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Teppichmesser wird zur Tatwaffe

Aus dem Gericht Teppichmesser wird zur Tatwaffe

Eine Szene wie im Film: Zwei Männer streiten mit einem stark alkoholisierten Nachbarn. Als einer von den beiden den Betrunkenen zum Gehen bewegen will, zückt dieser ein Teppichmesser und schlitzt dem Mann den Hals auf.

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Nachbarschaftsstreit: Unter Alkoholeinfluss griff ein Mann zu seinem Teppichmesser und schlitzte seinem Nachbarn den Hals auf.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Abgespielt hat sich diese blutige Szene allerdings nicht in einem Film, sondern in einem Ortsteil der Gemeinde Ebsdorfergrund im Frühjahr 2014. Am vergangenen Donnerstag wurde der Fall nun vor Richterin Steinmann verhandelt. „Ich habe mir sofort an die Kehle gefasst, da war alles voller Blut und habe zu meiner Freundin nur gesagt: Schatz, ruf‘ den Krankenwagen, der Mann hat mir den Hals aufgeschlitzt!“ Mit diesen Worten beschrieb das Tatopfer die Situation.  

Der 38 Jahre alte Angeklagte schilderte zunächst seine Sicht der Dinge. Wegen familiären Problemen sei er zu dieser Zeit häufiger abends betrunken gewesen. Nach einer halben Flasche Whiskey habe er sich an dem besagten Abend eher zufällig zu den beiden Zeugen hinzugesellt. „Die Musik lief und die beiden haben an einem Auto geschraubt. Die Kinder und Frauen waren im Garten. Meine Nachbarn boten mir ein Bier an, und wir haben uns unterhalten.“ Was zunächst harmlos begann, geriet schnell außer Kontrolle. Einer der beiden befreundeten Schrauber erinnerte sich, dass der Angeklagte gegenüber einem weiteren Bekannten geäußert habe, dass er dem anderen die Frau ausspannen wolle.

Nach Angaben des Angeklagten, sind die beiden Nachbarn sofort in Wut geraten: „Ich wollte mich gar nicht prügeln, also bin ich weg“, beteuerte der 38-Jährige. Die beiden Männer kamen hinter ihm her: „Für mich war klar, die wollen mir an‘s Leder, die schlagen mich tot.“

Angeklagter schlitzt Nachbarn im Streit den Hals auf

Daraufhin habe er in seiner Arbeitshose gegriffen und das Teppichmesser herausgeholt. „Ich wollte nur eine abschreckende Bewegung machen. Dann kam mir einer der beiden so nahe, dass ich ihn am Hals erwischt habe. Ich wollte ihn nicht verletzen, aber das ging alles wahnsinnig schnell“, versichert der Angeklagte.

Aus Sicht der Staatsanwaltschaft und der Richterin gab es bei der Schilderung einige Ungereimtheiten, vor allem in Bezug auf das Tempo, mit dem der Beschuldigte aus dem Haus der Nachbarn floh, und der geringen Distanz, die er nach dem Fluchtversuch zwischen sich und die Männer brachte. Der gebürtige Marburger meinte dazu: „Mit 1,6 Promille läuft man eben nicht mehr sehr schnell!“

Die Aussagen des Opfers und seines Bekannten samt beider Ehefrauen wichen ebenfalls teils deutlich von der Aussage des Beschuldigten ab. Die beiden Männer hätten dem Angeklagten nichts zu trinken angeboten. Der Angeklagte wäre schon sehr betrunken gewesen. „Wir haben uns eine Weile unterhalten, dann hat er angefangen herumzustänkern und unsere Frauen zu beleidigen“, erinnerte sich das 32 Jahre alte Opfer. Zunächst ging der Angeklagte etwas zurück, fing aber immer wieder an zu fluchen und beschimpfte die Männer. Fordernd habe das Opfer ihn darauf hingewiesen zu gehen. „Da zückt er das Messer, und ich sah wie er auf meinen Hals zielt.“

Urteil: Ein Jahr und drei Monate ohne Bewährung

Der zweite Mann bestätigte im Wesentlichen die Schilderungen des Opfers, wobei sowohl Staats- als auch Rechtsanwalt und Richterin immer wieder nachfragen mussten, da vor allem Details zu Distanzen, Positionen, Zeiträumen und Alkoholisierungsgraden zu ungenau waren. Einig waren sich beide Männer aber vor allem in der Schilderung des beleidigenden Satzes über die Frauen, welcher den Streit hatte eskalieren lassen und vor allem darin, dass der Angeklagte den Schnitt gezielt ausgeführt habe. „Dreimal hat er das Messer herausklacken lassen bevor er zielte“, so der Zeuge. Die beiden Frauen hatten von der Auseinandersetzung vom Garten aus wenig mitbekommen, bestätigten aber den groben Ablauf.

Bei der im Anschluss schnell erfolgten Verhaftung gab der Beschuldigte an, von den Polizisten schwer misshandelt worden zu sein, was der als Zeuge geladene Beamte verneinte. Sowohl das Opfer, das von der Tat zum Glück nur eine Narbe zurückbehielt, als auch der Zeuge waren in der Vergangenheit bereits mit der Polizei in Kontakt getreten, wobei Ersterer auch psychiatrisch untersucht worden war, allerdings ohne Befund.

Staatsanwalt, Rechtsanwalt und die Richterin sprachen im Anschluss an die Hauptverhandlung darüber aufgrund der zweifach beschriebenen zielgerichteten Ausführung des Messerschnitts, ob das Verfahren einem Schwurgericht überstellt werden muss, da eine Tötungsabsicht unterstellt werden könnte. Richterin Steinmann entschied sich schließlich dagegen, der Angeklagte wurde daraufhin wegen gefährlicher Körperverletzung zu einem Jahr und drei Monaten ohne Bewährung verurteilt. Die Parteien behielten sich allerdings weitere Rechtsmittel vor.

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