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Stolpersteine gegen das Vergessen

Ebsdorf Stolpersteine gegen das Vergessen

Sieben Stolpersteine erinnern ab sofort an die beiden jüdischen Familien von Ebsdorf, die von Nationalsozialisten vertrieben und teils bis zum Tod verfolgt wurden.

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Gedenken vor dem ehemaligen Wohnhaus der jüdisch gläubigen Familie Lion in der Trumstraße 8 in Ebsdorf: Mehr als 70 Bewohner aus Ebsdorf und Umgebung nahmen teil.Fotos: Ina Tannert

Ebsdorf. „Der Zweite Weltkrieg war ein Ereignis, das in seinen Dimensionen an Schrecken, Gewalt und millionenfachem Tod so in der Geschichte der Menschheit bisher noch nicht vorgekommen war“, erinnerte Wolfgang Richards, Vorsitzender des Heimat- und Verschönerungsvereins Ebsdorf während einer feierlichen Gedenkveranstaltung für die beiden jüdischen Familien, die zur Zeit des Nationalsozialismus aus ihrer Heimat Ebsdorf vertrieben und teilweise ermordet wurden.

Die Vereinsmitglieder, Vertreter der Gemeindeverwaltung Ebsdorfergrund, der Jüdischen Gemeinde Marburg, des Arbeitskreises Landsynagoge Roth und rund 70 Bewohner aus Ebsdorf und Umgebung gedachten am vergangenen Sonntag der ehemaligen Mitbürgern.

Die beiden vertriebenen Familien Walldorf und Lion wären heute seit mehr als 100 Jahren in Ebsdorf ansässig gewesen. Zu ihrem Gedenken trugen die Vereinsmitglieder einen Nachruf zu jedem der sieben ehemaligen Ebsdorfer vor, deren Biografien anhand von zeitgenössischen Dokumenten und Zeitzeugenberichten durch das Archivteam des Vereins aufbereitet wurden. Moses Walldorf kam um 1910, mit rund 26 Jahren, zusammen mit seinen Eltern Aron und Hanna Walldorf sowie seiner Schwester Auguste nach Ebsdorf. Dort heiratete er Thekla Theisenbach aus Hatzbach. Das Paar lebte in der Bortshäuser Straße 18 und bekam zwei Kinder, Henni und Max. Noch vor Beginn des Ersten Weltkrieges leitete Moses Walldorf gemeinsam mit seinem späteren Schwager Emanuel Lion, den es etwa zur gleichen Zeit in den Ort gezogen hatte, das örtliche Manufaktur- und Kolonialwarengeschäft. Durch die Heirat von Emanuel Lion und Auguste Walldorf verband die beiden Familien später nicht nur eine geschäftliche, sondern auch eine enge Verwandtschaftsbeziehung. Das Ehepaar Lion lebte in der Turmstraße 8 in Ebsdorf. Im Jahr 1915 wurde Sohn Leopold geboren, der seine Kindheit und Schulzeit noch in Ebsdorf verbringen konnte.

Im Zuge der nationalsozialistischen Machtergreifung und der wachsenden anti-jüdischen Staatspolitik und „Arisierung“ waren die Familien schließlich gezwungen, ihr Geschäft aufzugeben und weit unter Wert an die Gemeinde zu verkaufen. Aufgrund des immer stärker werdenden staatlichen Drucks versuchten beide Familien in die Anonymität der Stadt zu entkommen und siedelten im Jahr 1936 nach Marburg um. Etwa zur gleichen Zeit flohen beide Kinder der Familie Walldorf vor der zunehmend menschenunwürdigen anti-jüdischen Gesellschaftsordnung ins südafrikanische Johannesburg.

Ihr Onkel Emanuel Lion verstarb ein Jahr später in einem Krankenhaus in Frankfurt. Seine Frau und Sohn Leopold blieben noch vier weitere Jahre in Marburg, bis beiden 1941 die Auswanderung in die sichere USA gelang. Kurz darauf brach der Briefkontakt zu Bruder und Schwägerin ab. Moses Walldorf und seine Frau Thekla erlagen der grausamen Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten. Beide wurden während der ersten Kriegsjahre von Marburg aus erst in das Ghetto Lublin deportiert und im Juni 1942 im Vernichtungslager Sobibor ermordet.

Auguste Lion verstarb im Jahr 1979 im Bundesstaat Connecticut. Ihr Sohn Leopold sowie dessen Cousin Max und Cousine Henni besuchten zu Lebzeiten noch mehrfach ihre alte Heimat Ebsdorf.

Zu Ehren der Vertriebenen erinnern gravierte Stolpersteine vor ihren ehemaligen Wohnhäusern in der Turmstraße wie an der Bortshäuser Straße an die ehemaligen jüdischen Mitbürger.

Im Gedenken an ihre ermordeten Großeltern nahm auch Hazel Pollak, geborene Walldorf, Enkelin des ermordeten Ehepaares, gemeinsam mit Ehemann Klaus-Dieter und Tochter Vivien an der Gedenkveranstaltung teil. „Wir können Unrecht nicht ungeschehen machen. Was wir tun können, ist anderen Menschen mit Toleranz und Menschlichkeit zu begegnen und die Erinnerung an das Geschehene wachzuhalten und an unsere Kinder weiterzugeben“, betonte Hazel Pollak berührt von der Gedenkveranstaltung.

von Ina Tannert

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