geschichte einer psychisch erkrankten 30-Jährigen, die nach einem Selbstmordversuch beide Beine verloren hatte und sich mit Ursula Fischers Unterstützung zurück ins Leben kämpfte. „Ich bin so froh, dass sie es geschafft hat“, sagt die 63-Jährige und berichtet, dass sie mit ihrem einstigen Schützling Kontakt hält. Wie schafft ein Mensch das alles? Wie weit reicht die Kraft, wenn man allein an einem Nachmittag 500 Kartons mit Hilfsgütern auf einen Lastwagen hebt, am nächsten Tag eine Andacht im Altenheim hält, nachdem man die Nachbarin zum Arzt begleitet hat und noch einen Hausgottesdienst für die Menschen vorbereitet, die es nicht mehr schaffen, ihr Dorf für den Kirchgang zu verlassen? „Klar, manchmal bin ich erschöpft und denke, jetzt kann ich nicht mehr weiter - aber dann bete ich und am nächsten Tag geht es mir wieder gut“, sagt die unverwüstliche Ursula Fischer, die so viel Kraft aus ihrem Glauben schöpft, dass sie davon abgeben kann.

von Carina Becker

Zur Serie "Danke fürs Ehrenamt":

Mitte September dieses Jahres rief der Verein zur Förderung des Ehrenamts im Landkreis zur Nominierung auf: Wer leistet ohne Bezahlung etwas Besonderes für andere Menschen? Das war die Leitfrage. 44 Vorschläge gingen bei der Jury der Kampage „Danke fürs Ehrenamt“ ein – 44 beeindruckende Geschichten über freiwilliges Engagement. Die Jury hat fünf Preisträger ausgewählt, ihnen Danke gesagt und sie beschenkt bei einem Überraschungsbesuch daheim oder an ihren Wirkungsstätten. Die OP stellt diese fünf Menschen in dieser Woche vor – bis einschließlich Freitag, dem Internationalen Tag des Ehrenamts. Fünf beispielhafte Geschichten über Menschen, die für andere da sind.

Teil 1: Marion Fuchs, Fronhausen

Teil 2: Silke Schleicher, Marburg

Teil 3: Ursula Fischer, Heskem-Mölln

Teil 4: Renate Debus, Biedenkopf

Teil 5: Otto Fuchs, Breidenbach

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Danke fürs Ehrenamt

Zweimal Kinderturnen an einem Abend und hinterher noch Damengymnastik. Der Einsatz von Marion Fuchs in Fronhausen dauert seit drei Jahrzehnten an. Auch über den Sport hinaus mischt die 52-Jährige kräftig mit.

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